<b>Herr Tschenett, was bedeutet Ihnen der 1. Mai?</b><BR /><BR />Tony Tschenett: Der 1. Mai ist ein Festtag der Arbeit – eine Gelegenheit, die dringendsten Anliegen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ins Zentrum zu rücken. In diesem Jahr stehen die Löhne im Vordergrund. Gerade am 1. Mai betonen die Gewerkschaften weltweit die Probleme, die Beschäftigte, Jugendliche und Rentner betreffen. Es geht darum, gemeinsam sichtbar zu machen, worum es wirklich geht.<BR /><BR /><b>Am 1. Mai wird vielerorts demonstriert. Der ASGB feiert den Tag in Völs. Was war für Sie der prägendste Protest in Ihrer Karriere?</b><BR /><BR />Tschenett: Ich bin seit 1994 gewerkschaftlich aktiv. Die Kundgebungen gegen die Pensionsreform der Regierung Berlusconi 1995 bleiben unvergessen. Damals sollte auch der Kündigungsschutz abgeschafft werden. In Bozen war der Waltherplatz so überfüllt wie selten zuvor, gleichzeitig demonstrierten Zehntausende in Rom. Wir konnten damals durchsetzen, dass eine Zusatzrente als zweites Standbein neben der staatlichen eingeführt wurde. Der Kündigungsschutz wurde zwar abgeschwächt, aber der Artikel 18 existiert noch immer – er schützt weiterhin vor willkürlichen Entlassungen. Auch wenn das Thema in Südtirol weniger drängend ist als anderswo in Italien.<BR /><BR /><b>Streiks gelten oft als letzte Eskalationsstufe. Wann sind sie erfolgreich?</b><BR /><BR />Tschenett: Wenn etwa Kollektivverträge ausgelaufen sind, wie derzeit in der Metallindustrie, dann rufen wir gezielt zu Streiks auf. Entscheidend ist, die Menschen gut zu informieren. Nur wenn die Beschäftigten wissen, worum es geht, ziehen sie mit. Auch im öffentlichen Dienst haben wir Demonstrationen organisiert. Aber wir streiken nicht bei jeder Gelegenheit – etwa nicht beim staatlichen Haushaltsgesetz, wenn es Südtirol aufgrund autonomer Bestimmungen gar nicht betrifft.<BR /><BR /><b>Oft wird kritisiert, Gewerkschaften streikten zu häufig und manchmal auch ohne klaren Bezug vor Ort.</b><BR /><BR />Tschenett: Im Transportsektor etwa gibt es viele kleine Gewerkschaften, die oft zum Streik aufrufen. Der ASGB beteiligt sich aber nur, wenn Themen auch für Südtirol relevant sind. Wir müssen differenzieren und die Mitarbeiter informieren – das ist das A und O. Ein Streik darf kein Selbstzweck sein.<BR /><BR /><b>Gerade im öffentlichen Dienst werden Lohndebatten öffentlichkeitswirksam ausgetragen. Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft fühlen sich dagegen oft im Stich gelassen. Zu Recht?</b><BR /><BR />Tschenett: Tatsächlich gibt es 40.000 öffentlich Bedienstete in Südtirol, deren Kollektivverträge auf Landesebene verhandelt werden. Dass sie medial präsenter sind, liegt zum Großteil daran. Aber: Auch in der Privatwirtschaft haben wir zuletzt zahlreiche territoriale Zusatzverträge abgeschlossen – im Tourismus, im Metall- und Holzhandwerk, bei den Freiberuflern, Friseuren, Energiewerken und Bäckern. Diese Abschlüsse bekommen nur weniger Öffentlichkeit, weil sie kleinere Gruppen betreffen. Zudem haben wir in großen Betrieben Betriebsabkommen erzielt, etwa zu Prämienleistungen. Auch damit gehen wir nicht an die Presse. <BR /><BR /><b>Viele Gewerkschaften beklagen sinkendes Interesse. Wie steht der ASGB da?</b><BR /><BR />Tschenett: Wir wachsen. Ein Beispiel: Wir beschäftigen uns derzeit mit den rund 200 Mitarbeitern der Wildbachverbauung. Ihr Vertrag wurde im Februar vom Land genehmigt, aber noch immer fehlt die endgültige Unterschrift. Sollte es weiter Verzögerungen geben, schließen wir einen Streik nicht aus. Natürlich ist Gewerkschaftsarbeit oft mühsame Kleinarbeit – gerade in kleinen Betrieben ist der Zugang für uns schwierig. In größeren Firmen läuft es besser, etwa in der Metallindustrie. Die Mitarbeiter beteiligen sich dort auch an Gewerkschaftsversammlungen.<BR /><BR /><b>Das drängendste Problem in Südtirol scheint aber die Explosion der Wohnkosten zu sein. Ist Wohnen die soziale Hauptbaustelle?</b><BR /><BR />Tschenett: Das Wohnen ist nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Die eigentliche Herausforderung liegt tiefer: die Löhne. Mit einem Durchschnittsnettoverdienst von 1.500 Euro kann sich niemand eine Wohnung leisten, wenn allein die Miete oft 800 Euro beträgt. Ohne spürbare Lohnerhöhungen werden wir bald massive Altersarmut erleben. Schon heute sind viele Renten zu niedrig. Ich sage es bei jeder Gelegenheit: Wir müssen die Löhne anheben, sonst haben wir in zehn Jahren ein großes Problem.<BR /><BR /><b>Die Landesregierung hat im Wohnbau Maßnahmen angekündigt. Reicht das?</b><BR /><BR />Tschenett: Nein. Wir müssen an mehreren Stellschrauben gleichzeitig drehen. Es braucht Druck auf die Arbeitgeber, bessere Löhne zu zahlen. Aber auch das Land selbst muss schneller handeln. Seit dem Verfall des bereichsübergreifenden Kollektivvertrags 2022 sind dreieinhalb Jahre vergangen. Viel zu lange. Auch die versprochenen Integrationen bei Niedrigrenten sind immer noch nicht umgesetzt. Im Friaul funktioniert das längst – bei uns warten die Leute. Außerdem braucht es gezieltere Familienförderungen. Die bisherigen Maßnahmen greifen viel zu wenig.