Russlands Invasion der Ukraine im Jahr 2022 war ein enormer Schock, nicht nur, weil der russische Präsident Wladimir Putin sie tatsächlich vollzogen hat, sondern auch, weil viele – darunter Putin selbst – davon ausgingen, dass die Ukraine innerhalb weniger Tage zusammenbrechen würde.<BR /><BR />Vier Jahre später steht die Ukraine immer noch, trotz mehr als 13.000 Raketenangriffen und 140.000 Drohnen-Attacken, massiven Vertreibungen, täglichen Stromausfällen und unzähligen anderen Schocks, die die meisten Volkswirtschaften lahmgelegt hätten. Wie aus Grafik 1 hervorgeht, begann sich die Wirtschaft nach einem Rückgang um fast 30 Prozent Anfang 2022 rasch zu erholen, und das BIP (berechnet zu laufenden Preisen) nähert sich nun wieder dem Vorkriegsniveau.<BR /><BR /><BR />Die Widerstandsfähigkeit der Ukraine mag Außenstehenden wie ein Wunder erscheinen, und in vielerlei Hinsicht ist es das auch. Dennoch ist diese Resilienz auch Ausdruck institutioneller Faktoren und politischer Entscheidungen, die es der Wirtschaft des Landes ermöglicht haben, den russischen Angriffen standzuhalten.<h3> Rückeroberung der Handelswege</h3>Zunächst einmal gewann die Ukraine nach und nach die Kontrolle über ihren Luftraum und ihre Seewege zurück. Zu Beginn des Krieges konnte Russland ohne nennenswerten Widerstand tief im Landesinneren angreifen, während die Blockade von Odessa und anderen Schwarzmeerhäfen den Handel der Ukraine mit der Außenwelt effektiv unterband. <BR /><BR />Im Laufe der Zeit wurden die Verteidigungsanlagen der Ukraine jedoch erheblich verstärkt. Der Einsatz von Patriot-, IRIS-T- und SAMP/T-Luftabwehrsystemen sowie von F-16- und Mirage-Kampfflugzeugen, die von europäischen Verbündeten geliefert wurden, schränkte die Möglichkeiten Russlands für Luftangriffe erheblich ein.<BR /><BR />Auf See entwickelte die Ukraine Schiffsabwehrraketen und Seedrohnen. Diese hielten die russische Marine von ihrer Küste fern und ermöglichten die Einrichtung eines Schifffahrtskorridors entlang der Küsten Bulgariens und Rumäniens. Infolgedessen hat das Handelsvolumen auf dem Seeweg das Vorkriegsniveau weitgehend wieder erreicht, wodurch die wirtschaftliche Erholung gestärkt wurde.<h3> Der fiskalische Impuls der Verteidigung</h3>Darüber hinaus stellten die Ausgaben im Zusammenhang mit dem Krieg einen massiven fiskalischen Impuls dar. Die Verteidigungsausgaben stiegen von 6 Milliarden Dollar im Jahr 2021 auf 70 Milliarden Dollar im Jahr 2025. Das heißt, mittlerweile fließt etwa jede dritte Hrywnja in die Verteidigung. Selbst bei einem moderaten fiskalischen Multiplikator hat dieser Ausgabenanstieg die Gesamtnachfrage erheblich gestützt und eine stärkere Kontraktion verhindert.<BR /><BR />Unterdessen hat internationale Wirtschaftshilfe eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung wirtschaftlicher Ungleichgewichte gespielt. Nach der Invasion im Jahr 2022 stiegen die Staatsausgaben sprunghaft an, während die Produktion einbrach, wodurch sich das Haushaltsdefizit auf 25 Prozent des BIP erhöhte. Ohne Zugang zu internationalen Kapitalmärkten und angesichts schwacher heimischer Finanzmärkte blieb der Ukraine kaum eine andere Wahl, als sich auf bilaterale und multilaterale Kredite und Zuschüsse zu verlassen.<h3> Die Rolle der Nationalbank und der Märkte</h3>Seit 2022 hat die Ukraine jährlich rund 40 Milliarden US-Dollar an Budgethilfen erhalten. Diese Mittel dienten nicht nur der Finanzierung des Haushaltsdefizits, sondern trugen auch dazu bei, ein Leistungsbilanzdefizit von rund 10 Prozent des BIP zu decken, das auf Importe von Energie und Militärgütern sowie eingeschränkte Exportkapazitäten zurückzuführen war. Auch andere Formen der internationalen Unterstützung waren von entscheidender Bedeutung. So hat beispielsweise die Integration in das Stromnetz der Europäischen Union dazu beigetragen, ein landesweites Blackout zu verhindern.<BR /><BR />Gleichzeitig spielte die Nationalbank der Ukraine eine zentrale Rolle im Hinblick auf die Wahrung der makroökonomischen Stabilität. Unmittelbar nach dem russischen Angriff stellte sie Liquidität bereit, legte vorübergehend den Wechselkurs fest, führte Kapitalkontrollen ein und ergriff Notfallmaßnahmen, um Panik zu verhindern. <BR /><BR />So kam es trotz außerordentlicher Belastungen zu keinen systemischen Bank Runs oder einem Zusammenbruch der Währung. Nach 2022, als die internationale Hilfe nur begrenzt verfügbar und die Inflation auf 25 Prozent gestiegen war, verzichtete die Zentralbank auf die direkte Finanzierung der Regierung. Als sich die Lage stabilisierte, lockerte sie die Beschränkungen, sodass sich die Wirtschaft anpassen konnte.