Am 9. März 2020 verhängte Premier Giuseppe Conte einen italienweiten Lockdown – alles wurde zur roten Zone. Für viele scheint diese Zeit weit entfernt, ja fast surreal. Doch mit etwas Abstand lässt sich erkennen, dass die Pandemie unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben nachhaltig verändert hat. Thomas Aichner, wissenschaftlicher Leiter der Südtirol Business School, kommentiert: „Wir wissen nicht, was wäre, wenn es die Covid-Krise nicht gegeben hätte. Aber mit einer gewissen Plausibilität kann man sagen, dass sie einige Entwicklungen angestoßen oder zumindest beschleunigt hat.“<h3> Corona-Effekte auf den Konsum</h3>Besonders bei Jugendlichen, die während der Pandemie ihre sozialen Fähigkeiten hätten entwickeln sollen, zeigen sich Veränderungen. Laut Aichner verbringen sie weiterhin mehr Zeit am Smartphone oder Computer: „Aktuell ist es noch immer eine Stunde mehr pro Tag als vor Covid.“ Persönliche Interaktionen sind seltener, während der Konsum sozialer Medien seit Corona auf einem hohen Niveau geblieben ist.<BR /><BR />Auch der Online-Handel hat langfristig profitiert: „Während der Pandemie stieg die zusätzliche Wachstumsrate um 19 Prozent. Viele Verbraucher, die aus Not oder Angst online kauften, sind dabei geblieben, auch wenn die Wachstumsraten inzwischen zurückgegangen sind“, erklärt Aichner.<BR /><BR /><embed id="dtext86-68834470_quote" /><BR /><BR />Verändert hat sich auch, was wir kaufen: „Das Gesundheitsbewusstsein hat sich nachhaltig verstärkt. Der Konsum von Hygieneprodukten bleibt überdurchschnittlich hoch, ebenso die Nachfrage nach Vitaminpräparaten, die seit Covid jährlich um 8,8 Prozent wächst. Auch gesunde Ernährung spielt eine größere Rolle – mehr Menschen kaufen regionale Produkte und kochen häufiger zu Hause.“<h3> Corona-Effekte auf die Freizeitgestaltung</h3>Auch unser Freizeitverhalten hat sich gewandelt. „Viele Menschen haben sich während Corona Möglichkeiten geschaffen, auch daheim aktiv zu sein: Besonders häufig wurden Laufbänder, Hometrainer oder Hanteln gekauft, die zum Teil immer noch genutzt werden“, so Aichner.<BR /><BR />Weniger gesund sei dagegen der Boom von Streaming-Diensten und Online-Gaming. „Während der Pandemie wuchs die Nutzung um über 50 Prozent und prägt das Freizeitverhalten bis heute – über alle Altersgruppen hinweg.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-68834473_quote" /><BR /><BR />Eine weitere signifikante Veränderung zeigt sich beim Reisen. Laut Mirco Tonin, Verhaltensökonom an der Freien Universität Bozen, ist die Reiselust in der Prioritätenliste vieler Menschen gestiegen. „Der Trend hin zu einer Erlebnisgesellschaft hat sich verstärkt, ebenso die Suche nach besonderen Erfahrungen.“<BR /><BR />Aichner untermauert den Reisetrend mit Zahlen: „Die Gesamtausgaben von Europäern für Reisen sind gestiegen, was den hohen Stellenwert bestätigt. Für 60 Prozent der Menschen sind Reisen besonders wichtig.“ Eine Umfrage zeigt zudem, dass mehr als die Hälfte der Befragten in diesem Jahr mehr Geld für Reisen ausgeben will als im Vorjahr.<h3> Corona-Effekte auf das Arbeitsleben</h3> Anders sieht es bei Geschäftsreisen aus: „Während Covid sind berufliche Reisen stark zurückgegangen. Viele Firmen haben auf virtuelle Meetings umgestellt und festgestellt, dass es nicht immer einen Flug braucht, um mit Geschäftspartnern oder Kunden zu sprechen“, erklärt Tonin.<BR /><BR />Laut dem Verband Deutsches Reisemanagement lag der Anteil von Geschäftsreisenden in deutschen Unternehmen mit 501 bis 1500 Beschäftigten im Jahr 2023 bei 26 Prozent – weniger als die 32 Prozent vor der Pandemie. Ähnlich sieht es bei kleineren Unternehmen aus: Hier sank der Anteil von 37 auf 29 Prozent.<BR /><BR />„Mittlerweile steigen die Zahlen wieder, unter anderem durch den Bleisure-Trend“, so Aichner. Dabei werden Geschäftsreisen mit Freizeit kombiniert – ein Konzept, das immer beliebter wird.<BR /><BR />Ein einschneidender Wandel zeigt sich auch beim Thema Homeoffice. „Vor Corona spielte dieses Phänomen kaum eine Rolle. Heute ist es in vielen Betrieben Realität“, so Tonin. „Allerdings sind die Potenziale in Südtirol noch nicht voll ausgeschöpft. Man könnte etwa stärker auf Smart-Working-Arbeitsplätze in der Peripherie setzen, gerade angesichts der Wohnraum- und Verkehrsproblematik.“<BR /><BR />Ein weiterer Effekt: Der geringere Bedarf an Büroflächen. „Dieser Trend dürfte in den kommenden Jahren deutlicher werden. Unternehmen werden dies bei Neu- oder Umbauten sowie Mietverträgen stärker berücksichtigen.“<BR /><BR />Auch der Wunsch nach einer besseren Work-Life-Balance ist seit Corona deutlicher spürbar – nicht nur bei jüngeren Generationen.<h3> Corona-Effekte auf die Werbung</h3>Zumindest fragwürdig sind die Effekte, die Corona auf die Werbestrategien einiger Unternehmen hatte. „Angst war in Corona-Zeiten bei vielen ein wichtiger Antrieb, um sich in einer bestimmten Art und Weise zu verhalten. Unternehmen haben zwar schon immer teilweise auf Angstwerbung gesetzt, aber Covid-19 hat eindrucksvoll gezeigt, welche manipulative Kraft Angst haben kann. An sich ist Angstwerbung nicht generell negativ zu verstehen, etwa kann eine Anti-Zigaretten-Kampagne auf Angst setzen, um Eltern davon zu überzeugen, nicht in Anwesenheit der Kinder zu rauchen. Wenn allerdings Unternehmen versuchen, mit Angst vor Mundgeruch, Angst vor finanzieller Unsicherheit oder Angst vor sozialer Anerkennung ihre Produkte zu verkaufen, sieht das ganze schon anders aus“, so Aichner. „Corona hat die Wirksamkeit noch einmal unterstrichen und könnte daher einige Firmen dazu inspiriert haben, mit Angst und nicht etwa mit einem guten Serviceversprechen ihre Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen.“<h3> Das wäre, wenn!</h3>Die Pandemie hat in der Rückschau also deutliche Spuren hinterlassen. Und die „Was wäre, wenn...“-Frage? Thomas Aichner fasst es pointiert zusammen: „Ohne Corona gäbe es vermutlich etwas weniger Amazon-, Zoom- und Netflix-Accounts – und nicht so viele ungenutzte Rudergeräte im Keller.“