<BR /><BR />Ein idyllisches Bild: In netter Gesellschaft auf der Picknickdecke unter den Weinreben zu sitzen, ein gutes Glas Wein in der Hand, die angenehm wärmende Sonne im Gesicht. Und dabei auch noch etwas über den edlen Tropfen zu erfahren, den man gerade trinkt: von den Tonmineralien im Boden, den Fallwinden, dem Sonnenverlauf und der Höhenlage und all den Dingen, die die Rebe prägen und dafür sorgen, dass gerade dieser Wein so schmeckt, wie er schmeckt. Im Oldtimer-Landrover geht’s dann weiter zum nächsten Weinberg.<BR /><BR />Im Weingut Hofstätter gehören solche exklusiven Weinbergführungen für Touristen neben der klassischen Kellerbesichtigung mit Degustation zum festen Programm. Der Weintourismus ist – gerade in Zeiten des sinkenden Konsums – eine gute Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen und an sich zu binden, erklärt Chef Martin Foradori. Und dafür muss man eben auch etwas bieten.<h3> „Südtirol hat enormes Potenzial“</h3>Weltweit boomt der Weintourismus. Wie der „Global Wine Tourism Report 2025“ der Hochschule Geisenheim belegt, hat der Weintourismus in den letzten zehn Jahren international ein rasantes Wachstum erlebt. Für viele Weinregionen ist er mittlerweile eine zentrale Säule der ländlichen Entwicklung und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.<BR /><BR />Auch für Südtirol sieht Simone Loose, Leiterin des Instituts für Weinwirtschaft an der Hochschule Geisenheim University, „großes Potenzial“: „Natur, Kultur, Berge, Seen, Wintersport und Outdoor-Aktivitäten ziehen Gäste an, die ihren Aufenthalt gerne durch Weingutsbesuche ergänzen. Genau darin liegt die Stärke der Region.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1270383_image" /></div> <BR />Das haben auch Konsortium Südtirol Wein und IDM erkannt. Angesichts dessen, dass die Branche „in einer Phase des Umbruchs“ stecke und „alte Rezepte nur noch bedingt funktionieren“, brauche es neue Wege im Marketing, um neue Kundenschichten zu erschließen, erklärt der Direktor des Konsortiums Südtirol Wein, Eduard Bernhart. In dem Zusammenhang sieht er im Önotourismus sogar „enormes Potenzial“.<h3> Studie: Mehr Absatz, mehr Umsatz</h3>Wie sehr Weinbetriebe vom Tourismus profitieren können, zeigt eine neue Studie des Start-ups Divinea, das auf Softwareangebote für die Weinwirtschaft spezialisiert ist und Daten von 400 Weingütern in Italien analysiert hat. Das Fazit liefert vielleicht kein umfassendes Bild, skizziert aber klar die Richtung: „Der Preis, den die Kunden bereit sind, für ein – zunehmend umfassendes – Erlebnis im Weingut zu zahlen, steigt. Auch der durchschnittliche Wert der Flaschen, die am Ende eines Besuchs gekauft werden, nimmt zu.“<BR /><BR />Der Geisenheimer Report bestätigt das: Zwei von drei Weingütern weltweit berichten, dass der Tourismus profitabel sei. Im Schnitt generiere er bereits rund ein Viertel des Gesamtumsatzes.<h3> Mehr als nur Kellerführungen</h3>Doch dieser Erfolg fällt nicht vom Himmel. Man muss den Kunden auch etwas bieten. Geführte Wanderungen durch die Weinberge, ein Abendessen unter Reben, kulturelle Veranstaltungen gepaart mit Degustationen – vieles ist möglich. Aber vor allem braucht es Geschichten, oder wie man heute dazu sagt: ein gutes Storytelling.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73334729_quote" /><BR /><BR /><BR />Denn: „Eine klassische Kellerführung mit anschließender Verkostung reicht heute nicht mehr aus“, ist Martin Foradori überzeugt. „Um Gäste wirklich zu erreichen, braucht es Emotionen, Erlebnisse und vor allem ein Alleinstellungsmerkmal, das sowohl ein Weingut als auch ein Gebiet unverwechselbar macht.“<BR /><BR />Für Martin Foradori ist es das Terroir. Er hat sich eigens ein geologisches Gutachten zu seinem Weinberg ausarbeiten lassen: „Das hat Nuancen ans Licht gebracht, die mich selbst nach 35 Jahren Arbeit im Weinbau überrascht haben. Dieses Wissen ist mein Alleinstellungsmerkmal – und gleichzeitig die Grundlage für einen authentischen Auftritt.“ Denn gute oder auch exzellente Weine gebe es überall, sagt er. „Aber ein einzigartiger Weinberg ist nicht kopierbar.