Dies passiert derzeit, obwohl die USA die höchste jährliche Inflationsrate seit vier Jahrzehnten verzeichnen und ihre schlechteste Handelsbilanz seit der globalen Finanzkrise aufweisen. Was läuft da ab, und steht ein Dollarabsturz bevor?<BR /><BR />Obwohl man anerkennen muss, dass die Wechselkursentwicklung extrem schwierig zu erklären oder gar vorherzusagen ist, scheinen derzeit vier wichtige Faktoren die Bewegungen der wichtigen Weltwährungen zu beeinflussen. Am wichtigsten ist, dass die Fed begonnen hat, die Zinsen anzuheben, und da sich die US-Wirtschaft bisher nicht annähernd in einer echten Rezession zu befinden scheint, besteht noch immer Spielraum für eine weitere Straffung der Geldpolitik.<BR /><h3> EZB agiert vorsichtiger</h3>Die Europäische Zentralbank agiert trotz gleichermaßen hoher Inflation in Europa vorsichtiger. Dies liegt teilweise daran, dass die wirtschaftlichen Aussichten des Euroraums fragiler sind. Die EZB ist besorgt über die hohe Verschuldung Italiens, aber ist auch der Ansicht, dass sich die derzeitigen Raten der Energiepreisinflation nicht fortsetzen werden. Japan hat wie China bisher keine bedeutsame Inflation erlebt. Die Bank von Japan dürfte ihre Geldpolitik so schnell nicht straffen, und die chinesische Volksbank hat die Zinsen im August gesenkt.<BR /><BR />Ein weiterer der Stärke des Dollar zugrundeliegender Faktor ist die Geopolitik. Der Krieg in der Ukraine stellt für Europa ein deutlich unmittelbareres Risiko dar als für die USA, und Chinas ominöses Säbelrasseln gegenüber Taiwan ist ein enormes Risiko für alle, vor allem jedoch für das benachbarte Japan. Rezession oder nicht: Sowohl Europa als auch Japan werden ihre Verteidigungskapazitäten deutlich umstrukturieren müssen, und damit wird ein Anstieg der langfristigen Verteidigungsausgaben einhergehen.<BR /><BR />Dann ist da der anhaltende wirtschaftliche Abschwung in China, der Europa und Japan deutlich stärker betrifft als Amerika. Die Grundursachen von Chinas nachlassendem Wachstum – darunter Null-COVID-Lockdowns, die Folgen der übermäßigen Bautätigkeit, Chinas hartes Durchgreifen im Technologiesektor und die übermäßige Zentralisierung der Wirtschaftsmacht – sind Probleme, die ich bereits seit einiger Zeit kommentiert habe, und eine steile, nachhaltige Trendwende ist hier für mich nicht erkennbar.<BR /><BR />Und schließlich profitiert der Dollar angesichts weiterhin sehr hoher Energiepreise auch davon, dass die USA im Energiebereich autark sind, während Europa und Japan Großimporteure sind.<BR /><BR />Einige würden noch ergänzen, dass die USA ein sicherer Ort sind als Europa und Japan. Das mag stimmen, obwohl die USA derzeit in einem Kalten Bürgerkrieg gefangen sind, der kein Ende haben kann, solange Ex-Präsident Donald Trump noch im Spiel ist. Die Integration des Euroraums, die voranzuschreiten verspricht, wann immer es eine Krise gibt, wird schwer auf die Probe gestellt werden, falls die weltweiten Zinssätze je zu steigen beginnen. Die Inflation in Deutschland nähert sich ihrem höchsten Stand seit 70 Jahren, doch könnten aggressivere Zinserhöhungen durch die EZB zu einem explosionsartigen Anstieg der Risikoaufschläge italienischer Staatsanleihen führen.<BR /><h3> Starke Dollar hat profunde Auswirkungen auf Weltwirtschaft</h3>Die aktuelle Dollarstärke hat profunde Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Ein großer Teil des Welthandels (vielleicht die Hälfte) lautet auf Dollar, und für viele Länder gilt das sowohl für die Importe als auch für die Exporte. Daher führt ein Anstieg des Dollars dazu, dass große Teile der Welt weniger importieren – so viel weniger, dass Wissenschaftler eine statistisch signifikante negative Auswirkung auf den Welthandel festgestellt haben.<BR /><BR />Besonders brutale Auswirkungen droht der starke Greenback auf die Schwellenmärkte und Entwicklungsländer zu haben, weil Privatunternehmen und Banken dieser Länder, die Kredite bei ausländischen Anlegern aufnehmen, dies praktisch nur in Dollar tun können. Und höhere US-Zinsen treiben die Zinssätze von Kreditnehmern schwächerer Bonität tendenziell überproportional in die Höhe. Tatsächlich wäre der handelsgewichtete Dollar-Index sogar noch stärker gestiegen, wenn die Notenbanken vieler Schwellenmärkte nicht proaktiv die Zinsen erhöht hätten, um den Abwärtsdruck auf ihre nationalen Währungen einzudämmen. Doch hat eine derartige Straffung der Geldpolitik natürlich negative Auswirkungen auf ihre nationalen Volkswirtschaften.<BR /><BR />Dass die größeren Schwellenmärkte den höheren US-Zinsen und dem stärkeren Dollar bisher weitgehend standgehalten haben war eine positive Überraschung. Doch wie lange sie das noch tun, falls die Fed ihre Geldpolitik aggressiv strafft, bleibt abzuwarten, insbesondere falls gleichzeitig die Rohstoffpreise weiter fallen (wovor mein Harvard-Kollege Jeffrey Frankel gewarnt hat) und, zusätzlich zum Abschwung in China, die USA und Europa in die Rezession abgleiten.<BR /><BR />Kurzfristig wird ein steigender Dollar Amerika weniger stark in Mitleidenschaft ziehen als seine Handelspartner, und zwar hauptsächlich, weil die Rechnungsstellung im US-Handel fast ausschließlich in Dollar erfolgt. Doch wird ein anhaltend starker Dollar längerfristige binnenwirtschaftliche Auswirkungen haben, weil die USA dadurch ein relativ gesehen teurerer Produktionsstandort werden. Und dem Auslandstourismus, wo die Zahlen noch immer deutlich unter denen des Jahres 2019 liegen, wird er auch nicht helfen.<h3> Umkehr?</h3>Könnte sich der aktuelle steile Anstieg des Dollars gegenüber den anderen wichtigen Währungen umkehren? Natürlich folgten auf einige frühere steile Anstiege im Wert des Dollars, etwa Mitte der 1980er und Anfang der 2000er Jahre, letztlich steile Kursrückgänge. Doch um es noch einmal zu sagen: Die Wechselkursentwicklung ist – selbst bei einem Zeithorizont von einem Jahr – schwer vorherzusagen. Insbesondere bei einer weiteren Verschärfung der geopolitischen Spannungen ist ein zusätzlicher Kursrückgang des Euro und des Yen um 15 % gegenüber der US-Währung durchaus möglich. Das Einzige, was sich mit Sicherheit sagen lässt, ist, dass die Phase außergewöhnlich stabiler Wechselkurse zwischen den wichtigen Währungen, die 2014 begann, nun Geschichte ist.<BR /><BR />Aus dem Englischen von Jan Doolan<h3> Zum Autor</h3>Kenneth Rogoff war Chefökonom des Internationalen Währungsfonds und ist heute Professor für Volkswirtschaft und Public Policy an der Universität Harvard.<BR /><BR />Copyright: Project Syndicate, 2022.<BR /> <a href="https://www.project-syndicate.org/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.project-syndicate.org</a><BR /><BR />