<BR /><b>Frau Loose, blicken wir zunächst nach Deutschland: Die deutsche Weinwirtschaft steuert auf eine der größten Krisen der letzten Jahrzehnte zu, heißt es. Ist die Situation wirklich so schlimm? <BR /></b>Simone Loose: Ja, die Lage ist tatsächlich sehr ernst. Die deutsche Weinwirtschaft steht vor der größten strukturellen Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Das hat mehrere Ursachen: Zum einen sinkt seit Jahren der Anteil der Haushalte, die überhaupt noch Wein kaufen – auch aus kulturellen Gründen. Denn in einem Einwanderungsland wie Deutschland leben viele Menschen, in deren Herkunftskulturen Alkohol kaum oder gar nicht konsumiert wird. Hinzu kommen die aktuelle Wirtschaftskrise und eine spürbare Zurückhaltung der Konsumenten. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73171491_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Und zum anderen belasten die Betriebe stark gestiegene Kosten...</b><BR />Loose: … vor allem für Energie und Arbeit. Der zunehmende Mindestlohn wirkt sich hier besonders deutlich aus. Gleichzeitig ist die Rebfläche mit rund 100.000 Hektar praktisch unverändert geblieben. Das Ergebnis: Die Nachfrage liegt deutlich unter dem Angebot. <BR /><BR /><b>Frankreich musste wegen der Überproduktion schon tausende Hektar Reben roden – kommt das auch in Deutschland?</b><BR />Loose: Die Branche steht unter hohem Anpassungsdruck. Ein „Weiter so“ ist wirtschaftlich nicht mehr tragfähig – zumal wir wissen, dass der Weinkonsum allein aufgrund der demografischen Entwicklung in den kommenden Jahren weiter zurückgehen wird. Eine Reduzierung der Rebflächen ist daher grundsätzlich auch in Deutschland ein Thema. In flacheren Lagen ist eine alternative Nutzung vergleichsweise gut möglich, etwa durch Ackerbau oder andere landwirtschaftliche Kulturen. In Steillagen hingegen gibt es häufig keine echte zweitbeste Nutzungsmöglichkeit. Diese Flächen sind landschaftlich wertvoll, wirtschaftlich aber oft kaum tragfähig. Wir brauchen deshalb eine langfristige Strategie und müssen heute entscheiden, in welchen Regionen auch in 20 oder 30 Jahren noch wirtschaftlich und klimatisch sinnvoll Weinbau betrieben werden kann und wo hingegen Winzerinnen und Winzer unterstützt werden sollen, Rebflächen geordnet zurückzuführen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265652_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie schätzen Sie die Situation in Südtirol ein?</b><BR />Loose: Südtirol nimmt in der deutschsprachigen Weinwirtschaft seit vielen Jahren eine besondere Rolle ein und wird häufig als Vorbild wahrgenommen. Die Region hat es bereits seit den 1970er- und 1980er-Jahren geschafft, ihre wirtschaftlichen Strukturen und Rebflächen konsequent anzupassen und zugleich eine starke, international anerkannte Marke aufzubauen – nicht zuletzt in enger Verbindung mit dem Tourismus. In Südtirol gibt es zahlreiche wirtschaftlich gesunde Betriebe mit klarer Positionierung, die frühzeitig auf Veränderungen reagiert haben. Genau deshalb habe ich meinen Vortrag unter den Titel „Anpassung aus der Stärke heraus“ gestellt. Diese Ausgangslage ist ein großer Vorteil.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73171492_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Aber?</b><BR />Loose: Natürlich sind auch in Südtirol die aktuellen Entwicklungen spürbar: Wenn Touristen zurückhaltender konsumieren und die Preise in der Gastronomie steigen, hinterlässt das auch bei den Betrieben Spuren. Dennoch zeigt sich, wie wichtig es ist, früh zu handeln – solange noch wirtschaftliche Ressourcen vorhanden sind. Wer rechtzeitig beginnt, Strukturen zu schärfen, Angebote weiterzuentwickeln und gegebenenfalls umzusteuern, hat deutlich bessere Handlungsspielräume. Genau darin liegt aus meiner Sicht die Stärke Südtirols: nicht abzuwarten, bis der Druck existenziell wird, sondern aktiv und vorausschauend zu reagieren.<BR /><BR /><b>Wo sehen Sie die größten Herausforderungen? <BR /></b>Loose: Die größten Herausforderungen für Südtirol liegen in der gleichzeitigen Bewältigung wirtschaftlicher, klimatischer und marktseitiger Veränderungen. Klimatisch ist Südtirol im Vergleich zu vielen süditalienischen Regionen weiterhin gut positioniert, dennoch nehmen auch hier Extremwetter, Wasserverfügbarkeit und Standortfragen an Bedeutung zu. Insgesamt gibt es aber Vorteile: Forschung und Praxis – etwa an der Laimburg – zeigen frühzeitig Wege auf, wie der Weinbau in höhere Lagen verlagert werden kann. Zudem sind viele Steillagen bereits bewässerbar, was in Deutschland nur in Ausnahmefällen möglich ist. In vielen Bereichen hat Südtirol damit rechtzeitig vorausgedacht und sich wichtige Handlungsspielräume gesichert.<BR /><BR /><b>Und die wirtschaftlichen Herausforderungen?