Die Debatte um die Öffnung der Skigebiete zur Weihnachtszeit, welche in diesem Jahr noch unter den Zeitraum der wütenden Corona-Pandemie fällt, verlangt nach einer grundsätzlicheren Auseinandersetzung zum Thema „Wintertourismus“. Keine Frage: Den Wintertourismus, welcher vor allem mit den technischen Fortschritten von Aufstiegsanlagen und Beschneiung gewachsen ist, darf man unter vielen Aspekten nicht kleinreden. Die Branchenkenner bestätigen, dass erst die technische Beschneiung und die damit garantierte Sicherheit, Skigebiete weitgehend von natürlichen Schneefallmengen in den unterschiedlichen Wintern abzukoppeln, dem Wintertourismus die ökonomische Grundlage gegeben haben. <BR /><BR /><BR /><BR />Wie so oft verdeckt das Hauptphänomen einer Situation die feinen Nuancen. So falsch es wäre, dem alpinen Skilaufen sein Ende zu prophezeien, so falsch wäre es genauso, den Wintertourismus als Saison der Skifahrer zu beschreiben. Das mag zwar so ausschauen; ein genaues Hinsehen eröffnet hingegen, dass zum Beispiel in Südtirol von den Übernachtungsgästen schon die Hälfte gar keine Alpinskifahrer mehr sind. <BR /><BR /><b>„Wintersport ist ein weites Feld an Aktivitäten“</b><BR /><BR />Trotzdem sind es Winterurlauber, die sich am Skitourengehen, am Winterwandern, am Rodeln, am Langlaufen, am Schneeschuhwandern, am Eislaufen oder an einer winterlichen Almhüttentour erfreuen: Eine sternenklare Winternacht, eine Winterwanderung ohne Lichtverschmutzung (Großstädter kennen ja kaum mehr Dunkelheit), eine Schneeschuh-Fitnesswanderung, ein Rodelspaß mit Familie und Freunden (sicher gesellschaftlicher als Skifahren), Eislaufen (da wäre allerdings viel zu tun, an Eislaufplätzen und Freiräumen/Bewirtung), Langlaufen (gut für Körper und Seele. Wieso nicht auch ein Kellereibesuch mit Verkostung, etwas das andere Skiregionen nicht so nahe anbieten können. Oder sogar sich mitten im Winter mit Wellness, Kulinarik und Entspannung in guten Hotels beschäftigen. Oder das Beste aus beidem tun, je nach Wetter, Lust und Laune. Wintersport ist also ein weites Feld an Aktivitäten, alpines Skifahren nimmt darin eine nach wie vor wichtige Rolle ein. <BR /><BR />Die zunehmende Heterogenität der Aktivitätsfelder in einem Winterurlaub erfordert ein überarbeitetes Geschäftsmodell. Schon lange ist der Wochenskipass nicht mehr das einzige Angebot, mit welchem sich alpine Skiregionen profilieren können. In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe von anderen Preis- und Angebotsmodellen dazugekommen, und diese werden sich in den nächsten Jahren noch verstärken. <BR /><BR />In gleichem Maße werden Skiressorts auf neue Angebote setzen: Aufstiegsspuren für Fitness-Tourengeher, die sich in einem sicheren Rahmen mehr aufwärts als abwärts bewegen wollen, oder ein Winterwege-Wandernetz, welches die Seilbahnen sowohl zum Aufwärts- als auch zum Abwärtsfahren braucht. Die Nacht wird zum neuen Erlebnisfaktor, Dunkelheit und Stille werden zu gefragten Erfahrungsfeldern, die Kulinarik wird in die Höhe und in die Nacht verlegt. Es würde nicht wundern, wenn in Zukunft die Parkplätze an den Skigebieten sich nach Einbruch der Dunkelheit mit einer neuen und anderen Kundschaft füllen als den üblichen Skifahrern, die nach 17 Uhr schon den Heimweg angetreten sind. Viele Almenwirtschaften auch außerhalb von Skigebieten wissen, wie sehr sich in den letzten Jahren der Zuspruch nach der Hütte in einem weiten Naturraum exponentiell vergrößert hat. <BR /><BR /><b>Es braucht Mut</b><BR /><BR />Diese Veränderungen in den Kundenbedürfnissen zu spüren, braucht den Mut, sich selbst und etablierte Geschäftsmodelle der Vergangenheit in Frage zu stellen. Wer diesen Mut aufbringt, wird kreative Lösungen finden, weil er sie zulässt. Wenn also die Skigebiete wegen der Corona-Lage wirklich geschlossen bleiben müssten, was dann? Dann ist gefordert, einen Wintertourismus trotzdem zuzulassen. Dieser würde sich anders anfühlen als üblich, dieser würde auch weniger Gäste anziehen als üblich. Dieser würde aber ein guter Probelauf sein, was sonst noch alles an winterlicher Angebotsgestaltung möglich wäre. Südtirol hat dafür in jedem Fall bessere Voraussetzungen als viele andere Winterdestinationen: mehr Sonnenstunden, stilechtere Hotels, eine vielfältige Almenlandschaft, im Winter nutzbare Forststraßen, eine ausgezeichnete Kulinarik, spektakuläre Dolomitengipfel, kleinräumige Städte mit historischen Altstadtkernen, für Shopping- und Kulturerfahrung.<BR /><BR /><BR /><b>„Weg von mehr, hin zu besser und manchmal auch zurück“</b><BR /><BR />Wintertourismus kann sich in unserem Land noch viel mehr in die Richtung eines nachhaltigen Lebensraumes entwickeln, wie es in der strategischen Positionierung festgeschrieben steht. Dafür braucht es eine Abkehr von der Idee, dass ein Mehr vom Gleichen den Erfolg bringt. Es ist ein Mehr an Besserem, ein Mehr an Kreativem und ein Mehr an Nachhaltigem, was die Kunden als für sich bereichernd empfinden. Die Monokultur kommt in allen Bereichen in Krise, weil die wachsende Zielgruppe der Individualisten nach dem Abwechslungsreichem suchen. Diese Entwicklung wird den Wintertourismus und den Wintersport in eine neue Dimension versetzen: mutige Diversifikation. Irgendwie ist es auch ein Schritt zurück von einer Idee, welche jetzt am Zenit ihrer Entwicklung angelangt ist: Dass alles besser wird, wenn alles schneller geht und größer wird. Wenn es „enkeltauglich“ sein soll, dann muss es individueller sein als bisher – und das Naturerlebnis Winter in allen Dimensionen spürbar machen. <BR /><BR />Auf einen Nenner gebracht: „Weg von mehr, hin zu besser und manchmal auch zurück.“<BR />