<b>STOL: Präsident De Zordo, Trentino und Südtirol werden im Ausland häufig als eine gemeinsame alpine Destination wahrgenommen, während sie in der Vermarktung weiterhin überwiegend getrennte Wege gehen. Auf welchen Märkten und bei welchen touristischen Angeboten wäre ein stärker gemeinsamer Auftritt sinnvoll?</b><BR />Andrea De Zordo: Trentino und Südtirol verfügen über klar ausgeprägte Identitäten. Das ist ein Wert und keine Einschränkung. In vielen Fällen ergänzen sich diese Identitäten, weshalb ich überzeugt bin, dass es Märkte gibt, auf denen eine koordinierte Vermarktung besonders wirksam sein kann. Ich denke vor allem an Nordamerika und Asien, wo die Marke Dolomiten bereits eine starke Anziehungskraft besitzt und ein integriertes Angebot eine noch größere Vielfalt sichtbar machen könnte. Gemeinsame Initiativen bieten sich insbesondere in jenen Bereichen an, die unser Gebiet in seiner Authentizität zeigen: Sommer- und Wintertourismus, Outdoor-Aktivitäten, Radtourismus, hochwertige Kulinarik und Wein, Wellness, Aktiv- und Kulturtourismus. Es geht nicht darum, die jeweiligen Besonderheiten aufzugeben, sondern dort gemeinsam aufzutreten, wo uns dies auf den globalen Märkten wettbewerbsfähiger macht.<BR /><BR /><b>STOL: Der Tourismus sorgt für wichtige wirtschaftliche Impulse in Handel, Gastronomie, Handwerk und Dienstleistungen. Was muss getan werden, damit ein größerer Teil der Ausgaben der Gäste in der Region bleibt und auch die kleinen lokalen Betriebe erreicht?</b><BR />De Zordo: Entscheidend ist ein neuer Blick auf den Gast: Er sollte nicht nur als Urlauber, sondern vielmehr als Akteur der lokalen Wirtschaft verstanden werden. Dafür braucht es eine engere Verbindung zwischen Beherbergung und Unternehmenslandschaft. Es gilt, Angebote und Wege zu schaffen, die Gäste in die historischen Ortskerne, in die Geschäfte vor Ort, in Handwerksbetriebe und zu lokalen Produzenten führen. Das touristische Erlebnis endet nicht in der Unterkunft oder an der Aufstiegsanlage. Dazu gehören ebenso der Kauf regionaler Produkte, Restaurantbesuche, Betriebsbesichtigungen, kulturelle Veranstaltungen und Initiativen rund um die Besonderheiten des Gebietes. Damit Gäste in einen solchen Kreislauf eingebunden werden können, müssen wir selbstverständlich auch einen Tourismus mit hoher Kaufkraft ansprechen. Digitale Technologien können diese Begegnung erleichtern. Vor allem aber braucht es eine enge Zusammenarbeit zwischen Tourismusbetrieben, Wirtschaftsverbänden und den Einrichtungen der Standort- und Tourismuswerbung.<BR /><BR /><b>STOL: Es gibt Orte, die mit einem Rückgang der Handelsbetriebe konfrontiert sind. Wie lassen sich diese schützen, ohne sich auf reine Unterstützungsmaßnahmen zu beschränken, sondern indem man sie wieder wettbewerbsfähig und attraktiv macht?</b><BR />De Zordo: Man darf nie vergessen, dass der Handel nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine soziale Funktion erfüllt. Er hält Ortszentren lebendig, bietet den Einwohnerinnen und Einwohnern Dienstleistungen und trägt zur Lebensqualität in den Gemeinden bei. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, braucht es Investitionen in Innovation, in die Weiterbildung der Unternehmerinnen und Unternehmer, in Digitalisierung sowie in die Fähigkeit, ein immer stärker personalisiertes und spezialisiertes Einkaufserlebnis anzubieten – etwas, das der Onlinehandel häufig nicht leisten kann. Untersuchungen unseres Studienzentrums zeigen, dass sich der lokale Handel in Gemeinden mit hoher touristischer Intensität, etwa am nördlichen Gardasee, in Madonna di Campiglio oder im Fassatal, besser und nachhaltiger behauptet. Der Tourismus wirkt also der Verödung