<BR /><BR /><b>Sie haben in Ihrem Vortrag bei der diesjährigen Weinbautagung über „Licht und Schatten in Südtirols Weinwirtschaft“ gesprochen. In den letzten Jahren hatte man angesichts der unzähligen Auszeichnungen den Eindruck, die heimische Weinwirtschaft hab einen Fixplatz an der Sonne, oder nicht? </b><BR />Klaus Gasser: Natürlich sind wir nicht in der Sonne gewachsen, sondern die Südtiroler Weinwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ihren mittlerweile verdienten Platz an der Sonne hart erarbeitet. Damit haben wir heute eine starke Ausgangsposition. Dennoch gibt es gewisse Faktoren, die uns beeinflussen: Die letzten Jahre und Monate waren von Unsicherheiten geprägt – zuerst wegen der Coronakrise, dann wegen des Ukrainekrieges, der Energiekrise, der hohen Inflation usw. Dazu kommen der Konsumrückgang und der Personalmangel. <BR /><BR /><b>Stichwort Konsumrückgang: Das französische Weinbaugebiet Bordeaux hat den Konsumrückgang stark zu spüren bekommen, Bordeaux-Wein ist nicht mehr so gefragt, vor allem in China ist die Nachfrage eingebrochen: Die Folge ist ein gewaltige Überproduktion, der Wein muss zu Schleuderpreisen verkauft werden. Ein ähnliches Problem hat Australien, das ebenso unter einer Überproduktion leidet. Wie sehr muss sich die Südtiroler Weinwirtschaft wegen dieser Weinkrisen Sorgen machen? </b><BR />Gasser: International steht das Rotweinsegment tatsächlich stark unter Druck vor allem wegen der eingebrochenen Nachfrage aus China. Für Südtirol sehe ich diese Entwicklungen nicht so problematisch, weil wir uns als Weißweinproduzenten positioniert haben. Aber sicher: Eine Glaskugel hat niemand und eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nie und man kann sich nicht gegen alles wappnen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-63136748_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Man kann sich vielleicht nicht gegen jede Krise wappnen, aber ein paar Maßnahmen kann man schon treffen, um weiter auf der Sonnenseite zu stehen. Sie sagen zum Beispiel, man sollte auf vielen Märkten präsent sein, um das Risiko zu streuen. Passiert das in Südtirol noch zu wenig? </b><BR />Gasser: Es hat sich in Vergangenheit schon sehr viel getan, wenn man bedenkt, dass in den 90er Jahren 80 Prozent der heimischen Weine in Südtirol verkauft wurden.<BR /><BR /><b>Heute sind es an die 38 Prozent, etwa gleich viel wird auf dem italienischen Markt abgesetzt und der Rest geht in den Export.....</b><BR />Gasser: Mittlerweile ist die Südtiroler Weinwirtschaft auf 60 Märkten unterwegs. Das ist sicherlich ein großer Aufwand, aber im Mittel- bis Hochpreissegment ein Muss. Ich sage immer: Je günstiger man ist, desto weniger weit muss man sich bewegen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="987721_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Müsste da mehr von Seiten des Konsortiums Südtirol Wein und von IDM getan werden? Gerade IDM stand ja des Öfteren auch wegen des Agrarmarketings in der Kritik...</b><BR />Gasser: Südtirol Wein hat die Aufgabe, die Südtirolmarke nach außen zu tragen – und das gelingt gut. Es wäre wichtig, dass IDM und Konsortium eine starke Zusammenarbeit finden, weil das Konsortium die Bedürfnisse der Betriebe manchmal besser kennt. Aber: Die Verantwortung liegt nicht nur bei diesen Gremien und Einrichtungen. Wir sind alle mündige Bürger und die Betriebe habe eine Eigenverantwortung, die Initiative zu ergreifen, neue Märkte für sich aufzubauen und zu pflegen. Die Unterstützung vonseiten der IDM und des Konsortiums ist sicher wichtig, und dass alle Märkte in Betracht gezogen werden, aber die Betriebe müssen sich selbst weiterentwickeln und sich personaltechnisch entsprechend aufstellen – auch wenn das sicher eine große Herausforderung ist. <BR /><BR /><embed id="dtext86-63136749_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Südtirols Weinwirtschaft wirbt gern mit seiner Vielfalt an Weinen – Sie hingegen sagen: Sortenvielfalt erschwert das Profil, man sollte sich in der Kommunikation auf wenige Leitsorten beschränken...</b><BR />Gasser: Grundsätzlich wäre es sinnvoll, einige wenige Leitsorten in einem Gebiet zu haben. Der Konsument denkt dann bei einem bestimmten Gebiet an diese eine Leitsorte, so wie man zum Beispiel beim Chianti-Gebiet an Sangiovese denkt oder bei Barolo an Nebbiolo-Trauben. Mit einigen wenigen Sorten - 2 bis 3 maximal - tut sich der Konsument leichter, Südtirol eine Identität zu geben. Es erleichtert also die Kommunikation. Ich kann dem Konsumenten ja nicht erzählen, dass alle unsere Weine super sind – das ist unglaubwürdig. Und das heißt auch nicht, dass man die anderen Sorten vergessen soll. <BR /><BR /><b>Südtirols Weinwirtschaft plant, demnächst Lagenkennzeichnungen einzuführen. Aber je nach Lage dürfen eine bis 5 Rebsorten den Lagennamen tragen. Da setzt man wieder auf die Vielfalt – ein Fehler also?</b><BR />Gasser: Optimal ist sicher anders. Aber das ist ein erster Schritt und dann wird man sehen, ob es in einigen Jahren eine Modifikation gibt. Die Lagenkennzeichnung ist jedenfalls essentiell wichtig, um dem Konsumenten die Herkunft zu demonstrieren. Aber diese Diskussion ist schwierig, weil jeder verständlicherweise seine Sorte im Vordergrund sehen will, da spielen dann auch „politische“ Entscheidungen mit. <BR /><BR /><b>Für welche Leitsorten wäre aber aus Ihrer Sicht Südtirol ideal?</b><BR />Gasser: Wir hätten gute Voraussetzungen für den Chardonnay, der allerdings schon vom Burgund besetzt ist. Den Weißburgunder hingegen hat noch kein Land für sich identifiziert. Allerdings sind wir nicht überall imstande, Top-Qualitäten zu liefern, aber von der Anbaufläche her hätte er Potenzial. Daneben bräuchte es eine Rotweinsorte: Laut dem internationalen Trend wäre der Blauburgunder ideal. Der Lagrein wäre zwar typischer für Südtirol, ist aber im Export schwierig, weil er zu wenig bekannt ist. <BR /><BR /><b>Abschließend: Wie steht Südtirols Weinwirtschaft da?</b><BR />Gasser: Eigentlich sehr gut. Ganz Europa beneidet uns, dass unsere Genossenschaften dermaßen hohe Qualität liefern und die Familienbetriebe so ein gutes Auskommen haben. <BR /><BR /><BR /><BR />. <BR /><BR /><BR /><BR />