Die stetig fortschreitende Klimaerwärmung stellt auch den Weinbau vor enormen Herausforderungen. Es stellt sich die Frage: Können die Trauben bei höheren Temperaturen noch dieselbe Qualität bieten, wie wir sie derzeit von Südtirols Weinen kennen? Ein Gespräch mit Ulrich Pedri, Leiter des Fachbereichs Önologie am Versuchszentrum Laimburg. <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Pedri, die letzten Jahre haben Sie sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sich der Klimawandel auf eine der weißen Leitsorten Südtirols, den Weißburgunder, auswirkt. Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?</b><BR />Ulrich Pedri: Die wesentliche Erkenntnis ist, dass der Einfluss des Klimas auf die Sorte Weißburgunder gering zu sein scheint. Das hatten wir so nicht erwartet und war für uns alle überraschend. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Wie haben Sie das herausgefunden?</b><BR />Pedri: Wir haben in den Weißburgunderhochburgen Tramin, Eppan, Terlan und Nals jeweils an 2 Standorten, also einen im Tal und einen in der Höhe bei einer maximalen Höhendifferenz von 850 Metern, die Trauben gelesen. Anschließend haben wir untersucht, inwieweit sich Qualität und Charakter der Sorte mit den Höhenlagen und damit den unterschiedlichen klimatischen Bedingungen verändern. Es zeigte sich, dass es auch in den tiefsten Lagen um 300 bis 350 Meter Meereshöhe möglich ist, sortentypische Weißburgunder herzustellen. Das heißt der Faktor Höhenlage bzw. Klima ist unseren Erkenntnissen zufolge nicht maßgeblich, der Weißburgunder steckt diesbezügliche Veränderungen gut weg. <BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="674564_image" /></div> <BR /><BR /><b>Das widerspricht dem, was so mancher Produzent gerne behauptet…</b><BR />Pedri: Ja und Nein. Wir haben gesehen, dass der Erntezeitpunkt der vordergründig entscheidende Faktor ist. Eine Ernte 2 Wochen früher oder später verändert die Sortencharakteristik enorm. Die Weine werden, wenn die Trauben später gelesen werden, kräftiger, konzentrierter, auch vielschichtiger und komplexer. Allerdings ist bei einer späteren Ernte auch der Alkoholgehalt signifikant höher. Mit diesem Wissen kann jeder Betrieb selbst entscheiden, in welche Richtung er sich bewegen möchte bzw. anhand des Erntezeitpunkts ganz wesentlich beeinflussen, wie ein Weißburgunder aus seinem Hause schmecken sollte. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Inwiefern spielt die Höhenlage dennoch eine Rolle?</b><BR />Pedri: Sie kommt dann zum Tragen, wenn man witterungsbedingt den Erntezeitpunkt nicht frei wählen kann, was in der Praxis durchaus vorkommen kann. Aber wie gesagt, der Faktor Höhenlage scheint allgemein nachrangig zu sein beim Weißburgunder. Wahrscheinlich hängt dies mit der eher neutralen Aromatik der Sorte zusammen. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Wie können Betriebe die Erkenntnis, dass der Weißburgunder weitgehend unempfindlich gegenüber klimatischen Unterschieden ist, nutzen?</b><BR />Sie haben nun die Gewissheit, dass sie sich nicht schleunigst nach oben hin bewegen müssen. Sauvignon Blanc oder auch Blauburgunder scheinen sehr viel mehr die Folgen des Klimawandels zu spüren und sensibler auf Temperaturzunahmen zu reagieren als der Weißburgunder. Das heißt nicht, dass der Weißburgunder Klimaveränderungen ewig verkraften wird. Es kann schon sein, dass bei einer weiteren Erwärmung in 10 bis 20 Jahren die Ausgangslage auch für den Weißburgunder schwieriger werden könnte, aber kurz- bis mittelfristig sehe ich keinen dringenden Handlungsbedarf Weißburgunderreben aus tieferen Lagen zu entfernen und nach oben zu wandern, um Qualitätseinbußen zu vermeiden. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>An sich gute Voraussetzungen dafür, dass sich der Siegeszug des Weißburgunders fortsetzen könnte, der mit 569 Hektar und 10,3 Prozent der Anbaufläche schon heute zu den wichtigsten weißen Sorten in Südtirol zählt…</b><BR />Pedri: Das Potenzial für ein weiteres Wachstum ist da, keine Frage. Aber natürlich muss man sehen, ob die zusätzlichen Mengen auch vom Markt angenommen werden könnten. Diese Abwägung müssen die Betriebe vornehmen. <BR /><BR /><BR /><b>Gibt es so etwas wie eine typisch Südtiroler Stilistik beim Weißburgunder, also eine, die den Südtiroler Weißburgunder eindeutig von Vertretern der Sorte aus dem Friaul, Österreich oder Deutschland unterscheidet?</b><BR />Pedri: Bislang konnten wir dies nicht objektiv nachweisen. Die Stilistik und Aromenstruktur entspricht im Großen und Ganzen jener von Weißburgundern aus anderen Anbaugebieten. Das heißt nicht, dass es nicht doch etwas geben kann, das speziell bei Südtiroler Weißburgundern vorkommt. Eine größer angelegte Vergleichsstudie samt chemischer Analysen könnte Aufschluss darüber geben. Eine solche ist derzeit in Planung. <BR />