Im „s+“-Interview erklärt Tappeiner, worauf sich Verbraucher und Unternehmer in den nächsten Monaten einstellen müssen. <BR /><BR /><b>Herr Tappeiner, seit einem Jahr werden im Kampf gegen die hohe Inflation ständig die Leitzinsen angehoben, doch diese „Waffe“ scheint stumpf zu sein. In Italien lag die Inflationsrate im Mai ja immer noch bei 7,6 Prozent und in Südtirol bei 7,7 Prozent. Wie oft kann oder soll die EZB die Leitzinsen noch anheben? </b><BR />Gottfried Tappeiner: Wir müssen die Leitzinsen so lange erhöhen, bis die Erhöhung eine Wirkung zeigt. Und Wirkung zeigt sie dann, wenn es gelingt, die Nachfrage zurückzudrängen. Denn durch die höheren Zinsen macht man natürlich Druck auf die Konsumbudgets der Haushalte und die Investitionsausgaben. Aber im Moment haben wir nach wie vor noch eine Übernachfrage, und daher gibt es auch keinen Grund für die Unternehmen, Preise wirklich zu senken oder auch nur einzufrieren. Deshalb wird die EZB wohl noch ein oder 2 weitere Schritte setzen. Allerdings sehen wir schon erste Anzeichen, dass sich etwas tut. <BR /><BR /><b>Dass die Nachfrage zurückgeht?</b><BR />Tappeiner: Ja. Zum Beispiel sind die ausgestellten Baugenehmigungen europaweit zurückgegangen. Da erkennen wir eine klare Abkühlung der Konjunktur. Andere Sektoren werden folgen. Auch im Tourismus werden wir wohl spätestens im nächsten Jahr eine Zurückhaltung der Nachfrage sehen. Wir sehen ja auch jetzt schon, dass die Inflation zurückgeht, wenn auch langsamer als alle Experten vermutet haben.<BR /><BR /><embed id="dtext86-60295044_quote" /><BR /><BR /><b>Wie wird sich die Inflation aus Ihrer Sicht entwickeln?</b><BR />Tappeiner: Ich bin ziemlich sicher, dass wir mit Jahresende eine Inflationsrate von weniger als 6 Prozent haben werden. Das Jahr darauf werden wir wohl unter 4 Prozent kommen. Damit würden wir dann allerdings immer noch 2 Prozentpunkte über dem Zielkorridor der EZB liegen. Aber man muss auch berücksichtigen: Was uns als Gesellschaft wirklich große Probleme bereitet hat, ist nicht so sehr die Höhe der Inflation, sondern die Geschwindigkeit, mit der sie nach oben geschnellt ist: Wir sind praktisch innerhalb eines Jahres von 1,5 auf 12 Prozent hochgeschossen. Und wir hatten keine Mechanismen, mit denen wir so schnell darauf reagieren hätten können – zum Beispiel, dass man die Kollektivverträge hätte entsprechend anpassen können. Wenn wir hingegen auf Dauer eine Inflation von 4 Prozent hätten, dann wäre das lästig, aber bei weitem nicht so schlimm wie dieser unglaublich schnelle Anstieg.<BR /><BR /><embed id="dtext86-60295048_quote" /><BR /><BR /><b>Gleichzeitig werden die Leitzinserhöhungen die Wirtschaft voraussichtlich abkühlen, viele befürchten regelrecht abwürgen. Muss man eine Rezession in Kauf nehmen, um die Inflation zu senken? Oder anders gefragt: Was ist schlimmer: Eine längere Rezession oder eine dauerhaft hohe Inflation?</b><BR />Tappeiner: Natürlich hätte die Europäische Zentralbank gerne, dass die Inflation sinkt, ohne dass es jemandem weh tut. Doch das geht nicht. Deutschland ist ja schon in einer Rezession. Davon spricht man, wenn man in 2 aufeinanderfolgenden Quartalen ein negatives Wachstum hat. Allerdings muss man auch sehen: Wir reden da von einem Zehntel Prozentpunkt. Dennoch hat das natürlich eine Signalwirkung. Ein entscheidende Frage ist jedoch: Wird die Rezession auch am Arbeitsmarkt ankommen? Einerseits sehen wir schon jetzt, dass erste Firmen in Europa mit den großen Umstellungen am Markt, die ja unabhängig von der Inflation laufen, nicht mehr zurecht kommen und Menschen in gar nicht so kleiner Zahl entlassen. Man denke nur an die großen Einzelhandelsketten, die zuletzt Insolvenz angemeldet haben, und an die massive Umstellung im Automotivsektor. Auf der anderen Seite haben wir aber eine so große Nachfrage nach Fachkräften, dass die meisten entlassenen Arbeitskräfte relativ gut und schnell aufgenommen werden. