1200 Euro: So viel verdient Paul im Monat, netto. Seine Frau ist schwanger. Sie verdient nichts, kümmert sich um das erste Kind, das noch klein ist. Um Miete zu sparen haben sie eine Weile bei den Schwiegereltern gelebt. Gut ist das nicht gegangen – alle zusammen in der kleinen Wohnung. Die Schwiegereltern müssen selbst haushalten mit dem, was sie haben. Da liegen die Nerven oft blank, bei allen.<BR /><BR />Im Dezember 2021 hat Paul eine eigene Wohnung gemietet: 900 Euro kostet sie. Die Wohnung ist klein. Eine größere hätte noch mehr gekostet. Vorschuss für die Kondominiumspesen: 100 Euro im Monat. Mietbeitrag: 566 Euro; Familiengeld: 175 Euro – damit geht’s grad so. Ein Einkommen von 1941 Euro. Abzüglich Miete und Vorschuss für die Spesen bleibt der Familie 941 Euro zum Leben. Sie sind es gewohnt bescheiden zu sein. Dann kommt die Inflation. Die Stromrechnung wird teurer. Vor den Ausgleichsrechnungen der Kondominiumspesen graut es Paul.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="823529_image" /></div> <BR /><BR />Das ist nur ein Beispiel von vielen, die dieser Tage auf dem Schreibtisch von Petra Priller landen. Sie ist die Vorsitzende der Caritas Schuldnerberatung. Sie weiß: „Gerade Menschen mit geringem Einkommen müssen den Gürtel jetzt enger schnallen.“ Nicht immer lässt sich das einfach so bewerkstelligen.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Südtirol ist ein teurer Ort zum Leben, die Löhne sind im Verhältnis niedrig – schon seit Jahren. Haben wir einen Kipppunkt erreicht?</b><BR />Petra Priller: Wir bei der Schuldnerberatung begleiten Menschen in finanziellen Schwierigkeiten. Unsere Klienten sind meist ver- oder überschuldet. Die meisten haben ein geringes Einkommen – 1200 bis 1300 Euro im Monat. Durch Teuerung und Inflation haben diese Familien noch größere Probleme ans Monatsende zu kommen, als dies bisher schon der Fall war. Viele können die Rechnungen einfach nicht mehr bezahlen. Aber damit ist es nicht getan: Finanzielle Probleme führen zu Schlaflosigkeit, Streit, Rückzug. Die Menschen haben oft mit psychischen Problemen zu tun, gleiten in der Folge in Suchtverhalten ab. Dazu kommen noch Sorgen darüber, wie die Zukunft ausschaut. Aus den Medien erfahren sie täglich, wie schlecht alles läuft: Das bedrückt die Menschen.<BR /><BR /><b>STOL: Die Südtiroler, so hieß es bis vor wenigen Jahren, nehmen zwar Schulden auf, um etwa ein Eigenheim zu finanzieren – Sorgen machte man sich darüber öffentlich bisher aber nicht: Die Menschen seien zwar verschuldet, aber nicht übermäßig. Eine Fehleinschätzung?</b><BR />Priller: Unsere Klienten sind ein kleiner Teil der Bevölkerung. 1200 bis 1300 Personen werden von uns begleitet. Wenn von 10 Bankkunden 8 ihren Kredit bedienen, die Schulden zurückzahlen und dadurch eine Investition finanziert haben, ist das erstmal eine positive Sache. Fakt ist aber auch, dass sich der Umgang mit Geld in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Bankomat, Kreditkarten, Daueraufträge: Da kann es passieren, dass man Ausgaben auf die leichte Schulter nimmt, keinen Überblick mehr hat. Viele Dienstleister haben damit geworben, dass Kunden ihre Güter in kleinen Raten finanzieren können – das ist eine Verlockung. Oft gerät dabei in den Hintergrund, dass man auf diese Weise einen Teil des Einkommens verplant. Geschieht dann Unvorhergesehenes – eine Trennung, eine Krankheit, ein zusätzliches Kind – oder verändert sich die Einkommenssituation, wird es schwierig, Forderungen zurückzuzahlen. Das kann jedem passieren. Es bleibt nichts Anderes übrig, als den eigenen Umgang mit Geld zu überprüfen. Wenn ich merke, dass es eng wird, muss ich mich fragen: Wo kann ich sparen? Die Antwort ist relativ simpel: nur bei variablen Kosten, nicht bei den Fixkosten.<BR /><BR /><b>STOL: Die unteren Einkommensschichten trifft es nun hart. Die Einkommen können mit der Inflation nicht mithalten.</b><BR />Priller: Ob ich 1400 Euro verdiene oder 5000 Euro: Das ist ein Unterschied. Für normale und geringe Einkommen wird es schwierig. Wer ein sehr geringes Einkommen hat, hat keine Möglichkeit zu sparen: Es gibt einfach nichts zum Sparen. Diese Menschen müssen schauen, wer ihnen helfen kann, die Ausgaben zu decken. Aber auch die Angehörigen der Mittelschicht – Menschen mit mittleren Einkommen, ohne Schulden – sehen, dass die Fixspesen steigen. Wenn nichts Erspartes da ist, überlegen auch sie es sich jetzt genauer, ob der zweite Urlaub und die Pizza am Wochenende drin sind. Auch diese Leute fangen an, darüber nachzudenken, wo sie sparen können. Ich finde es traurig, dass wir in eine Situation geraten sind, wo mit Fleiß und Lohn am Ende des Monats nicht viel übrigbleibt, um persönliche Wünsche zu decken. Viele Menschen arbeiten nur, um ihre Ausgaben zu decken.