<BR /><b>Herr Pohl, Sie sind von Beruf Ingenieur, haben im Schnalstal die Gletscherbahnen mit aufgebaut und waren schon 72, als Sie ein ganz neues unternehmerisches Kapitel aufgeschlagen haben. Wie sind Sie dazu gekommen, einen Marmorbruch zu übernehmen?</b><BR />Burkhard Pohl: Um das zu erklären, muss ich etwas weiter zurückgehen: Im Jahr 2000 wurden der Laaser Marmorbruch und der Göflaner Bruch, die bis dahin gemeinsam von Lasa Marmo geführt worden waren, getrennt ausgeschrieben. 2003 haben die Tiroler Marmorwerke, an denen Siegfried Pohl, Peter Paul Pohl, Siegfried Unterberger und Giuseppe Dalle Nogare beteiligt waren, den Zuschlag für den Göflaner Bruch bekommen. Siegfried Pohl, mit dem ich als Ingenieur bereits im Vorfeld schon zusammengearbeitet habe, hat mich gebeten, den Bruch zu leiten, mich also um die Logistik und die Organisation zu kümmern.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73033723_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Haben Sie sich denn damals mit dem Marmorabbau ausgekannt?<BR /></b>Pohl: Nein, am Anfang habe ich überhaupt nichts darüber gewusst. Aber ich habe mich für das Thema interessiert und mich eingearbeitet. Ein paar Jahre später hat mich Siegfried Pohl gefragt, ob ich nicht die Tiroler Marmorwerke übernehmen möchte – und so ist es dann gekommen. Das war am 27. Juli 2007. Zum Glück hatte ich ein gutes finanzielles Polster, weil ich 1998 bei meinem Ausstieg aus den Gletscherbahnen in Schnals meine Anteile gut verkaufen konnte. Ohne dieses Budget hätte ich den Bruch nie übernehmen können.<BR /><BR /><b>Sie sagen, die Tiroler Marmorwerke waren seinerzeit nicht besonders erfolgreich – wieso haben Sie diesen Schritt dennoch gewagt?<BR /></b>Pohl: Das Problem war, dass sie eine externe Firma mit dem Abbau beauftragt hatten, die pro abgebauten Kubikmeter Marmor bezahlt wurde. Das konnte nicht funktionieren. Als ich mit meiner Familie den Betrieb übernommen habe, war uns klar, dass wir eigene Leute für den Abbau einstellen und in Maschinen investieren müssen, denn die Tiroler Marmorwerke hatten ja selbst nichts. Wir sind praktisch bei null gestartet und mussten erst die gesamte Verarbeitung in Schlanders aufbauen. Das waren schon ziemlich große Investitionen – und auch ein sehr großes Risiko. Aber wir hatten das Glück, dass wir einen guten Vorarbeiter und einen weiteren Beschäftigten aus Carrara holen konnten. Seitdem schreiben wir von Anfang an immer positive Bilanzen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1261068_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie ist es Ihnen gelungen, den Göflaner Marmor international zu verkaufen und ihn weltbekannt zu machen?<BR /></b>Pohl: Dass wir weltbekannt geworden sind, ist zu einem großen Teil der Verdienst von rcm solutions (das Unternehmen aus Terenten ist auf Beratung, Marktforschung und Projektmanagement spezialisiert, Anm. d. Red.). Denn die technische Seite konnten wir überblicken – beide Söhne und ich sind Ingenieure –, doch vom Verkauf wussten wir nichts. Deshalb haben wir Christoph Koch und Horst Unterfrauner von rcm solutions engagiert, um den Verkauf zu organisieren. Am Anfang mussten wir unseren Namen überhaupt erst bekannt machen: Göflaner Marmor kannte ja niemand. Es hat uns selbst überrascht, wie gut der Marmor ankommt. Aber unser Marmor ist eben der härteste und gleichzeitig der schönste Marmor der Welt.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73033419_listbox" /><BR /><BR /><BR /><b>Einen richtigen Namen gemacht hat sich der Göflaner Marmor 2013, als das Luxus-Hochhaus „One57“ in New York 200 Bäder und 50 Küchen mit Göflaner Marmor ausgestattet hat.</b><BR />Pohl: Das war das erste Leuchtturmprojekt und ist auch mein Lieblingsprojekt. Ein Nachfolgeprojekt davon ist der „Central Park Tower“ – in diesem Hochhaus wurden das Hallenbad und der Spa-Bereich mit Göflaner Marmor ausgestattet. Es folgten Projekte für das Königshaus von Katar sowie kleinere für Gucci. Eines der neueren Projekte ist das Luxushotel „Fontainebleau“ in Las Vegas, und aktuell wird Göflaner Marmor im Hotel „Kempinski“ in St. Moritz eingesetzt (das 5-Sterne-Hotel wird zurzeit aufwendig renoviert, Anm. d. Red.). Oft erfahren wir aber auch erst im Nachhinein, wo unser Marmor eingesetzt wurde, denn den Großteil unserer Platten und Blöcke verkaufen wir an Unternehmen, die auf die Verarbeitung von Natursteinen spezialisiert sind und unseren Marmor dann weiterverkaufen.