Wenn die Einkaufspreise für Rohstoffe, Energie und Arbeit steigen, müssen Unternehmen ihre Verkaufspreise erhöhen, um weiter rentabel zu bleiben. Bei Konsumenten treffen höhere Preise aber verständlicherweise auf wenig Zustimmung. Besonders bei Lebensmitteln und anderen Gütern des täglichen Gebrauchs fallen selbst kleine Änderungen vielen sofort auf. Die Reaktion auf Preiserhöhungen ist oft, dass sich Käufer nach Alternativen umsehen oder weniger kaufen, selbst wenn sie mit dem Produkt eigentlich zufrieden sind.<BR /><BR /><embed id="dtext86-66013142_quote" /><BR /><BR />„Um dies zu vermeiden, hat sich eine je nach Perspektive unmoralische oder effiziente Methode durchgesetzt: Es wird weniger Inhalt zum gleichen Preis angeboten. Das Entscheidende dabei ist, dass der Käufer die Änderung nicht bemerkt“, so Thomas Aichner, Marketingexperte und wissenschaftlicher Leiter der Südtirol Business School.<BR /><BR />In den letzten Jahren hat sich dafür der Begriff „Shrinkflation“ oder „Schrumpflation“ durchgesetzt – von „shrink“ (Englisch für schrumpfen) und Inflation. <BR /><BR />Die Umsetzung ist denkbar einfach. Angenommen, eine Firma will oder muss die Preise um 10 Prozent anheben. Bei einem Preis von aktuell 3,99 Euro wären das 40 Cent mehr. Der neue Preis läge also bei 4,39 Euro. Stellen Sie sich vor, es handelt sich um die Fischstäbchen, die Sie einmal pro Woche im Supermarkt einkaufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie den neuen Preis bemerken würden, ist relativ hoch. Anstelle der Preiserhöhung, könnte aber auch die Anzahl der Fischstäbchen um 10 Prozent von 20 auf 18 reduziert werden. Bei einem konstanten Preis von 3,99 Euro fällt die Änderung im Supermarkt wohl nicht auf. Vielleicht merken Sie zuhause, dass es plötzlich weniger Stück sind, weil Ihre 4 Familienmitglieder nicht mehr jeweils 5 Fischstäbchen bekommen. Auch in diesem Fall reagieren Konsumenten negativ und das Image der Marke nimmt Schaden. „Am ehesten bleibt die Preiserhöhung unbemerkt, wenn das Gewicht pro Fischstäbchen um 10 Prozent abnimmt. Kaum jemand wird wahrnehmen, dass ein Stäbchen nur noch 27 Gramm statt 30 Gramm wiegt“, erklärt Aichner eine gängige Praxis im Lebensmitteleinzelhandel. <BR /><BR />Perfektioniert wird die „Shrinkflation“ laut dem Markenprofi durch einige Besonderheiten, die es noch unwahrscheinlicher machen sollen, dass die Änderung erkannt wird. „Ein wichtiges Element ist die Produktverpackung: Diese bleibt nach der Reduzierung häufig gleich groß, obwohl sich der Inhalt verringert. Manchmal wird das Verpackungsdesign komplett oder teilweise neu gestaltet, um die Aufmerksamkeit vom Gewicht oder der Größe abzulenken. Eine weitere Möglichkeit der Ablenkung besteht darin, sowohl die Füllmenge als auch den Preis zu erhöhen. Nimmt das Gewicht um 15 Prozent zu, der Preis aber um 25 Prozent, ist die Preiserhöhung den meisten Käufern nicht bewusst.“<h3> Einige Praxisbeispiele</h3>Wie dreist manche Hersteller die Verbraucher durch eine Schrumpfkur der Produkte täuschen, zeigen einige Beispiele von Verbraucherschützern in Deutschland und Italien. Im Juli 2024 hat ein Anbieter von Nahrungsergänzung laut Verbraucherzentrale Hamburg nur noch 70 anstatt wie früher 120 Kapseln Kieselerde mit Zink und Biotin in der gleichen Verpackung verkauft. Der Preis blieb mit 4,49 Euro gleich, womit das Produkt 71 Prozent teurer wurde. Ein anderes aktuelles Beispiel ist griechisches Olivenöl: Eine Flasche kostet im Discounter seit Mai 2024 zwar nur noch 6,99 Euro statt 7,49 Euro - allerdings wurde sie kleiner und ist jetzt nur noch mit 500 statt 750 ml gefüllt. Das ist eine Preiserhöhung von 40 Prozent. Besonders bekannt für „Shrinkflation“ sind die Chips in der runden Kartonverpackung, wo die Strategie schon seit mindestens 2006 angewandt wird. Die letzten beiden Schritte waren zuerst 2022 zu beobachten (von 200 auf 185 Gramm) und dann im Mai 2024 (von 185 auf 165 Gramm). Bezahlt hat der Kunde immer 2,49 Euro, wodurch er seit kurzem 12 Prozent mehr bezahlt als vorher.