Freitag, 12. März 2021

Wifo-Barometer: „Aufschwung kommt noch nicht in Gang“

Die Fortsetzung des Pandemienotstands schwächt die Erwartungen der Südtiroler Unternehmen hinsichtlich der Ertragslage im Jahr 2021 ab: Diesbezüglich wird keine wesentliche Veränderung im Vergleich zum letzten Jahr erwartet. Das geht aus der Frühjahrsausgabe des Wirtschaftsbarometers hervor.

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Symbolbild - Foto: © shutterstock
Umsätze und Investitionen sind laut Barometer rückläufig und auch am Arbeitsmarkt ist keine Besserung zu erwarten.

Am stärksten betroffen sind nach wie vor die Sektoren Tourismus und Transport, die durch den Ausfall der Wintersaison stark beeinträchtigt sind.

Die Einschätzungen des WIFO – Instituts für Wirtschaftsforschung der Handelskammer Bozen zur Entwicklung des Südtiroler Bruttoinlandsprodukts bleiben für 2020 unverändert, mit einer geschätzten Schrumpfung von 10,0 Prozent. Für das Jahr 2021 wird eine teilweise Erholung erwartet, zwischen +1,0 und +4,0 Prozent.

Südtiroler Wirtschaft – Neue Verschlechterung zum Jahresende 2020 und in den ersten Monaten 2021

Die Wiedereinführung von Bewegungseinschränkungen und Sperrmaßnahmen für die Wirtschaftstätigkeiten aufgrund der zweiten Pandemiewelle verursachte in den letzten Monaten des Jahres 2020 einen deutlichen Umsatzrückgang.

Die im Rahmen der Konjunkturumfrage befragten Unternehmen berichten, dass bereits im September die Umsätze im Vergleich zum Vorjahresmonat um durchschnittlich rund 10 Prozent zurückgegangen sind.

Die Umsatzverluste wurden in den darauffolgenden Monaten noch größer und erreichten im Dezember sogar 23 Prozent, was vor allem auf den ausgebliebenen Start in die touristische Wintersaison zurückzuführen ist. Der allgemeine Rückgang der Wirtschaftsaktivität wird auch von den Daten zum Stromverbrauch der Unternehmen bestätigt: Dieser liegt seit Oktober wieder unter dem Vorjahresniveau. Insgesamt berichten mehr als 2 Drittel der Unternehmen von einem Umsatzrückgang im Jahr 2020.

21.800 Arbeitsverträge gingen verloren

Besorgniserregende Signale kommen auch vom Arbeitsmarkt: Im Februar 2021 lag die Anzahl der unselbstständig Beschäftigten in der Südtiroler Wirtschaft sogar um 10,2 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresmonats 2020. Dies entspricht einem noch stärkeren Rückgang, als es im Frühjahr 2020 während der ersten Pandemiewelle beobachtet wurde.

Es sind mehr als 21.800 Arbeitsverträge verloren gegangen, zum Großteil im Tourismussektor. Von der Dramatik der Krise zeugen auch die in Südtirol genehmigten Lohnausgleichsstunden. Im Jahr 2020 beliefen sie sich auf über 19,8 Millionen und waren somit mehr als 10 Mal so viele wie im Vorjahr. Für das Jahr 2021 erwarten die Unternehmen keine Erholung bei den Neueinstellungen.

Die Einschätzungen der Unternehmer für das Gesamtjahr 2020 sind sehr negativ: Mehr als ein Drittel der Befragten berichtet von einer unzureichenden Ertragslage. Die negativsten Bewertungen kommen von den Unternehmen im Tourismussektor, aber auch im Transport- und im Energiesektor ist die Lage oft kritisch. Schwierigkeiten gibt es auch in vielen Branchen des Handels und der Dienstleistungen, die seit letztem Herbst neuen Restriktionen unterworfen sind.

Die Fortsetzung des Gesundheitsnotstandes, mit der fortschreitenden Verschärfung der restriktiven Maßnahmen und der Wiedereinführung roter Zonen in mehreren Südtiroler Gemeinden, hat zu einer deutlichen Verschlechterung der Erwartungen für das laufende Jahr geführt: Etwa jedes dritte Unternehmen rechnet auch 2021 mit einer schlechten Ertragslage.