des Handels entgegen. Umgekehrt kommen Maßnahmen, die den Besuch stationärer Geschäfte fördern, letztlich auch den Gästen zugute. Ich denke an eine Politik der Stadterneuerung, an Parkplätze zu erschwinglichen Preisen, an gemeinsame Initiativen zur Bewerbung der historischen Zentren und – mit Blick auf Investitionen – an einen Bürokratieabbau, der den Betrieben das Leben erleichtert. Wettbewerbsfähigkeit entsteht aus der Fähigkeit, genau solche Innovationen umzusetzen. Das wird allerdings nur gelingen, wenn wir uns nicht der resignierten Haltung hingeben, der Niedergang der Nahversorger sei unvermeidlich. Auch wenn sich die Lebensstile verändern, suchen die Menschen weiterhin persönliche Beziehungen, besonders wenn sie Bedürfnisse oder Wünsche erfüllen möchten. Wir müssen sie nur dafür gewinnen und ihnen den Zugang erleichtern.<BR /><BR /><b>STOL: Digitalisierung und E-Commerce gelten mitunter als Konkurrenz zum traditionellen Handel. Welche Instrumente könnten entwickelt werden, um kleine Betriebe dabei zu unterstützen, stationäre Präsenz, Onlineverkauf und Dienstleistungen für Gäste miteinander zu verbinden?</b><BR />De Zordo: Die Digitalisierung ist nicht der Gegenspieler des stationären Geschäfts, sondern ein Instrument, das dessen Möglichkeiten erweitert. Kundinnen und Kunden informieren sich heute online, vergleichen Produkte, buchen Dienstleistungen und schließen ihren Kauf entweder im Internet oder im Geschäft ab. Deshalb ist es wichtig, kleine Unternehmen beim Aufbau digitaler Kompetenzen, beim Einsatz künstlicher Intelligenz, bei Verkaufsplattformen, Buchungssystemen und im Onlinemarketing zu begleiten. Als Handelskammer Trient investieren wir vor allem über unsere Weiterbildungseinrichtung Accademia d’Impresa weiterhin in Schulung und Beratung, damit der digitale Wandel auch für kleinere Betriebe zugänglich wird. In den vergangenen Jahren haben wir über eigene Ausschreibungen kleine Unternehmen dabei unterstützt, zusätzlich zu ihrem stationären Geschäft eine Onlinepräsenz aufzubauen. Ziel ist ein zunehmend kanalübergreifender Handel, der digitale Innovation und persönliche Beziehung miteinander verbindet.<BR /><BR /><b>STOL: Der Mitarbeitermangel betrifft nahezu die gesamte Wirtschaft. Könnten die beiden Autonomen Provinzen in der Berufsbildung, bei der Anerkennung von Qualifikationen und in der Wohnraumpolitik für Beschäftigte stärker zusammenarbeiten?</b><BR />De Zordo: Die Schwierigkeit, Personal zu finden, zählt heute zu den wichtigsten Faktoren, die das Wachstum der Unternehmen begrenzen. In diesem Bereich halte ich eine Zusammenarbeit zwischen Trentino und Südtirol grundsätzlich für wünschenswert, allerdings mit den notwendigen Differenzierungen. Denkbar wären gemeinsame Bildungswege, eine stärkere Aufwertung der Lehre, ein intensiverer Austausch von Daten und Informationen sowie gemeinsame Initiativen, um qualifizierte junge Menschen anzuziehen. Auch der Mangel an Wohnraum ist beiden Provinzen gemeinsam, ebenso wie vielen anderen Gebieten Norditaliens, etwa Venetien. Zugleich gibt es Aspekte, die bei einem abgestimmten Vorgehen Vorsicht verlangen: Dazu gehören die unterschiedlichen Lohnniveaus, die Besonderheiten der beiden Wirtschaftssysteme und die Zweisprachigkeit. Sinnvoll wäre daher eine schrittweise Zusammenarbeit, die sich zunächst auf jene Bereiche einer aktiven Arbeitsmarktpolitik konzentriert, die am besten miteinander vereinbar sind, beispielsweise auf gemeinsame Ausbildungswege. Eine solche Kooperation könnte auch dazu beitragen, die vorhandenen Ressourcen effizienter einzusetzen.