Seit März 2020 erlebten Südtirols Kellereien und Weingüter eine wahre Achterbahnfahrt mit tiefgreifenden Folgen. Vertreter der 3 großen Wein-Player in Südtirol ziehen Bilanz. <BR /><BR /><BR /><i>von Herbert Taschler</i><BR /><BR /><BR />Die Coronakrise sorgte ab März 2020 sowohl auf dem heimischen Südtiroler als auch auf dem italienischen Markt, den beiden wichtigsten Absatzgebieten für den Südtiroler Wein, für dramatische Einbrüche. „Das war ein Schock zu Beginn der Pandemie, denn es gab gleich massive Umsatzeinbußen auf allen Ebenen“, blickt Tobias Zingerle, Geschäftsführer der größten Südtiroler Kellereigenossenschaft, der Kellerei Kaltern, zurück. <BR /><BR />Eine Grundsatzfrage sei gleich aufgetaucht: „Wie wird das weitergehen?“ Konkrete Antworten gibt es darauf heute noch keine. <BR />„Die Sommersaison 2020 ist dann überraschenderweise sehr gut gegangen und hat die gesamte Situation relativiert“, so Zingerle. Der Herbst habe aber wieder alle Hoffnungen zunichte gemacht. „Die Situation ist seither dramatisch. Der Südtiroler Markt mit Gastronomie und Fachhandel ist total weggebrochen, mit Einbußen von über 80 Prozent.“ Halbwegs normal weitergelaufen sei nur der Lebensmitteleinzelhandel.<BR /><BR /><embed id="dtext86-48302585_quote" /><BR /><BR /> „Je länger aber diese Situation anhält, desto besorgniserregender wird die Lage“, ist der Geschäftsführer der Kellerei Kaltern überzeugt. Um die 35 Prozent ist bei der Kellerei Kaltern seit Ausbruch der Pandemie der Export eingebrochen. Bei einer Jahresproduktion von 3,5 Millionen Flaschen kann man sich die Rechnung der Verluste selber machen.<BR />„Gott sei Dank sind die Südtiroler Kellereigenossenschaften alle solide aufgestellt“, sagt Zingerle. <BR /><BR />„Aber wir müssen wieder zur Normalität zurückfinden, sonst gibt es ein Geschäftsjahr 2020/2021 mit unvorhersehbaren Konsequenzen.“ Er wünscht sich „ein Raus aus dem Katastrophendenken und ein Hin zu längerfristigen Strategien mit mehr Planbarkeit. Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben.“ Die Weinwirtschaft selbst müsse auf jeden Fall die Chance nützen, noch stärker auf Qualität achten, neue Kanäle erproben, neue Kontakte knüpfen, neue Wege gehen – und bereit sein für den Neustart.<BR /><BR /><b>„Noch fester zusammenstehen als bisher“</b><BR /><BR />Von einem riesengroßen Schock im Frühjahr 2020 spricht auch Hannes Baumgartner vom Strasserhof in Vahrn, der Vorsitzende der Freien Weinbauern Südtirol. „Vor allem haben wir gemerkt, wie schnell der Markt ohne Tourismus zusammenbricht, und wie sehr wir als Südtiroler Weinwirtschaft vom Tourismus im Lande abhängen“. Die meisten Betriebe hätten Glück gehabt, dass sie eine gute Wintersaison 2019/2020 hinter sich hatten und ohne große Lagerbestände ins Frühjahr 2020 starten konnten, so Baumgartner. <BR /><BR /><embed id="dtext86-48302588_quote" /><BR /><BR />Nach dem totalen Stillstand zwischen März und Mai hat ein extrem guter Sommer zwischen Juni und Mitte Oktober die Saison gerettet und viel Boden gutgemacht. Ab November ging dann aber fast gar nichts mehr, mit wenigen Ausnahmen um die Weihnachtszeit. Am Strasserhof hat Hannes Baumgartner das Jahr mit einem Verkaufsrückgang von 20 bis 25 Prozent abgeschlossen: „Wir sind persönlich mit einem blauen Auge davongekommen, wenn ich daran denke, dass die Verlustspannen bei den Mitgliedsbetrieben der Freien Weinbauern von 10 bis 60 Prozent gehen. Jetzt wird es langsam problematisch, wenn nicht bald wieder alles startet.“<BR /><BR />Während im Frühjahr 2020 die Magazine großteils leer und die Jahrgangsweine 2018 verkauft waren, sei jetzt im Frühjahr 2021 das Gegenteil der Fall, berichtet Hannes Baumgartner. Im Keller liegt noch der Jahrgang 2019 und der 2020er steht kurz vor der Abfüllung. „Vor allem kleine Betriebe, die ihre Weine vorwiegend an die heimische Gastronomie, ab Hof oder im eigenen Buschenschank verkauft haben, sind besonders schwer getroffen. Da gibt es einige extrem schwierige Fälle.“ Größere Betriebe seien breiter aufgestellt und hätten daher anders auf die Krise reagieren können.<BR /><BR />Wichtig sei es jetzt, auf den Märkten ganz besonders präsent zu sein, jede Gelegenheit der Kommunikation zu nutzen und noch fester zusammenzustehen als bisher, so der Vorsitzende der Freien Weinbauern. „Gelegenheit, über unsere Situation und den weiteren Weg nachzudenken, haben wir ja genug. Vielleicht müssen in Zukunft nicht mehr auf jedem Südtiroler Hang die Äpfel den Reben weichen.“ Die Südtiroler Apfelwirtschaft erlebe zurzeit ja super Zuwachsraten.<BR /> Und dann bleibt für Baumgartner „nur die Hoffnung, dass es im Sommer/Herbst wieder langsam losgeht und die Wintersaison 2021/2022 anders aussieht.“<BR /><BR /><b><BR />„Umdenken ist gefragt“</b><BR /><BR />„Es hat in diesem letzten Jahr Zeiten gegeben, da habe ich persönlich mehr Wein getrunken, als verkauft“, blickt Peter Zemmer vom gleichnamigen Weingut in Kurtinig zurück. Dennoch klagt er nicht. „Wir sind als Betrieb breit aufgestellt, sind mit 60 Prozent unserer Produktion auf 27 Exportmärkten vertreten und haben 2020 nur einen Umsatzrückgang von knapp 10 Prozent zu verzeichnen“. <BR /><BR /><embed id="dtext86-48302818_quote" /><BR /><BR />Rückläufig sind die Zahlen aus dem Vorjahr vor allem in Südtirol mit knapp 30 und im restlichen Italien mit 40 Prozent. „Vor allem die höheren Preissegmente haben im Verkauf mehr gelitten. Vom Jahrgang 2019 haben wir aber kaum mehr etwas im Keller liegen. Und der neue Jahrgang wird ab dem 1. Mai verfügbar sein.“<BR /><BR />Ein stärkeres Umdenken wünscht sich Zemmer in Zukunft bei den traditionellen Weinhandelsstrukturen vor allem in Italien. Neben den klassischen Vinotheken, der Gastronomie und dem Großhandel bräuchte es vermehrt einen kompetenten Einzelhandel ähnlich den Winestores in den USA, der mit Kompetenz und vernünftigen Preisen arbeitet und Qualität garantiert.<BR />