Mittwoch, 11. November 2020

„Wir sind genauso unvorbereitet wie im Frühjahr“

Im Umgang mit dem Coronavirus sei eine Langzeitstrategie nicht erkennbar. Das sagt der gebürtige Meraner Christoph Kaserer, der als Wirtschaftsprofessor an der TU München lehrt, im Gespräch mit den „Dolomiten“.

Der Umgang mit dem Coronavirus aus wirtschaftlicher Sicht sei nicht ausreichend durchdacht.
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Der Umgang mit dem Coronavirus aus wirtschaftlicher Sicht sei nicht ausreichend durchdacht. - Foto: © shutterstock
Interview: Rainer Hilpold

„Dolomiten“: In Südtirol, Italien und zahlreichen europäischen Ländern wurde das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wieder radikal heruntergefahren. Wir erleben gerade ein Déjà-vu und fühlen uns ins Frühjahr zurückversetzt. Können Sie die Verzweiflung der Unternehmen nachvollziehen?


Christoph Kaserer: Absolut. Nun ist es, wie es ist und wir müssen als Gesellschaft entschlossen handeln. Klar ist, die Betriebe, die jetzt zumachen mussten, müssen fair entschädigt werden. Die Pandemie ist wie ein Naturereignis, das unvorhergesehen eintrat, dementsprechend trifft sie auch keine Schuld. Wenn man nicht will, dass ganze Branchen ausgedünnt werden, sind massive Hilfen von öffentlicher Seite der einzig gangbare Weg. Entscheidend ist jedoch der Faktor Zeit.

„D“: Die Hilfen müssen also schnell kommen…

Kaserer: Ganz genau. Es ist für mich absolut unverständlich, dass man Wochen, ja gar Monate braucht, um Zuschüsse für besonders betroffene Betriebe auszuzahlen. Dieser Bürokratismus, der übrigens in den meisten Ländern Europas zutage trat und die Auszahlung schon im Frühjahr langwierig und umständlich machte, trägt nicht dazu bei, dass die ohnehin schwierige Lage leichter zu ertragen wäre. Das gesamte Prozedere im Zusammenhang mit den öffentlichen Hilfen ist aus meiner Sicht ein Armutszeugnis für den Stand der Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung.

„D“: Und das obwohl sehr viele Informationen über Unternehmen und Bürger digital verfügbar wären…

Kaserer: Die Finanzbehörden wissen nahezu alles über die einzelnen Betriebe und ihre Umsätze. Es müsste im Prinzip ein Leichtes sein, binnen weniger Tage die nötigen Mittel auszuzahlen. Das aber gelingt kaum einem Land in Europa. Man ist aus Gründen der fehlenden Vernetzung zwischen den einzelnen Stellen oder veralteter Prozesse in der öffentlichen Verwaltung offenbar nicht imstande, die Staats- und Landeshilfen rasch und unbürokratisch dorthin zu kanalisieren, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Wie erwähnt, das ist aus meiner Sicht sehr bedauernswert und lässt das Vertrauen der Betriebe in die Institutionen schwinden.

„D“: Die Pandemie traf im Frühjahr alle unvorbereitet. Haben Sie den Eindruck, dass wir als Gesellschaft auf diese zweite Welle besser vorbereitet waren?

Lun: Für das Verhalten der politischen Akteure im März und April habe ich Verständnis. Die Situation war vollends neu. Nur frage ich mich, was man im letzten halben Jahr konkret gemacht hat. Was die strategischen Werkzeuge betrifft, sind viele Länder am selben Punkt wie im Frühjahr. Sie haben die Zeit verstreichen lassen, ohne an einem Langzeitszenario zu arbeiten. Ok, vielleicht ist die zweite Welle früher eingetreten als vorhergesagt, das mag sein. Aber dieser Umstand rechtfertigt nicht, dass man heute offenbar noch immer nur 2 Optionen kennt: dicht machen oder öffnen. Das hält keine Wirtschaft und keine Gesellschaft auf Dauer aus.

„D“: Es fehlt also an einer Langzeitstrategie...


Kaserer: Ja, ohne eine solche geht es nicht. Ich will damit nicht sagen, dass wir ignorieren sollen, was auf den Intensivstationen passiert, ganz im Gegenteil. Aber wir sollten uns endlich an die Themen wagen, die wichtig sind, um mit der Pandemie zu leben.

„D“: Die da wären?

Kaserer: Im Frühjahr, zu Beginn der Pandemie, wurden die Interessen der älteren Bevölkerung, die – wie wir wissen – ein höheres Risiko trägt, stärker berücksichtigt. Das war auch legitim. Von dieser Schwerpunktsetzung sind wir allerdings bis heute nicht weggekommen und das obwohl klar ist, dass jüngere Generationen viel länger mit den Folgen der Pandemie leben werden müssen. Das heißt: Wir müssen klare Strategien entwickeln, wie wir den Schutz der älteren Personen und Risikogruppen gewährleisten können, ohne die restliche Gesellschaft und Wirtschaft jedes Mal herunterzufahren. Ein zweiter Aspekt ist der Einsatz von Technologien, zum Beispiel der Corona-App. Wir wissen, dass sie in Europa nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung aktiv und gewissenhaft genutzt wird. Andere Länder, etwa Südkorea, haben damit sehr viel bessere Erfahrungen gemacht. Davon können wir sicher lernen.

„D“: Was schlagen Sie vor?

Kaserer: Ich bin kein Epidemiologe, als interessierter Beobachter bedrückt es mich aber zu sehen, dass die Politik nicht mehr Mut beim Einsatz neuer Technologien, also etwa der App, hat. Wenn es eine gute Lösung ist, muss man Widerstand im Interesse der Gesellschaft auch aushalten. Für mich steckt dahinter die simple Frage: Sind wir bereit, eine Zeit lang auf ein Stück Datenschutz zu verzichten, um enorme Kosten für die gesamte Gesellschaft zu verhindern? Ich denke, dass viele von uns mit Ja antworten dürften.

„D“: Aktuell gibt es einen solchen Langfristplan allerdings noch nicht: Wieso sollten Unternehmer dennoch nicht ihren Mut verlieren?

Kaserer: Positiv stimmt mich, dass wir schon im Sommer gesehen haben, wie schnell und wie stark die Wirtschaft wieder anziehen kann, wenn man sie arbeiten lässt. Zudem muss man bedenken, dass im Rahmen der Coronakrise bislang 15 bis 20 Prozent des weltweiten BIP an Unterstützungsmaßnahmen für Wirtschaft und Bevölkerung bereitgestellt wurden. Das wird sich auswirken, nicht heute, aber im Laufe des nächsten Jahres und der Aufschwung kann danach kräftig ausfallen. Wenn der Impfstoff tatsächlich kommt, rechne ich ab dem zweiten Halbjahr 2021 mit einem deutlichen Wachstum. Bis dahin heißt es für viele einfach nur, diese Zeit einigermaßen heil zu überstehen. Über Themen wie Steuererhöhungen und Inflation werden wir dann ab 2022 wieder sprechen müssen.

d

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