<h3> Marktmechanismen statt Staatsvorgaben</h3>Diese Anpassung wurde dadurch erleichtert, dass die Ukraine bei ihrer Ressourcenallokation eher auf Marktmechanismen als auf staatliche Vorgaben setzte. Selbst inmitten des zerstörerischsten Konflikts in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Ukraine nicht auf Rationierung von Lebensmitteln oder medizinischen Gütern zurückgegriffen.<BR /><BR />Dieser Ansatz lässt sich auf frühe Erfahrungen zurückführen. In den ersten Kriegsmonaten führte die Regierung Preiskontrollen für Benzin ein, woraufhin es schnell zu Engpässen und langen Schlangen an den Tankstellen kam. Nach Aufhebung dieser Kontrollen kurbelten höhere Preise die Importe und logistische Innovationen an. Bemerkenswert ist, dass die Ukraine trotz der Zerstörung aller großen heimischen Ölraffinerien selbst in den schwierigsten Zeiten keine anhaltenden Kraftstoffengpässe zu verzeichnen hatte.<h3>Erfindergeist unter Beschuss</h3>Ebenso zeigten Unternehmen und Haushalte außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit. Viele Firmen installierten private Generatoren, um den Betrieb während der Stromausfälle aufrechtzuerhalten. Landwirtschaftliche Betriebe nutzten eigene Gerätschaften, um Felder zu entminen und die Produktion in der Nähe der Frontlinien aufrechtzuerhalten. <BR /><BR />Einige Industriebetriebe verlegten ihren Standort in westliche Regionen oder verlagerten einen Teil ihrer Produktion unter die Erde, um vor Drohnenangriffen geschützt zu sein. Im weiteren Sinne kam es zu einer Verlagerung der Wirtschaftstätigkeit in Richtung weniger exponierter Sektoren wie Agrarindustrie und IT-Branche.<BR /><BR />Vor allem aber beruht die Widerstandsfähigkeit der Ukraine auf dem gemeinsamen Verständnis, dass ein existenzieller Krieg Opferbereitschaft erfordert. Eine Niederlage würde eine genozidale Besatzung bedeuten, während ein Sieg – unterschiedlich interpretiert als Wahrung der Souveränität oder Wiederherstellung der Grenzen von 1991 – die Aussicht auf einen EU-Beitritt und langfristigen Wohlstand bietet.<h3> Die Krise der Energieinfrastruktur</h3>Die ukrainische Wirtschaft steht zweifellos vor enormen Herausforderungen. Die jüngsten russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur haben die Stromerzeugungskapazität des Landes drastisch reduziert, von über 40 Gigawatt vor dem Krieg auf heute etwa 12 Gigawatt. Dadurch ist das System in einem ungewöhnlich kalten Winter anfällig geworden, wobei die Menschen in tausenden Hochhäusern in Kiew und anderen Städten über längere Zeiträume ohne Wasser, Heizung und Strom auskommen müssen.<BR /><BR />Gleichzeitig berichten Unternehmen von einem gravierenden Arbeitskräftemangel. Wie die Differenz zwischen tatsächlicher und potenzieller Produktion in Grafik 1 zeigt, läuft die Wirtschaft nahezu an ihrer Kapazitätsgrenze, wodurch der Spielraum für rasches Wachstum in Kriegszeiten begrenzt ist. Der Schwerpunkt der Politik muss sich daher auf die Ausweitung des Angebots und die Steigerung der Produktivität innerhalb der bestehenden Grenzen verlagern.<h3> Unsicherheit bei westlicher Unterstützung</h3>Erschwerend kommt hinzu, dass die ausländische Hilfe nach wie vor schwer berechenbar und unzureichend ist. Die Regierung unter US-Präsident Donald Trump hat alle wirtschaftlichen Hilfen für die Ukraine eingestellt, und das kürzlich von der EU genehmigte Kreditpaket in Höhe von 90 Milliarden Euro reicht nicht aus, um den Verlust der amerikanischen Hilfe auszugleichen.<BR /><BR />Auch die Luftabwehrsysteme der Ukraine sind nach wie vor stark von militärischem Gerät aus den USA und Finanzmitteln aus Europa abhängig. Wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj feststellte, waren allein für die Abwehr des massiven russischen Angriffs auf Kiew am 20. Januar Raketen im Wert von 80 Millionen Euro erforderlich.<BR /><BR />Dennoch hat die ukrainische Wirtschaft bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit bewiesen. Solange die ausländische Hilfe weiterfließt, wird das Land in der Lage sein, die Kriegsanstrengungen aufrechtzuerhalten und sich damit einen entscheidenden Vorteil in diesem langwierigen und zermürbenden Abnutzungskrieg zu verschaffen.<BR /><BR /><b>Über die Autorinnen</b><BR />Tatjana Derjugina ist außerordentliche Professorin für Finanzwesen an der University of Illinois in Urbana-Champaign. Anastassija Fedyk ist Assistenzprofessorin für Finanzwesen an der University of California in Berkeley. Jurij Gorodnitschenko ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of California in Berkeley.