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="915088_image" /></div> <BR /><BR /><b>Und das bedeutet?</b><BR />Tappeiner: So lange das so ist, ist eine Rezession von einem halben Jahr oder Jahr nicht etwas, das einen umbringt. Die Frage ist auch, ob wir auf Dauer Wachstumsmärkte haben, die uns wieder nach vorne bringen – und das glaube ich schon. Wenn man es zudem schafft, bei den Lohnabschlüssen die Inflation ungefähr auszugleichen, dann, denke ich, gibt es auch relativ gute Chancen, dass wir wieder Wachstumsraten von 1,0 bis 1,5 Prozent erreichen. <BR /><BR /><b>Der italienische Außenminister Antonio Tajani hat kritisiert, dass Europa nicht dieselben Lösungen für die hohe Inflation – sprich Leitzinserhöhungen – anwenden könne, wie die USA, weil hierzulande die Inflation andere Ursachen habe (teurere Rohstoffe wegen des Ukrainekrieges). Hat er Recht?</b><BR />Tappeiner: Nein. Denn die Voraussetzung dafür, dass die Inflation so nach oben schießen konnte, haben wir schon 5 Jahre vorher geschaffen: durch die Politik des einfachen Geldes. Die EZB hat massiv Liquidität in den Markt hineingepumpt, auch um maroden Staaten günstige Staatsschulden zu ermöglichen. Eigentlich hätte bei der massiven Menge an Liquidität und der extrem gut laufenden Konjunktur wie 2019 schon damals eine Inflation kommen müssen. Sie ist aber nicht gekommen. Auslöser war dann wohl die Pandemie mit den Lieferkettenproblemen kombiniert mit dem Ukrainekrieg und seinen Folgen. Das war also nicht die Ursache, sondern nur der Zündfunke. Dadurch hat sich die riesige Liquidität wirklich in Nachfrage umgesetzt und damit in Inflation. Und das ist in den USA nicht viel anders, die auch eine Politik des einfachen Geldes hatten und große strukturelle Probleme in der Umwandlung ihrer Wirtschaft, auch wenn sie nicht vom russischen Gas abhängig sind. Europa tut sich insofern etwas schwerer, weil die Verschuldungslage der Staaten unterschiedlich ist und jede Leitzinserhöhung die Zinsen, die die Staaten zahlen müssen, erhöht – das ist neben dem Arbeitsmarkt der zweite Schauplatz, auf den die EZB schauen muss, ob da schlimme Nebenwirkungen auftauchen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-60295310_quote" /><BR /><BR /><b>Dann wollen wir mal zuversichtlich sein, dass die Leitzinserhöhungen wirklich etwas nutzen. Doch bis dahin haben es viele Kreditnehmer alles andere als einfach. Sind da große Schwierigkeiten zu erwarten?</b><BR />Tappeiner: Wenn ich einen Kredit habe, der produktiv eingesetzt ist, also ein Geschäftskredit, dann bekomme ich durch die höheren Preise, die ich wegen der Inflation durchsetzen kann, normalerweise auch die Liquidität, um die Mehrkosten für den Kredit abzudecken. Auf Privatpersonen mit variabel verzinsten Wohnungskrediten kommt sicher eine ordentliche Last zu. Wir wissen aber aus der historischen Erfahrung, dass gerade die Privatkredite für Wohnungen und Häuslebauer mit einer extrem hohen Zahlungsmoral zurückgezahlt werden. Ich glaube daher nicht, dass es zu einer großen Illiquidität für die Banken kommen wird, weil die Leute die Kredite nicht mehr zurückzahlen können und dass Wohnungen in großer Zahl versteigert werden. <BR /><BR /><b>Prognosen zufolge wird die Inflation also länger als gedacht über dem EZB-Ziel von 2 Prozent bleiben – in Österreich beispielsweise spricht man von 2027. Kurz zusammengefasst: Worauf müssen sich Verbraucher und Wirtschaft bis dahin einstellen?</b><BR />Tappeiner: Die Verbraucher werden sich auf eine Inflation von an die 4 Prozent noch ein, bis 2 Jahre einstellen müssen. Für die Erwerbstätigen werden das die Kollektivverträge aber früher oder später in einem bestimmten Umfang ausgleichen. Die Kredite werden teurer werden, aber die Kreditzinsen liegen ja noch unter der Inflationsrate, das wird sich ändern. Ich denke, wir können uns darauf einstellen, dass Geschäftskredite auf Dauer Inflationsrate plus ein Prozent sein könnten. <BR />