<b>von Desmond Lachman, Senior Fellow am American Enterprise Institute</b><BR /><BR />In einer kürzlichen, nach Wahlkampf klingenden Rede behauptete US-Präsident Donald Trump, dass „das Einzige, was wirklich steigt, und zwar enorm, sind der Aktienmarkt und Ihr 401(k)“ (Anm. d. Red.: fondsbasierte betriebliche Altersvorsorge). <BR /><BR />Damit hat er recht: Alle wichtigen US-Aktienindizes verzeichneten im letzten Jahr zweistellige prozentuale Zuwächse. Und doch sind die Zwischenwahlen im November noch weit entfernt. Sollte es in der Zwischenzeit zu einer Korrektur am Aktienmarkt kommen, könnte sich Trumps stolzer Verweis auf die Entwicklung der Märkte als Belastung erweisen.<h3>Gefährlicher Optimismus und historische Überbewertung</h3>Pech für Trump ist dabei, dass eine Marktkorrektur (ein Rückgang um 10 bis 20 Prozent) in diesem Jahr sehr wahrscheinlich erscheint. Der Markt ist von einem ungewöhnlich hohen Maß an Optimismus geprägt, was die Aktien im Falle eines wirtschaftlichen Rückschlags im Vorfeld der Zwischenwahlen – der durch eine Reihe wirtschaftlicher oder politischer „bekannter Unbekannter“ verursacht werden könnte – anfällig für einen starken Einbruch macht.<BR /><BR />Betrachten wir den aktuellen Optimismus. Es wäre eine Untertreibung, zu sagen, dass Aktien mit hohen Bewertungen gehandelt werden; tatsächlich werden sie für eine perfekte Wirtschaftslage bewertet. Gemessen am zyklisch bereinigten Kurs-Gewinn-Verhältnis wird der S&P 500 mit mehr als dem Doppelten seines langfristigen Durchschnitts und nahe seinem Dotcom-Hoch von vor 2001 bewertet. Und gemessen am Buffett-Indikator – dem Verhältnis der Gesamtbewertung des US-Aktienmarktes zum US-BIP – weist der Markt ein Allzeithoch auf, das etwa 50 Prozent über seinem Höchststand von 2008 liegt.<BR /><BR />Ein weiterer Indikator für Optimismus ist die derzeitige Zuversicht der Fondsmanager. Laut der Bank of America sind diese einflussreichen Stimmen derzeit so optimistisch wie seit drei Jahren nicht mehr, und ihre aktuellen Barbestände sind auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen gesunken. Auch diese Stimmung und die daraus resultierenden Wetten lassen einen starken Marktrückgang erwarten, falls die Wirtschaft in den kommenden Monaten ins Stocken gerät.<h3> Haushaltsdefizite und die Unabhängigkeit der Notenbank</h3>Warum könnte das passieren? Man muss nur die untragbare Lage der öffentlichen Finanzen der USA betrachten, gepaart mit der Bedrohung, die Trump für die Unabhängigkeit der US-Notenbank darstellt, um sich eine Rückkehr der Bond Market Vigilantes und einen Anstieg der langfristigen Zinsen vorzustellen. Dieses Risiko wird durch die hohe Abhängigkeit des Landes von ausländischen Investoren zur Finanzierung seines jährlichen Haushaltsdefizits von zwei Billionen Dollar noch verstärkt. <BR /><BR />Wenn das Ausland zu der Überzeugung gelangt, dass die US-Regierung versuchen wird, sich ihrer Schulden durch eine höhere Inflation zu entledigen, wird es höhere Zinszahlungen für ihre US-Staatsanleihen verlangen, was die Kosten für Hypotheken, Autokredite und viele andere gängige Formen der Kreditaufnahme erhöhen würde.<h3> Das Platzen der KI-Blase als interner Schockfaktor</h3>Ein weiteres inländisches Risiko ist die KI-Blase, die jederzeit platzen oder schrumpfen könnte. Dieses Risiko ist besonders akut, wenn man bedenkt, dass bis zu 50 Prozent des BIP-Wachums der USA durch KI-bezogene Investitionen angetrieben werden. <BR /><BR />Darüber hinaus hätte das Ende der KI-Blase einen abschreckenden Effekt auf die Aktienkurse der sogenannten Magnificent Seven (Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla), deren Gesamtbewertung etwa 35 Prozent des S&P 500 ausmacht. Oracle, dessen Aktienkurs im vergangenen Quartal bereits um 30 Prozent gefallen ist, könnte sich als Vorbote erweisen.<h3> Handelskonflikte und Instabilität im Ausland</h3>Der US-Aktienmarkt könnte auch durch wirtschaftliche Rückschläge im Ausland erschüttert werden. Ein derartiger Schock könnte von China ausgehen, das zur Ankurbelung seiner Wirtschaft nach wie vor übermäßig auf ein investitions- und exportorientiertes Modell setzt. Angesichts eines Handelsüberschusses Chinas von mittlerweile über einer Billion US-Dollar ist ein verstärkter Protektionismus der USA und Europas wahrscheinlicher geworden, was zu einem weiteren Zusammenbruch des internationalen Handelssystems führen könnte.<BR /><BR />Ein weiterer Schock könnte aus Japan kommen, wo die unverantwortliche Haushaltspolitik von Premierministerin Sanae Takaichi Befürchtungen vor einem „Liz-Truss-Moment“ schürt, der die Renditen japanischer Staatsanleihen stark in die Höhe treiben könnte (so, wie das im Herbst 2022 in Großbritannien der Fall war). In diesem Fall könnte es zu einer disruptiven Beendigung des japanischen Carry Trade (Kreditaufnahme zu einem niedrigeren Zinssatz in einem Land, um in Vermögenswerte in einem anderen Land zu investieren) und zur Rückführung japanischen Kapitals kommen, das bisher die US-Finanzmärkte stützt.<h3> Geopolitische Risiken und die Taiwan-Frage</h3>Und schließlich können unerwartete oder unterschätzte geopolitische Ereignisse die Finanzmärkte destabilisieren. Die US-Militäroperation gegen Venezuela vom vergangenen Wochenende hat es gezeigt. Noch bevor Trump verkündete, dass die USA Venezuela bis zu einem „ordnungsgemäßen“ Übergang „regieren“ wollen, führte China Live-Militärübungen in der Straße von Taiwan durch, und Russland zögerte eine Friedensvereinbarung mit der Ukraine hinaus. <BR /><BR />China könnte versuchen, diesen Moment zu nutzen, um die Kontrolle über Taiwan zurückzugewinnen, und Russland könnte sich ermutigt fühlen, noch ehrgeizigere Forderungen nach territorialen Zugeständnissen der Ukraine zu stellen. Selbst die geringste Möglichkeit eines Konflikts um Taiwan sollte Anlass zu großer Sorge geben, bedenkt man, dass Taiwan mehr als die Hälfte der weltweit produzierten Halbleiter liefert.<BR /><BR />Es heißt, wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen. Entsprechendes könnte im Vorfeld der diesjährigen Zwischenwahlen auch für die Aktienkurse gelten. Durch seine Betonung der derzeitigen guten Entwicklung des Aktienmarktes könnte sich Trump angreifbar machen, falls sich derartige Risiken verwirklichen sollten.<BR /><BR /><BR /><b>Über den Autor</b><BR />Desmond Lachman ist Senior Fellow am American Enterprise Institute. Er ist ehemaliger stellvertretender Direktor der Abteilung für Politikentwicklung und -analyse des Internationalen Währungsfonds und ehemaliger Chef-Wirtschaftsstratege für Schwellenländer bei Salomon Smith Barney.