Dienstag, 11. August 2015

„Wie im Flüchtlingslager“ – Italiens Tourismus fürchtet Einbußen

Die Sommermonate sind die wichtigste Zeit für Italiens Hoteliers und Restaurantbetreiber. Doch im Sommer steigt auch die Zahl der Flüchtlinge – und damit die Angst, dass sie der Branche das Geschäft vermiesen könnten. Bisher scheint die Furcht unbegründet.

Foto: © APA/EPA

Flüchtlingsunterkünfte an der Strandpromenade, überladene Migrantenboote vor der Küste: Für viele italienische Hoteliers und Restaurantbesitzer ist das ein Horrorszenario. Sie fürchten Einbußen durch den beispiellosen Flüchtlingsansturm in Italien in diesem Jahr und die Unterbringung von Migranten in Urlaubsorten.

„Damit riskiert man die Saison für diese Betriebe“, schimpfte Venetiens Präsident Luca Zaia zuletzt. Die Sorgen in Italien sind groß, denn auch für die gebeutelte Wirtschaft des Landes, die sich gerade erst aus der Rezession herausgekämpft hat, ist der Tourismus eine wichtige Stütze.

"Bahnhof von Mailand sieht aus wie Flüchtlingslager"

Der Sommer ist das große Geschäft vor allem für die italienischen Küstenorte. Bei den Italienern fallen fast drei Viertel aller Übernachtungen eines gesamten Jahres auf die Sommermonate, besonders in den August. Mit diesem Anteil ist Italien in Europa Spitzenreiter. Und die meisten Menschen fahren in den Ferien ans Meer und flüchten aus den stickigen Städten. Dieses Geschäft wollen sich die Hoteliers und Restaurantbesitzer nicht von hässlichen Szenen aus Flüchtlingsunterkünften oder von sinkenden Booten verderben lassen.

„Der erste Eindruck ist entscheidend. Im Bahnhof von Mailand sieht es aus wie in einem Flüchtlingslager“, sagte Bernabo Bocca, Präsident des Hotelverbandes Federalberghi, der Zeitung „Il Giornale“. „So bekommen die Touristen keinen guten Eindruck. Nehmen wir diejenigen auf, die ein Recht darauf haben, ohne den Tourismus zu bestrafen.“ Viele Regionen in Italien lebten vom Tourismus. „Es ist nicht hinnehmbar, dass sie sich in große Aufnahmezentren verwandeln.“

Die Zahlen bestätigen diese Sorge bisher jedoch nicht. In den Sommermonaten 2015 sind laut Federalberghi im Vergleich zum Vorjahr 2,5 Prozent mehr ausländische Touristen nach Italien gekommen, bei den italienischen Urlaubern im eigenen Land gab es sogar ein Plus von 8,6 Prozent. Und auch die Italienische Zentrale für Tourismus in Frankfurt erklärte, es seien wegen des Flüchtlingsansturms noch keine Beschwerden oder Nachfragen von deutschen Touristen eingegangen.

Flüchtlinge am Strand von Jesolo untergebracht

Dennoch kocht die Stimmung in einigen Urlaubsorten hoch. Im Küstenort Eraclea demonstrierten Hunderte gegen die Unterbringung von Migranten. Auch Regionenpräsident Zaia und Matteo Salvini, Chef der ausländerfeindlichen Partei Lega Nord, nahmen an den Protesten teil. „Wir brauchen Unterbringungen für Italiener in Schwierigkeiten und nicht für Ausländer, die dem Tourismus schaden“, schimpfte er.

In Jesolo bei Venedig beschwerten sich Einheimische und Touristen über die Unterbringung von Migranten direkt am Strand, nur durch einen Zaun von den sonnenbadenden Urlaubern entfernt. „Es wäre besser, wenn sie die wieder nach Hause schicken würden. Nicht nur die Hotelbesitzer beschweren sich“, sagte ein italienischer Urlauber der Zeitung „La Stampa“. Bürgermeister Valerio Zoggia sagte: „Hoteliers klagen, dass Touristen ihren Urlaub bei uns abgesagt haben.“

Und auch in Sizilien nimmt die Angst zu, hier kommen immerhin die meisten der geretteten Bootsflüchtlinge an. Die Insel Lampedusa ist ohnehin längst zum Synonym für Flüchtlingselend im Mittelmeer geworden. Die Insel beklagte nach dem verheerenden Flüchtlingsunglück 2013 im Jahr 2014 einen Einbruch von 60 Prozent im Tourismus.

apa/dpa

stol