“<BR /><BR />Damit spricht Foradori einen heiklen Punkt an, der nicht nur im Hinblick auf den Weintourismus gilt, sondern grundsätzlich für die Weinwirtschaft: Wie will man sich überhaupt in der Vielzahl von hervorragenden Weinen in den Regalen der Vinotheken und Händler abheben? Wie die Konsumenten für sich gewinnen?<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1270386_image" /></div> <BR /><BR />Indem man das Besondere herausstellt, wie Simone Loose sagt. „Unternehmertum im Weinbau bedeutet heute mehr, als gute Weine zu erzeugen. Es geht darum, dem Kunden ein stimmiges Gesamterlebnis zu bieten, das zur Marke passt und einen klaren Wiedererkennungswert schafft. Dieses Erlebnis entscheidet zunehmend darüber, ob Konsumenten bereit sind, sich langfristig an ein Weingut zu binden.“<BR /><BR />Martin Foradori denkt auch hier gerne groß. Er sagt, ein Alleinstellungsmerkmal brauche nicht nur jeder heimische Weinbetrieb, sondern die Weinregion Südtirol insgesamt, um weiter bestehen zu können. Als Beispiel nennt er den berühmten Weinberg Romanée-Conti in Burgund, der die teuersten Weine der Welt hervorbringt. „Der Weinberg mit seinem Sandstein-Kreuz ist ein Pilgerort für Weinliebhaber und beliebter Selfie-Weinberg. Wenn ein Gebiet oder ein Weingut es schafft, eine ähnliche Strahlkraft aufzubauen, hat es den Olymp erreicht“, sagt Foradori. <BR /><BR />„Das heißt nicht, dass künftig jeder Südtiroler Wein 200 Euro kosten muss, aber wir brauchen Spitzenweinberge, die eine Geschichte erzählen – die unser Alleinstellungsmerkmal sind, damit wir als Weinregion nicht austauschbar sind.“<h3> Enges Zusammenspiel mit Hotellerie</h3>Beim Stichwort Selfie-Tourismus dürften freilich im streckenweise tourismusgeplagten Südtirol beim einen oder anderen die Alarmglocken schrillen. Önotourismus, um noch mehr Urlauber anzulocken?<BR /><BR />So will man bei IDM die Bemühungen nicht verstanden wissen, wie Kurt Sagmeister, Leiter der Produktentwicklung in der Marketingabteilung von IDM Südtirol, versichert. „Vielmehr ist der Weintourismus eine Chance, Gegenden touristisch aufzuwerten, die vom herkömmlichen Tourismus weniger profitieren, und zudem die Nebensaisonen zu beleben. Schließlich kann Wein über das ganze Jahr erlebt werden.“ Ein Ziel, an dem man in Südtirol bekanntlich seit Jahren arbeitet.<BR />Damit biete der Önotourismus nicht nur Vorteile für die Weinwirtschaft, sondern auch für Hotellerie und Gastronomie. <BR /><BR />Und Südtirol habe bereits das Fundament gelegt, wie IDM und Konsortium betonen. „In den verschiedenen Weinanbaugebieten im Land gibt es eine ganze Reihe von Betrieben, die Übernachtungen, Führungen und Verkostungen anbieten, und wir haben wichtige nationale und internationale, aber auch lokale Weinevents zu bieten“, erklärt Eduard Bernhart.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73334795_quote" /><BR /><BR /><BR />Zudem habe man ein „breites Freizeitangebot“ rund um den Wein geschaffen, etwa mit dem guten Dutzend Weinlehrpfaden in allen Weinanbaugebieten und dem Wine&Bike-Paket, für das in Zusammenarbeit mit Outdoor-Plattformen Biketouren rund um den Wein gesammelt und im Vorjahr publiziert worden seien, erinnert Kurt Sagmeister. „Und schon seit Jahren gibt es auch eigens ausgebildete Wine-Bikeguides und Ski-Wine-Ambassadors, die dafür sorgen, dass Outdoor- und Weinerlebnis zu einem Gesamterlebnis verknüpft werden.“<h3> Noch viele Hausaufgaben</h3>Aber es gibt auch noch viel zu tun. Angefangen bei den Weinproduzenten selbst, die entsprechende (und ansprechende) Angebote schnüren müssten. Oder wie es Ines Giovanett vom Weingut Castelfeder kürzlich im Rahmen einer Diskussionsrunde bei der Weinbautagung sagte: „Wir müssen flexibler und kundenorientierter werden. In Südtirol hat ja kaum ein Weingut an Sonntagen geöffnet.“<BR /><BR />Ähnlich formuliert es Eduard Bernhart: „Önotouristische Angebote müssen unabhängig davon funktionieren, ob im Weinberg oder Keller gerade eine arbeitsintensive Zeit herrscht, Wochenende ist oder man abends doch lieber seine Ruhe hätte.“ Zudem müsste das englischsprachige Angebot gestärkt werden, denn der Önotourismus will ja Weinliebhaber rund um den Globus ansprechen.<BR /><BR />Andererseits scheint es auch auf der Tourismusseite noch Luft nach oben zu geben. Aus Sicht von Martin Foradori müssten sich die Touristiker deutlich intensiver mit Wein auseinandersetzen als bisher: „Wein darf nicht nur als ,Essensbegleiter im Glas wahrgenommen werden oder als Lückenfüller mit einer 08/15-Kellerführung, sondern als Mehrwert mit oft außergewöhnlicher Geschichte.