<BR /><BR /><b>Der Göflaner Bruch liegt auf 2.200 Metern Meereshöhe und ist damit der höchstgelegene in ganz Europa. Das bedeutet, man kann nur im Sommer abbauen …</b><BR />Pohl: Richtig. Im Winter herrscht Lawinengefahr. Zudem braucht es für den Abbau Wasser, und das ist im Winter gefroren – also geht nichts. Von Mai bis Oktober wird daher abgebaut. Den April benötigen wir für Vorbereitungen, Kontrollen, Schneeräumung usw. Zudem nutzen die Mitarbeiter Zeitausgleich und Urlaub so gut wie möglich im Winter, die restliche Zeit wird die Lohnausgleichskasse in Anspruch genommen.<BR /><BR /> <video-jw video-id="A0kFdOYi"></video-jw> <BR /><BR /><b><BR />Wie oft sind Sie selbst noch im Betrieb?</b><BR />Pohl: Täglich. Und fast jeden Tag bin ich auch im Bruch. Zudem bin ich bei Kundenbesuchen meist persönlich dabei. Gerade unsere italienischen Kunden schätzen es sehr, wenn der „ingeniere“ mitkommt. Und wenn sie hören, dass ich 90 bin, sowieso.<BR /><BR /><b>Haben Sie den Betrieb noch nicht übergeben?</b><BR />Pohl: Noch bin ich allein verantwortlich und werde das auch so lange sein, wie es möglich ist. Tatsächlich ist die Betriebsnachfolge geregelt, weil alle meine Kinder im Betrieb tätig sind.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73033729_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Was waren die größten Schwierigkeiten?</b><BR />Pohl: Definitiv der Streit mit Lasa Marmo (mit den Betreibern des Laaser Marmorbruchs stand Göflaner Marmor jahrelang in einem Rechtsstreit, bei dem es vor allem um den Transport ging; 2022 einigte man sich, Anm. d. Red.). Diese rechtliche Unsicherheit hat in all den Jahren viel Energie gekostet. Dazu kam, dass wir jedes Jahr nur eine auf ein Jahr begrenzte Transportgenehmigung bekommen haben, unsere Kunden aber Projekte haben, die über Jahre gehen – das war schwer zu vermitteln. In dieser Zeit ist es sogar so weit gekommen, dass wir ohne Genehmigung gefahren sind. Einmal haben die Förster unseren Lkw aufgehalten, dann bin ich dorthin, habe mich vor den Lkw gestellt und gesagt: Mich könnt ihr gerne anzeigen, weil einsperren können sie mich in meinem Alter ja nicht mehr. Und wenn eine Strafe zu zahlen ist, werde ich sie schon zahlen.<BR /><BR /><b>Haben Sie in all den Jahren nie gedacht: Ich schmeiße alles hin und genieße meine Rente?</b><BR />Pohl: Nein, wir haben unseren Marmor lieb gewonnen. Wenn man sieht, welche Projekte man damit realisieren kann, wird man regelrecht selig.<BR /><BR /><b>Ihre aktuelle Abbaukonzession gilt bis 2033 – und dann?<BR /></b>Pohl: Dann wird neu ausgeschrieben – EU-weit. Es besteht damit das Risiko, dass wir die Ausschreibung nicht mehr gewinnen. Wir hoffen aber, dass auch das bewertet wird, was wir bisher geleistet haben. Wir haben mittlerweile die neuesten Maschinen, und ab dem kommenden Jahr werden wir für den Transport einen E-Lkw einsetzen. Es ist das europaweit erste elektrische Baustellenfahrzeug dieser Art.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1261071_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie lange wird man eigentlich in Göflan Marmor abbauen können? Gibt es Schätzungen?</b><BR />Pohl: Wir haben eines der größten Marmorvorkommen der Welt. Von daher kann man noch über viele Generationen abbauen. Das bedeutet aber nicht, dass man alles auch verkaufen kann, denn zum Teil ist der Marmor rissig.<BR /><BR /><b>Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?</b><BR />Pohl: Dass meine zwei Buben, Peter und Michael, weitermachen.<h3> Zur Person</h3>Burkhard Pohl (Jahrgang 1935) hat nach der Matura am Antonianum in Bozen in Seefeld die landwirtschaftliche Schule besucht und schließlich an der BOKU in Wien studiert. Bekannt dürfte der studierte Ingenieur vielen geworden sein, als er Anfang der 80er Jahre Präsident der Schnalstaler Gletscherbahnen wurde; damals wurde das Skigebiet zu einem Magneten für Skisportler aus aller Welt aufgebaut. Nach seinem Ausstieg 1998 setzte er sich verstärkt für eine Liftverbindung zwischen Langtaufers und dem Kaunertal ein, die aber dann scheiterte. Daraufhin wechselte er in den Marmorsektor und übernahm 2007 die Tiroler Marmorwerke.<Rechte_Copyright></Rechte_Copyright>