Freitag, 30. Juni 2017

Wenn der Ober nicht mehr kommt – Südtirol gehen die Kellner aus

Zu Wochenbeginn haben sich die deutschsprachigen Hoteliers- und Gastronomieverbände in Lana getroffen. Sie hatten sich einiges zu erzählen, denn die Branche teilt die gleiche Sorge: Es fehlt an qualifiziertem Personal. Auch in Südtirol, wie HGV-Präsident Manfred Pinzger unterstreicht.

Das Gastgewerbe teilt sich die gleiche Sorge: Es fehlt an qualifiziertem Personal.
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Das Gastgewerbe teilt sich die gleiche Sorge: Es fehlt an qualifiziertem Personal. - Foto: © shutterstock

Der Sommertourismus läuft mittlerweile auf Hochtouren. Allerdings auch die Personalsuche: 850 freie Stellen gibt es zurzeit im Südtiroler Gastgewerbe. Hotels und Restaurants suchen händeringend nach qualifizierten Kellnern.

Durch den Fachkräftemangel werde von Inhabern, deren Familien und bestehendem Personal einiges an Mehrarbeit abverlangt, meint Manfred Pinzger, Präsident des Hoteliers- und Gastwirteverbands, im Gespräch mit STOL. Und ohne ausländische Mitarbeiter, so Pinzger, hätten Südtirols Betriebe sowieso keine Chance mehr.

Südtirol Online: Herr Pinzger, der HGV klagt wieder über den Fachkräftemangel im Gastgewerbe. Wie kommt‘s?

Manfred Pinzger, HGV-Präsident: So eigenartig es klingen mag, die gute wirtschaftliche Entwicklung ist „schuld“. Leider Gottes gibt es im Tourismusbereich nach wie vor einen Fachkräftemangel, trotz guter Ausbildungsmöglichkeiten.

STOL: Wo brennt’s denn: im Service, in der Küche, an der Rezeption…?

Pinzger: Den größten Mangel an Fachkräften haben wir derzeit sicherlich im qualifizierten Service. Grenzüberschreitend, also auch in Deutschland, Österreich und anderen Ländern, stellen wir fest, dass es vor allem in diesem Bereich an Mitarbeitern fehlt. Wir brauchen mehr Leute mit abgeschlossener Lehre, einem Berufsschulabschluss oder Fachschulabschluss.

STOL: Ein Zustand, der nicht von heute auf morgen eintrat. Wie kam es zu diesem Trend?

Pinzger: Die Angebote und Entwicklungen in unseren Hotels wurden in den vergangenen Jahren immer intensiver. Wir versuchen immer mehr Qualität zu bieten, was auch völlig richtig ist. Qualität setzt aber qualifizierte Mitarbeiter voraus, egal ob in der Kulinarik, Weinwirtschaft oder im Wellnessbereich. Wir brauchen einfach mehr qualifiziertes Personal.

STOL: Besuchen zu wenig Schüler die Berufs- und Fachschulen?

Pinzger: An und für sich werden unsere Schulen immer gut besucht. Aber es gelingt uns immer noch nicht, dass genügend Hotelfachschulabsolventen in Südtirol bleiben.

STOL: Wechseln sie das Metier oder das Land?

Pinzger: Viele gehen in die Welt hinaus, und das ist auch richtig. Egal ob ich in Luzern, Wien oder in Norddeutschland bin, ich treffe überall auf Südtiroler, die vor Ort in der Gastronomie arbeiten. Von dort sollten sie aber auch wieder zurückkehren, nachdem sie ihre Erfahrungen gesammelt haben.

STOL: Hängt der Kellnermangel auch mit den Berufs-Anforderungen zusammen?

Pinzger: Ob jemand als Förster oder als Kellner arbeitet, es gehört immer Leidenschaft und Freude dazu. Auch im öffentlichen Dienst muss man mittlerweile mehr Leistung erbringen. Und genauso ist es im Gastgewerbe. Sicher, vor Jahrzehnten gab es eine lasche Handhabung was Stunden, Freizeit und Ruhezeiten anbelangt. Mittlerweile erfüllen aber, vor allem die größeren Betriebe, die Richtlinien. Wenn Freude und Leidenschaft passen, dann ist der Serviceberuf ein schöner Job.

STOL: Was wollen Sie gegen den Fachkräftemangel tun?

Pinzger: Wir als HGV schätzen die Initiativen des Südtiroler Köcheverbandes sehr. Der arbeitet hervorragend an seinem Berufsimage. Wir haben jahrelang die fehlende öffentliche Wertschätzung im Service absolut unterschätzt. Der Kellner wird bei uns immer noch vielfach als Arbeiter 2. Klasse angesehen. Im Rahmen unseres Projekts „Forum Südtiroler Gastlichkeit“ versuchen wir gemeinsam mit Arbeitnehmern, den Bereich Service in ein positives Licht zu stellen.
Wir wollen das Image aufbessern.

Interview: Andrej Werth

stol