Sonntag, 15. Dezember 2019

Weidewirtschaft braucht Hilfe der Politik

Die Zukunft der Weidewirtschaft im Vinschgau stand bei der von der European Wilderness Society organisierten Veranstaltung am Samstag in der Tschenglsburg im Fokus.

Max Rossberg, Chairman von European Wilderness Society, bei der Tagung auf der Tschenglsburg.
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Max Rossberg, Chairman von European Wilderness Society, bei der Tagung auf der Tschenglsburg. - Foto: © European Wilderness Society

Gemeinsam mit dem Nordtiroler Wanderschäfer Thomas Schranz erläuterte Max Rossberg, Chairman der European Wilderness Society, am Samstag in Tschengls Daten und Fakten rund um die Weidewirtschaft. Im Mittelpunkt: die Rückkehr der Wölfe und der gleichzeitige Schutz der Weidetiere.

Thomas Schranz aus Tösens bei Landeck setzt sich seit langem für den Erhalt der Weidewirtschaft ein und weiß um ihre Notwendigkeit. Gezielte Weideführung und aktive Behirtung sorgt für Erosionsschutz und Artenvielfalt, verbessert die Gesundheit und die Versorgung der Weidetiere, dient als Wasserspeicher am Berg und erhält die Almlandschaften auch für jene, die nachrücken: „Wir müssen für die Zukunft der kommenden Generationen von Weidetierhaltern sorgen. Denn wenn eine Stalltüre zugeht, wird sie nie wieder geöffnet“.

Sicherlich bedeutet die Präsenz von Beutegreifern eine zusätzliche Herausforderung zu den bereits seit Jahren bestehenden ungelösten Problemen der Landwirtschaft, denen er sich wie bereits viele andere Landwirte auch, mit geführter Weidehaltung und Behirtung entgegenstellt. Diese Themen waren es auch, die im Anschluss an die Veranstaltung bei etlichen Schafbauern, Hirten und Vertretern von Verbänden für reges Interesse bis in den späten Abend sorgten.

„Seit Oktober 2019 ist per Beschluss des Europäischen Gerichtshofes kein Wolfabschuss erlaubt“, sagte Max Rossberg. „Die einzige Ausnahme ist jene, wenn er innerhalb einer Einzäunung vorzufinden ist. Und das bedeutet flächendeckenden Herdenschutz.“

Ausgehend von dieser Faktenlage – die auf der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie zum Schutz der Artenvielfalt beruht – und einer in Zukunft steigenden Wolfspopulation in Südtirol müssten sich Weidetierhalter in Südtirol jetzt organisieren. Sie sollten die notwendigen Maßnahmen von den zuständigen Verbänden und der Politik einfordern, sagt Rossberg: „Denn eine Haltung, die sich in einem Pro oder Contra Wolf ausdrückt, behindert die Zukunft der Weidewirtschaft in Südtirol. Sie ist deswegen von gestern, weil es gar keine andere Möglichkeit gibt, als sich dem Wolf zu stellen. Und: die Entscheidung über den Schutzstatus von Arten liegt nicht in den Landwirtschafts-, sondern in den Umweltressorts der Europäischen Länder.“

Das Argument, Herdenschutz würde in Südtirol nicht gehen, konnten die bereits in der Schweiz als Hirtinnen und Hirten arbeitenden jungen Südtiroler nicht nachvollziehen. Deren Wunsch für eine Rückkehr in ihre Heimat, um ihr Wissen an Kollegen und Kolleginnen weiterzugeben: politische Weichenstellung in Form von verstärkter finanzieller Unterstützung der Weidetierbauern und eine angemessene Bezahlung für die Behirtung.

Zukünftige Hilfestellung könnte von der European Wilderness Society kommen: Für 2020 plant sie ein grenzüberschreitendes LIFE-Projekt, angeführt von Bio Austria: 5 Jahre lang würde dann bis zu 1.000 Bauern die Herdenschutzausbildung finanziert, rund 350 Herdenschutzberater und Hirten könnten ausgebildet werden, eine Prüfung für Herdenschutzhunde würde angeboten, etliche Aspekte rund um den Tourismus könnten gemeinsam erarbeitet werden.

„Für dieses Drei-Länder-Projekt nimmt die EU insgesamt 5 Millionen Euro in die Hand“, sagt Max Rossberg, „aber es wird die Bedeutung der Landespolitik für die Zukunft der Almwirtschaft nicht ersetzen können. Weidewirtschaft braucht die Unterstützung der Konsumenten und der Politik.“

stol