“ Er selbst arbeite mit Partnern zusammen, die diesen Mehrwert erkennen würden. Doch es gebe noch Luft nach oben. <h3> Wenn es in der Toskana funktioniert…</h3>Hotels, die sich bereits seit Langem dem Thema Wein widmen und Angebote rund um das Produkt schaffen, sind die Vinum-Hotels. Für sie ist klar: „Der Önotourismus hat eine Zukunft“, betont der Vorsitzende der Vinum-Hotels, Hansjörg Ganthaler. Er sieht aber auch, was noch zu tun ist. In erster Linie müssten die Gäste noch internationaler werden und die Abhängigkeit vom – derzeit kriselnden – deutschen Markt reduziert werden.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73334799_quote" /><BR /><BR /><BR />Er würde sich auch mehr Initiativen von IDM und Konsortium Südtirol Wein wünschen, um Südtirol als Destination für Weintouristen stärker zu positionieren. „Sie haben das Thema auf der Agenda, aber passiert ist noch nicht viel. Da muss mehr getan werden. Denn wenn der Weintourismus in der Toskana und im Piemont funktioniert, warum nicht auch bei uns?“, fragt Ganthaler. „Wir haben tolle Übernachtungsmöglichkeiten, sind in der Gastronomie sehr gut aufgestellt: Da wäre noch viel zu holen.“<BR /><BR />Das sieht Foradori ähnlich: „Ein großes Problem bleibt die sehr einseitige Gästeansprache seitens der IDM – Stichwort DACH-Raum.“ Er selbst suche daher verstärkt die Kooperation mit Tour Operators, die ein internationales Publikum nach Südtirol bringen – „Gäste, die das Besondere suchen und bereit sind, für ein außergewöhnliches Erlebnis mehr zu investieren.“<h3> Was IDM und Konsortium vorhaben</h3>Dass sie sich für den Weintourismus zu wenig ins Zeug legten, sehen Konsortium und IDM erwartungsgemäß nicht so. Freilich könne man immer mehr tun, aber man habe den Önotourismus bereits in den vergangenen Jahren „mit großem Einsatz“ vorangetrieben, betont Sagmeister. <BR />Nun gelte es, das Angebot noch weiter auszubauen und die bisher weitgehend punktuellen Angebote zu sammeln, zu vernetzen und online buchbar zu machen. Auch dafür habe man bereits erste Schritte gesetzt. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73334815_quote" /><BR /><BR /><BR />„Klar ist aber auch: Einen ganz neuen touristischen Zweig aufbauen zu wollen, bedarf einer ganzen Menge Grundlagenarbeit“, betont Sagmeister. „Es muss der Bedarf erhoben werden, es muss das bestehende Angebot zusammengetragen werden, es müssen Ziele definiert und die Stakeholder überzeugt werden, es muss eine organisatorische Basis geschaffen werden, und auch die Struktur, auf der das ganze Projekt ruht, musste erst geschaffen werden.“ Viel Arbeit also bislang, die wenig sichtbar gewesen sei.<BR /><BR />Aber wie geht es nun weiter? Als nächsten Schritt wollen IDM und Konsortium Südtirol Wein Südtirol als Weindestination weltweit etablieren. „Für die Outdoor-Destination Südtirol ist dies in den letzten Jahrzehnten mit großem Erfolg geschafft worden, die Genussdestination Südtirol ist auch bereits eine feste Größe. Was es demnach zu tun gilt, ist, das Genussstandbein um den Wein und seine Besonderheiten auszubauen und Südtirol so zur Konkurrenz beliebter Weinreiseziele wie der Toskana, dem Piemont, der Loire, dem Burgund, der Pfalz usw. zu machen“, so Sagmeister.<BR /><BR />Wie viel Geld man dafür zur Verfügung stellen will, lässt sich laut Eduard Bernhart nicht beziffern, weil der Önotourismus in allen Marketingprojekten, die das Konsortium vorantreibt – oft auch in Zusammenarbeit mit IDM Südtirol –, als wichtiges Thema mitkommuniziert wird. „Wir werden das Thema bei allen Messeauftritten etwa spielen, es wird bei Reisen von Journalisten oder Influencern nach Südtirol zentral positioniert, und auch in der Presse-, Medien- und PR-Arbeit auf allen Märkten von Südtirol Wein eine zentrale Rolle spielen“, kündigt Eduard Bernhart aber an.<BR /><BR />Mit anderen Worten: IDM und Konsortium signalisieren, dass sie dranbleiben wollen. Ob diese Bemühungen reichen, wird sich zeigen. Denn der internationale Wettbewerb schläft nicht. <BR />Oder wie Martin Foradori sagt: „Der Weg in Südtirol ist noch weit, aber keineswegs unmöglich.“