<BR /><BR />Die Verbraucherschutzorganisation Altroconsumo veröffentlicht auf ihrer Homepage ebenfalls regelmäßig Artikel, deren Inhalt geschrumpft ist. Beispiel Spülmittel: Im November 2023 reduzierte ein Hersteller den Inhalt von einem Liter auf 900 ml. Zu diesem Zeitpunkt stieg der Preis von 1,30 Euro auf 1,67 Euro pro Liter. Um eine weitere Preiserhöhung zu vermeiden, verkleinerte sich kürzlich der Inhalt von 900 auf 850 ml. Der Preis pro Liter hat damit 2,55 Euro erreicht, was einer Preissteigerung von 53 Prozent entspricht. Auch vor Bier macht das Phänomen nicht halt: Aus der Flasche mit 66 cl eines namhaften Produzenten ist mittlerweile eine mit nur noch 62 cl geworden; eine versteckte Preiserhöhung – auf den Liter gerechnet – von 18 Prozent. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. De facto sind derlei Praktiken in nahezu allen Bereichen des Lebensmittelhandels gängige Praxis. <h3> Was die Politik dagegen unternimmt</h3>Frankreich reagierte darauf und schritt im Interesse des Verbrauchers ein. Seit 1. Juli ist ein Gesetz in Kraft, wonach alle Produkte, deren Inhalt sich bei gleichem Preis verringert hat, ausgewiesen werden müssen. Auf diese Weise sollen Verbraucher sofort erkennen können, was Sache ist. Versteckte Preiserhöhungen werden sichtbar gemacht. <BR /><BR />Dem Beispiel Frankreichs will nun auch Italien folgen. Im Entwurf zum neuen Wettbewerbsgesetz (DDL concorrenza) ist der Bekämpfung der „Shrinkflation“ ein Passus gewidmet. Um die Verbraucher besser zu informieren, soll eine Kennzeichnungspflicht eingeführt werden, die vorschreibt, dass auf den betroffenen Produkten eine spezielle Etikette angebracht wird. Und zwar für die Dauer von 6 Monaten nach Durchsetzung der versteckten Preiserhöhung. Läuft alles nach Plan, dürfte das Gesetz noch heuer verabschiedet werden und mit kommendem Jahr in Kraft treten. <h3> Die Tipps der Verbraucherschützer</h3>Bleibt die Frage, was Konsumenten solange tun können, um sich nicht hinters Licht führen zu lassen? Wozu Verbraucherschützer raten: Ein häufiges Anzeichen für „Shrinkflation“ sind Verpackungshinweise wie „New Size“ oder „Neue Größe“ sowie „neue Rezeptur“. Oft verbirgt sich hinter solchen Angaben lediglich eine Reduktion der Produktmenge oder -qualität.<BR /><BR />Besonders bei Produkten mit vermeintlichen Standardgrößen lohnt sich ein genauerer Blick. Schokolade ist ein klassisches Beispiel: Während viele denken, dass eine Tafel Schokolade immer 100 Gramm wiegt, hat sich dies in der neuen Variante häufig auf nur noch 80 Gramm reduziert. Dies ist möglich, da die EU 2009 die Standardgrößen für Schokolade und Milch aufgehoben hat.<BR /><BR />Eine nützliche Orientierung bietet laut Verbraucherschutz der Grundpreis, der auf Preisschildern im Handel pro Liter oder Kilo angegeben sein muss. Er dient als Vergleichswert, um das günstigste Produkt zu finden. Allerdings hat der Grundpreis bei der „Shrinkflation“ oft seine Grenzen, da das alte Produkt meist nicht mehr im Regal steht. Zudem kommt es vor, dass der Grundpreis fehlt oder falsch berechnet ist.<BR /><BR />Ein weiteres Warnsignal ist eine größere Menge an Luft in der Verpackung.