Dieser hohe Anteil an pessimistischen Betrieben deckt sich durchaus mit dem des vergangenen Jahres und hängt sowohl von den verhaltenen Erwartungen an die Umsatzentwicklung – die laut mehr als einem Drittel der Unternehmen heuer einen erneuten Rückgang erfahren wird – als auch von der erwarteten Verschlechterung der Rahmenbedingungen ab. Auch was die Investitionen betrifft, gehen die Unternehmen von einer weiteren Abnahme aus, aufgrund der hohen Unsicherheit über den Zeitpunkt der Erholung.

Das internationale Szenario ist weiterhin von der Covid-19-Pandemie geprägt

Die Ausbreitung der neuen Covid-Varianten hat viele europäische Regierungen gezwungen, Einschränkungen der Mobilität von Menschen und Sperrungen von wirtschaftlichen Aktivitäten zu erlassen, während man die ersten Auswirkungen der Impfkampagnen abwartet. Angesichts der immer noch sehr schwachen Wirtschaftsentwicklung im ersten Quartal sah sich die Europäische Kommission gezwungen, ihre Schätzungen für das laufende Jahr nach unten zu korrigieren: Die Prognose für das BIP-Wachstum der Eurozone im Jahr 2021 liegt nun bei +3,8 Prozent. Eine wichtige Rolle für den Aufschwung werden auf EU-Ebene die „Recovery and Resilience Plans“ spielen, welche die einzelnen Mitgliedsstaaten bis Ende April bei der Europäischen Kommission einreichen müssen und die Investitionsprogramme zur Verringerung der sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie enthalten sollen.

Die internationale Konjunktur sollte darüber hinaus von der Erholung von großen Volkswirtschaften wie den USA und China profitieren. Die Schrumpfung des US-BIP im Jahr 2020 wurde auf -3,4 Prozent begrenzt und für 2021 wird ein Plus von 5,1 Prozent erwartet. China könnte nach einem bescheidenen Wachstum von +2,3 Prozent im Jahr 2020 heuer sogar mehr als 8 Prozent erreichen.

In Italien endete das Jahr 2020 nach neuesten Schätzungen mit einer Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts von -8,9 Prozent und somit schlechter als im Schnitt der Eurozone. Der Rückgang ist vor allem auf die Inlandsnachfrage zurückzuführen, aber auch der Beitrag der Exporte war negativ. Gleichzeitig stieg die Staatsverschuldungsquote um mehr als 20 Prozentpunkte auf 155,6 Prozent. Darüber hinaus führte die durch die Pandemie ausgelöste Wirtschaftskrise trotz des Entlassungsverbots zu einem Rückgang der Beschäftigungsquote um 0,9 Prozent auf 58 Prozent zu Jahresende. Noch deutlicher fiel die Abnahme der geleisteten Arbeitsstunden aus: Diese sanken 2020 um 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr, was 4,8 Milliarden Stunden entspricht.

Aufgrund der jüngsten Entwicklungen der Pandemie, mit der Ausbreitung neuer Varianten des Coronavirus in vielen italienischen Regionen, hat die Europäische Kommission ihre Schätzungen für das italienische BIP-Wachstum im Jahr 2021 auf +3,4 Prozent nach unten korrigiert.

Bruttoinlandsprodukt in Südtirol


Für das Jahr 2020 bestätigt das WIFO seine Schätzung eines Rückgangs des Südtiroler BIP um 10 Prozent. Ein Aufschwung kann erst in der zweiten Jahreshälfte 2021 erfolgen. Nach derzeitigem Kenntnisstand erwartet das WIFO für das laufende Jahr ein moderates Wachstum zwischen +1,0 und +4,0 Prozent, abhängig von der Entwicklung der Pandemie, der Impfkampagne und dem Vertrauen der Unternehmen und Konsumenten.

Der Präsident der Handelskammer, Michl Ebner, betont die Notwendigkeit, die Unternehmen vermehrt zu unterstützen: „Anders als im Frühling 2020, trifft diese zweite Pandemiewelle Betriebe, die bereits durch ein Jahr Wirtschaftskrise geschwächt sind. Es ist daher notwendig, die Instrumente zur Sicherung der Unternehmen und der Arbeitsplätze zu erweitern und auszubauen. Die Wiederherstellung des Vertrauens der Unternehmerinnen und Unternehmer ist wichtig, um den Neustart zu ermöglichen.“

stol