<BR /><BR /><b>STOL: Wer sind Ihre Klienten: Mit welchen Anliegen kommen sie zu Ihnen?</b><BR />Priller: 50 Prozent unserer Klienten haben einen Pflichtschulabschluss. Je niedriger die Bildungsstufe, desto eher die Wahrscheinlichkeit, eine geringer bezahlte Arbeit zu haben, in Armut abzudriften, die hohen Lebenshaltungskosten nicht decken zu können. <BR /><BR /><b>STOL: Gleichzeitig hat eine aktuelle Umfrage des Arbeitsförderungsinstituts (AFI) ergeben, dass viele Menschen sich wünschen, weniger zu arbeiten. Es gibt in Südtirol 30 Prozent mehr Menschen ohne Arbeit als üblich. Wie passt das zusammen?</b><BR />Priller: Dazu kann ich nur aus meinen persönlichen Beobachtungen mutmaßen. Vieles in unserer Gesellschaft hat sich geändert. Jugendliche haben weniger den Wunsch, direkt nach der Matura zu arbeiten und eine 40-Stunden-Woche zu leisten. Andere Vorstellungen von Lebensgestaltung haben sich etabliert, eine andere Vorstellung davon, wie Arbeit zu sein hat. Natürlich: Es ist nicht besonders attraktiv, mit dem Lohn einer 40-Stunden-Woche gerade so über die Runden zu kommen. Arbeitskräfte flüchten ins Ausland, wo sie besser bezahlt werden. Das Phänomen ist sehr vielseitig. Allerdings muss ich auch sagen, dass die Zahl unserer Klienten unter 25 Jahren sehr gering ist: Jugendliche wenden sich nicht gleich an eine Beratungsstelle. Sie versuchen, ihre Probleme mit Hilfe der Familie zu lösen. Für unsere Klienten trifft der Befund der oben zitierten Studie nicht zu. Unsere Klienten haben oder suchen Arbeit. Sie haben aber oft nicht die Voraussetzungen, sind Invaliden oder haben psychische Krankheiten oder sonstige Schwierigkeiten im Leben. Diejenigen, die Arbeit haben, haben mit Pfändungen, Krediten, Abtretungen auf dem Lohnstreifen zu tun: Das sind die Schwierigkeiten, die wir täglich sehen.<BR /><BR /><b>STOL: Krankheit, Schicksalsschläge, Risikoverhalten: Sind die Gründe, warum Menschen in Südtirol in die Armutsfalle tappen, persönliche?</b><BR />Priller: Es sind verschiedene Faktoren: Niedere Einkommen, Arbeitslosigkeit, Invalidität, Krankheit, ungünstige familiäre Rahmenbedingungen. All das kann dazu führen, dass der Lebensunterhalt nicht gewährleistet ist. Hat jemand ungünstige Startbedingungen, ist es schwierig, da herauszukommen. Auch strukturelle Mängel sind für die Ausbreitung von Armut verantwortlich: Wenn Staat und Land mit Steuer- und Sozialpolitik nicht für eine gerechte Verteilung der Ressourcen sorgt.<BR /><BR /><b>STOL: Sehen Sie in dieser Beziehung derzeit Verbesserungspotenzial?</b><BR />Priller: Ein Beispiel ist das Mietgeld: Die Preise für Wohnen gehen nach oben – auch, weil es diese Förderungen gibt. Das Mietgeld war ursprünglich ein guter Gedanke, um Schwarzmieten zu reduzieren. Inzwischen ist das System nicht mehr durchschaubar und zu hinterfragen.<BR />Auch die aktuellen Una-tantum-Zahlungen sind interessant und richtig, aber sie lösen nicht langfristig die Probleme, die wir haben: Die Gehälter sind zu niedrig, die Mieten zu hoch, Eigentum ohne Unterstützung von Dritten – etwa aus der Familie – ist fast nicht leistbar. Vor 50 oder 60 Jahren hat die Arbeiterfamilie mit Fleiß und mit Förderung des Landes eine Wohnung kaufen können. Heute wäre das nicht mehr möglich. 700.000 Euro für ein Reihenhaus mit Förderung: Das kann sich eine junge Familie, die nicht erbt, nicht leisten.<BR /><BR /><b>STOL: Müssen wir unseren Lebensstandard herunterschrauben?</b><BR />Priller: Jene, deren Einkommen eher gering ist, müssen überlegen, wo sie verzichten können, um die steigenden Kosten decken zu können. Es ist eine Frage des Verzichten-Könnens. In den vergangenen Jahrzehnten hat Südtirol großen Wohlstand erlebt. Viele konnten mithalten. Jetzt wird halt alles ein bisschen enger. Wie viele tatsächlich betroffen sind, wissen wir nicht.<BR /><BR /><b>STOL: Welche Hilfestellung gibt die Caritas Schuldnerberatung?</b><BR />Priller: Wir bieten kostenlose Beratungen für Ansässige, Verschuldete und Überschuldete. Die Menschen rufen uns an, wir vereinbaren einen Termin, sichten Unterlagen Kontoauszüge, Gehälter, Kreditverträge, Pfändungen. Dann versuchen wir einen Plan zu erstellen, um die Schulden langfristig in den Griff zu bekommen. In besonderen Situationen können wir auch durch Spenden unter die Arme greifen, für Mieten, Strom und Gas aufkommen. Das geht aber nur dann, wenn die Lösung nachhaltig ist. <BR />