</b><BR />Loose: Eine zentrale Frage wird sein, wie es gelingt, Wein und Tourismus auch künftig gemeinsam stark zu vermarkten. Wenn Touristen preissensibler werden und die Ausgaben in der Gastronomie zurückgehen, wirkt sich das unmittelbar auf Absatz, Preise und Wahrnehmung der Weine aus. Gleichzeitig bleibt der Export ein entscheidender Pfeiler der Südtiroler Vertriebsstrategie. Es gilt, bestehende Exportmärkte abzusichern und gleichzeitig neue Märkte gezielt aufzubauen. Auch der Blick nach Deutschland ist dabei wichtig. Wenn sich der deutsche Weinmarkt in den kommenden 20 Jahren deutlich verkleinert, wird dies zwangsläufig auch die Nachfrage nach Südtiroler Weinen betreffen. Der Aufbau neuer Exportmärkte ist aus meiner Sicht eine der zentralen Säulen, um den Strukturwandel erfolgreich zu bewältigen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265655_image" /></div> <BR /><b>Sie haben es schon angesprochen: Ein großes Thema ist der sinkende Weinkonsum. </b><BR />Loose: Der rückläufige Weinkonsum ist ein globales Phänomen, das zwei zentrale Ursachen hat: Zum einen ist die Kaufkraft vieler Konsumenten gesunken, zum anderen hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von Alkohol deutlich verändert. <BR /><BR /><b>Wie kann die Branche damit umgehen? Preise senken? Auf alkoholfreien Wein umsatteln?</b><BR />Loose: Das Thema Leistbarkeit – also die Frage, ob sich Konsumenten Wein noch regelmäßig leisten wollen und können – wird für die Branche immer wichtiger. Das bedeutet jedoch nicht, dass Südtiroler Weine grundsätzlich billiger werden müssen. In vielen Segmenten sehe ich klare Grenzen für eine weitere Premiumisierung, gleichzeitig zeigen starke Marken und ein professionelles Kostenmanagement, dass auch weiterhin stabile und angemessene Preise durchsetzbar sind. Inhaltlich reagiert die Branche bereits: In Italien und besonders in Südtirol ist ein klarer Trend zu leichteren Weinen zu beobachten – mit weniger Alkohol, mehr Frische und höherer Trinkigkeit. Das ist sowohl eine Antwort auf veränderte Konsumgewohnheiten als auch auf den Klimawandel. Beim Thema alkoholfreier Wein ist hingegen noch Zurückhaltung angebracht. Technologisch fehlen derzeit oft noch Lösungen, um Produkte zu erzeugen, die sensorisch wirklich nah an klassischen Weinen liegen. Entsprechend bleibt dieses Segment bislang vom Volumen her eher ergänzend. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73171493_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Was können die Betriebe tun, um sich zukunftsfit aufzustellen?</b><BR />Loose: Entscheidend ist ein unternehmerischer Blick auf den gesamten Betrieb – vom Weinbau über das Sortiment bis hin zur Vermarktung. Erfolgreiche Betriebe richten sich stärker an den Erwartungen der Kunden aus und übersetzen diese konsequent in ihre Produktions- und Angebotsstrategie. Denn Unternehmertum im Weinbau bedeutet heute mehr als gute Weine zu erzeugen. Es geht darum, dem Kunden ein stimmiges Gesamterlebnis zu bieten, das zur Marke passt und einen klaren Wiedererkennungswert schafft. Dieses Erlebnis entscheidet zunehmend darüber, ob Konsumenten bereit sind, sich langfristig an ein Weingut zu binden. Gleichzeitig bleibt die wirtschaftliche Basis zentral. Betriebe müssen ihre Kosten im Griff behalten und rechtzeitig investieren, solange die Ertragskraft noch vorhanden ist. Wer notwendige Anpassungen zu lange hinauszögert, verliert Handlungsspielräume. Mein Eindruck ist jedoch, dass Südtirol hier bereits weiter ist als Betriebe in Deutschland. Die wirtschaftliche Stabilität vieler Betriebe und die starke Marktposition der Region sprechen klar dafür.<BR /><BR /><b>Welches Fazit haben Sie den Produzenten bei der Südtiroler Weinbautagung mit auf den Weg gegeben?</b><BR />Loose: Südtirol befindet sich in einer Position der Stärke und sollte den notwendigen Wandel genau aus dieser Stärke heraus gestalten. Die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend verändert – Konsum, Märkte und Klima verlangen nach Anpassung, nicht nach Abwarten. Mit seiner engen Verzahnung von Weinbau und Tourismus verfügt Südtirol über eine außergewöhnlich gute Ausgangsbasis, um Kunden zu gewinnen und emotional zu binden. Entscheidend wird sein, diese Vorteile weiter konsequent zu nutzen, zu schärfen und auch in Zukunft aktiv auszubauen.<h3> Zur Veranstaltung: Die 64. Weinbautagung</h3>Die Herausforderungen für die Südtiroler Weinwirtschaft standen am Freitag im Mittelpunkt der 64. Weinbautagung in St. Michael/Eppan, organisiert vom Absolventenverein landwirtschaftlicher Schulen (ALS). Der Vormittag war dem Klimawandel, der Biodiversität und der Bodengesundheit sowie aktuellen Erkenntnisse zu Fungizidresistenzen gewidmet. Am Nachmittag folgte das Referat von Simone Loose von der Hochschule Geisenheim University zum Thema „Aus der Stärke heraus: Wie Südtirols Weinwirtschaft dem globalen Wandel begegnen kann“. Den Abschluss bildet eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zur Zukunft der Weinwirtschaft.