<b>Herr Haller, Sie plädieren für den Zusammenhalt zwischen dem Handwerk, der Politik und den Unternehmen. Warum?</b><BR />Martin Haller: Wir müssen die Erfahrungen, die wir in Zeiten der Pandemie, der Preissteigerung, der Materialverknappung gemacht haben, mitnehmen. Man merkt deutlich, dass der Zusammenhalt weniger geworden ist, man driftet wieder auseinander, jeder stellt sich gegen jeden. Gerade im Handwerk funktioniert es immer gut, wenn gemeinsam an einem Strick gezogen wird. <BR /><BR /><b>Wo mangelt es denn an Zusammenhalt? </b><BR />Haller: Wir merken es immer häufiger in der konkreten Zusammenarbeit: Wir als lvh bringen ein Thema an den Tisch, die Politik bespricht es – und wir erfahren dann erst kurzfristig, was nun entschieden wurde. Dabei sollte in vielen Fällen idealerweise vorab eine Absprache stattfinden. Als Beispiel nenne ich hier etwa die Fotovoltaik. Bei deren Regelung wurden die Nebenflächen außen vorgelassen – andererseits gibt es einen Klimaplan, den es zu erfüllen gilt, für den man investieren muss. Da die Elektrotechniker diejenigen sind, die die Fotovoltaikanlagen installieren, ist das Handwerk also Teil der Lösung. Wir hätten uns gewünscht, mit den politischen Entscheidungsträgern über das Thema zu diskutieren. Ich möchte betonen, dass die Zusammenarbeit in vielen Dingen gut funktioniert – und das hat sie auch während der Pandemie. Uns ist bewusst, dass die Geschwindigkeit in der Politik mittlerweile sehr hoch ist: Die Bürger verlangen sofort Lösungen, so schnell wie möglich. Ich glaube aber auch, dass es wichtig ist, manchmal kurz durchzuatmen – und mit denen ins Gespräch zu treten, die diese Lösungen dann umsetzen sollen.<BR /><BR /><b>Gibt es von Seiten des Handwerks noch weitere Wünsche an die Politik?</b><BR />Haller: Es wäre wichtig, die Realität unserer Wirtschaft im Auge zu behalten. 98 Prozent der Südtiroler Wirtschaft sind Klein- und Kleinstbetriebe. Allerdings stellen wir uns bei den Regeln, die oft gemacht werden, schon oft die Frage: Kennt die Politik diese Realität und sieht sie sie auch? Wir müssen die Klein- und Kleinstbetriebe in ihrer Entwicklung unterstützen, beispielsweise bei der Digitalisierung. Wenn ich als Kleinstbetrieb mit 2 oder 3 Mitarbeitern mehrere Tage für einen Antrag brauche, um später vielleicht eine Unterstützung zu erhalten, dann ist das für einen so kleinen Betrieb fast nicht machbar – vielleicht brauche ich sogar einen externen Berater, der mich dann wieder Geld kostet. Hier könnte man beispielsweise einzelne Betriebe unterstützen, oder auch ganze Sektoren. Ein essenzielles Thema hierbei ist die Kooperation: Wenn sich mehrere Betriebe zusammentun, um ein Thema zu bearbeiten, wird es leichter. Für die Zukunft des Handwerks ist es wichtig, das Entstehen solcher Kooperationen zu unterstützen und auch zu fördern, nicht nur für die einzelnen Betriebe, sondern für die Gesellschaft. Immerhin sind Kleinbetriebe sehr peripher organisiert, sie garantieren die Nahversorgung und Arbeitsplätze.<BR /><BR /><b>Wie sieht es mit dem Nachwuchs im Handwerk aus?</b><BR />Haller: Die Lehrlingszahlen im Handwerk sind sehr stabil, was uns freut. Trotzdem haben auch wir viele Hausaufgaben zu machen – Dinge, die uns die Politik nicht abnehmen kann. Wir müssen verstärkt darauf setzen, unsere Betriebe nach außen zu präsentieren, sie zu zeigen. Die Nachwuchsförderung wurde im Handwerk in der Vergangenheit vielleicht zu oft vernachlässigt. Früher gab es mehr Lehrlinge als Lehrstellen, heute können sich die Jugendlichen aussuchen, wo sie arbeiten wollen. Eine Forderung, die wir in diesem Zusammenhang an die Politik haben ist, das erste Jahr nach der Mittelschule verstärkt zur Berufsorientierung zu nutzen, damit die Jungen auch wirklich mehrere Berufe ausprobieren und hineinschnuppern können. Auch wollen wir verstärkt daran arbeiten, Mädchen und Frauen für das Handwerk zu begeistern. Viel zu oft wird auch heute noch zwischen Männer- und Frauenberufen unterschieden – dabei gibt es viele Frauen, die sehr begabt in ihrem handwerklichen Beruf – etwa als Elektrikerin – sind und viel Freude damit haben.<BR /><BR /><b>Trotz der Herausforderungen in den vergangenen Jahren steht das Handwerk gut da. Welchen Ausblick können Sie geben?</b><BR />Haller: Es stimmt, die Grundstimmung im Handwerk ist gut. Zwar gehen wir davon aus, dass diese Stimmung rauer werden wird, etwa im Bauhandwerk, wo die Konzessionen nun zurückgehen werden. Derzeit befinden wir uns auf einem hohen Niveau. Jetzt, wo der Markt zurückgeht, wird unsere Herausforderung sein, die Auslastung zu gewährleisten. Die Abkühlung kann aber auch eine Chance sein, indem wir die Effizienz steigern. Insgesamt hat das Handwerk aber sicher eine positive Zukunftsaussicht. Vor allem die Chance der Selbstständigkeit ist nach wie vor attraktiv, besonders für junge Leute. Da hat das Handwerk auch heute noch einen goldenen Boden.