<BR /><BR /><b>STOL: Verkehr und Mobilität wirken sich unmittelbar auf die Wettbewerbsfähigkeit beider Destinationen aus. Welche Verbindungen, grenzüberschreitenden Dienste oder Formen integrierter Mobilität zwischen Trentino und Südtirol sollten für Unternehmen, Bevölkerung und Gäste Vorrang haben?</b><BR />De Zordo: Mobilität ist ein entscheidender Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung. Die Unternehmen sind ebenso wie die Bürgerinnen und Bürger und die Gäste auf leistungsfähige Infrastrukturen angewiesen. Zu den Prioritäten zählen der Ausbau des Schienenverkehrs entlang der Brennerachse mit der Fertigstellung des Brennerbasistunnels, eine Lösung im Streit mit Österreich über die Einschränkungen für den Lkw-Transit in Tirol sowie die Stärkung der A22 als strategische Verkehrsachse. Dazu gehören auch eine bessere Verzahnung von Schiene und Straße, stärker koordinierte öffentliche Verkehrsdienste und nachhaltige Mobilitätssysteme, die Täler, urbane Zentren und Tourismusdestinationen wirksam miteinander verbinden. Eine immer engere Integration zwischen den beiden Provinzen kann die Qualität der Dienstleistungen verbessern und das gesamte Gebiet auch unter ökologischen Gesichtspunkten wettbewerbsfähiger machen.<BR /><BR /><b>STOL: Welche Projekte wurden gemeinsam mit der Handelskammer Bozen bereits umgesetzt oder sollen in den kommenden zwei bis drei Jahren verwirklicht werden?</b><BR />De Zordo: Die Zusammenarbeit zwischen den Handelskammern Trient und Bozen ist bereits heute sehr konkret und betrifft zentrale Themen für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Gebiete. Ein bedeutendes Beispiel ist das Infrastrukturprogramm, das wir mit der technisch-wissenschaftlichen Unterstützung von Uniontrasporti durchführen. Dieses Vorhaben wurde 2022 gestartet, um eine gemeinsame Vision für die Entwicklung von Infrastruktur und Logistik entlang der Brennerachse zu erarbeiten und dabei wirtschaftliches Wachstum und ökologische Nachhaltigkeit miteinander zu verbinden. In den vergangenen Jahren ist dadurch eine gemeinsame Wissens- und Analysebasis entstanden. Zugleich wurden der Dialog mit den Institutionen gestärkt und die Unternehmen in die Festlegung der wichtigsten Infrastrukturprioritäten einbezogen. Die derzeit laufende Ausgabe widmet sich einem Thema, das Unternehmen wie Bevölkerung besonders beschäftigt: der Straßenanbindung der Landeshauptstädte Trient und Bozen. Ziel ist es, Lösungen zu finden, die den Verkehrsfluss bei der Ein- und Ausfahrt verbessern und Staus reduzieren, von denen Pendlerverkehr, Tourismusverkehr und Warentransport gleichermaßen betroffen sind. Das würde der Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Wirtschaftssystems unmittelbar zugutekommen.<BR /><BR />Ein zweites Beispiel ist das Projekt Alps Benchmarking, an dem elf Handelskammern des Alpenraums, darunter Trient und Bozen, sowie zwei regionale Kammerverbände beteiligt sind. In diesem Jahr steht ein Thema im Mittelpunkt, das für die Zukunft der Berggebiete entscheidend ist: die Entvölkerung. Sie wird sowohl aus demografischer als auch aus unternehmerischer Sicht untersucht. Ziel ist es, Erfahrungen zu vergleichen und wirksame Strategien zu entwickeln, um die Attraktivität und die wirtschaftliche Vitalität peripherer Gebiete zu stärken.<BR /><BR />Diese Projekte zeigen, dass die Zusammenarbeit der beiden Kammern nicht nur eine institutionelle Beziehung ist, sondern ein konkretes Instrument, um Wissen zu schaffen, politische Entscheidungen mitzugestalten und den Unternehmen greifbare Grundlagen für die Bewältigung der großen Wettbewerbsherausforderungen zu liefern. Herausforderungen, die sich zweifellos besser bewältigen lassen, wenn ihnen eine gemeinsame Vision zugrunde liegt.<BR /><BR /><b>Interview: Mauro Stoffella</b>