Wer hierzulande amerikanische Waren von der Einkaufsliste streichen will, merkt schnell: Es ist gar nicht so einfach. Die USA stecken in weit mehr Produkten und Technologien, als viele vermuten würden. „Ein vollständiger Verzicht auf amerikanische Waren und Dienstleistungen ist in unserer Gesellschaft eigentlich beinahe unmöglich“, sagt Thomas Aichner, wissenschaftlicher Leiter der Südtirol Business School.<h3> Social Media, Schokoriegel und Kreditkarten</h3>Amerikanische Produkte sind fast überall vorherrschend. „Die naheliegenden Produktkategorien sind Social Media (Facebook, Instagram, X, YouTube, LinkedIn, WhatsApp), Suchmaschinen und Betriebssysteme (Google, Microsoft Windows, Apple macOS, Android, iOS), Onlineplattformen für Streaming und Shopping (Netflix, Disney+ und Amazon) und Fast-Food-Ketten (McDonald’s, Burger King, Starbucks)“, erklärt Aichner. <BR /><BR />Aber auch in den Supermarktregalen wird die Dominanz der USA sichtbar. Im Getränkesektor bestimmen die US-Firmen Coca-Cola und PepsiCo das Angebot. Den Süßwarenbereich beherrschen die US-Giganten Mondelez, zu dem mittlerweile Milka und Toblerone gehören, und Mars Incorporated mit seinen Marken wie Snickers, Twix, Bounty und M&M’s. Obendrein besitzt der Schokoriegelhersteller auch alle bekannten Tierfuttermarken wie Cesar, Pedigree, Kitekat und Whiskas. Den Hygiene- und Drogeriesektor dominiert der US-Konzern Procter & Gamble (Pampers, Gilette, Ariel). <BR /><BR /><embed id="dtext86-68934199_quote" /><BR /><BR />Weniger naheliegend ist die US-Dominanz im Finanzbereich: Alle großen Kreditkartenanbieter wie Visa, Mastercard und American Express sind amerikanisch und auch andere Zahlungsanbieter wie PayPal. „Generell wird das internationale Zahlungssystem von den USA dominiert: Über 50 Prozent der weltweiten Finanztransaktionen laufen in US-Dollar, und selbst das globale Zahlungssystem SWIFT wird stark von den USA beeinflusst, obwohl es von Belgien aus verwaltet wird“, sagt Aichner. <BR /><BR />Auch eine Vielzahl der medizinischen Geräte, Patente und Medikamente stammt aus den USA: Unternehmen wie Pfizer, Johnson & Johnson, Moderna und Merck kontrollieren den Markt und sind nicht nur bei Impfstoffen, sondern auch bei vielen anderen Medikamenten führend.<h3> Wie realistisch wäre ein Boykott?</h3>Organisierte Boykotte sind kein neues Phänomen, weiß Thomas Aichner: „So rief Mohandas Gandhi während des Salzmarsches 1930 seine indischen Landsleute dazu auf, britisches Salz und Leinen zu boykottieren, um gegen die Besatzung durch Großbritannien zu protestieren.“<BR /><BR />Letztlich würde aber ein Boykottaufruf gegen amerikanische Produkte auf einige wenige Produktkategorien oder Marken beschränkt, die besonders amerikanisch sind oder im Fokus der Presse stehen, vermutet Aichner. Ähnliches geschah 2005 in Spanien, als eine Vielzahl an Spaniern den katalanischen Schaumwein Cava boykottierten, nachdem in Katalonien ein neues Autonomiestatut verabschiedet worden war. „Im Fall der USA könnte Tesla ein solcher Kandidat sein, weil die Marke besonders im Blickpunkt steht und einfach ersetzt werden kann.“<h3> Hat Europa eigentlich Alternativen?</h3>Selbst wenn man also boykottieren würde: Hätte man konkurrenzfähige Alternativen? „Ja“, lautet die Antwort von Thomas Aichner. „Die Frage ist: Nehmen Konsumenten diese Alternativen an oder wie weit wollen die Staaten gehen, um ein Verbot ausländischer Produkte, Dienstleistungen und Technologien durchzusetzen. Und wie sehr sind europäische Produkte dann wirklich europäisch?“<BR /><BR />Ein Beispiel ist die Google-Alternative Ecosia, ein deutsches Projekt, das einen Teil seiner Einnahmen für den guten Zweck verwendet. Es hat bereits über 200 Millionen Bäume gepflanzt und mehr als 91 Millionen Euro für den Klimaschutz investiert. „Doch auch hier kommt amerikanische Technologie zum Einsatz, etwa bei Betriebssystemen und Servern, und Ecosia nutzt Social-Media-Plattformen wie Instagram, YouTube, X, LinkedIn und Facebook zur Werbung.“<BR /><BR />Die USA aus dem Konsum komplett zu verbannen, bleibt also eher eine Utopie.