<b>Herr Tappeiner, gibt es etwas, das man der Zollpolitik von Donald Trump zugute halten könnte?</b><BR />Gottfried Tappeiner: Nein, überhaupt nichts. Ein freier Welthandel bringt in der Regel für alle Beteiligten Vorteile, während ein Handel, der durch hohe Zölle belastet wird, nur Verlierer hervorbringt. Wenn man dennoch einen positiven Aspekt finden möchte, könnte man sagen, dass Trumps Politik eine große Chance für Europa bietet – vorausgesetzt, man handelt jetzt entschlossen und es ziehen alle Länder an einem Strang.<BR /><BR /><BR /><b>Dass Trump Zölle nicht nur als Drohmittel einsetzt, sondern auch Taten folgen lässt, hat er mit der Einführung von Strafgebühren auf Importe aus Kanada und Mexiko unter Beweis gestellt. Was viele für unmöglich hielten: Trump scheint seine Linie tatsächlich konsequent durchziehen zu wollen...</b><BR />Tappeiner: Es sieht danach aus, dass er kurz- bis mittelfristig von diesem Kurs nicht abweichen wird. Es ist ebenfalls auffällig, wie er mit schwächeren Handelspartnern umgeht – er überrollt sie förmlich, ohne Rücksicht auf Verluste. Dass auch US-Verbraucher die Zölle in Form einer höheren Inflation zu spüren bekommen werden, nimmt er offenbar in Kauf.<BR /><BR /><BR /><b>Was auch bemerkenswert ist: Von den großen Konzernen und politischen Gegnern hört man kaum Proteste gegen diese zutiefst wirtschaftsfeindliche Politik. Wie ist das zu erklären?</b><BR />Tappeiner: Das lässt sich vermutlich durch eine gewisse Schockstarre erklären. Alle wurden unvorbereitet getroffen. Aber spätestens jetzt dürfte jedem klar sein, in welche Richtung Trump steuern wird.<BR /><BR /><BR /><b>Können auch die Kapitalmärkte Trump nicht zum Umdenken bewegen, die in den letzten Tagen stark reagiert haben?</b><BR />Tappeiner: Trump ist gegen rationale Argumente immun. Er handelt zutiefst irrational, und auch aus der Zivilgesellschaft hört man keine Proteste. Das ist sehr bedauerlich, hoffentlich wird sich das noch ändern.<BR /><BR /><BR /><b>Es ist zu erwarten, dass Trump seine Zollpläne wie angekündigt auf die EU ausweiten wird. Aktuell ist von 25 Prozent Zöllen auf Metallimporte und möglicherweise auch auf Autos die Rede. Droht ein Handelskrieg mit der EU?</b><BR />Tappeiner: Sicher. Und die EU wird mit Gegenzöllen reagieren müssen. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass künftig der Dienstleistungsbereich in den Zollstreit einbezogen wird. Europa hat hier durchaus mächtige Instrumente, etwa bei der Regulierung großer Tech-Konzerne. Aber nochmals: Zölle verursachen nur Leid. Und es ist nicht so, dass die US-Wirtschaft durch Trumps Zollpolitik langfristig gestärkt aus dieser Situation hervorgehen wird. Selbst wenn einige europäische Unternehmen in einem ersten Schritt ihre Standorte in den USA ausbauen und dort investieren, werden die langfristigen Folgen – Wohlstandsverluste für beide Volkswirtschaften – nicht zu übersehen sein.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-68863288_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>In welchen Bereichen werden wir die Folgen in Europa und auch Südtirol als erstes spüren?</b><BR />Tappeiner: Zunächst einmal wird der Druck auf die exportierenden Unternehmen steigen. Wenn Betriebe durch Zölle dazu gedrängt werden, in den USA zu investieren, könnte dies zu einer Schwächung der europäischen Standorte führen, was negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in Europa zur Folge haben wird.<BR /><BR /><BR /><b>Und was ist mit den Verbrauchern?</b><BR />Tappeiner: Verbraucher werden die Auswirkungen spüren, sobald die Gegenzölle greifen. Das Inflationsrisiko halte ich allerdings nicht für die größte Gefahr. Vielmehr könnten die Volkswirtschaften in Europa in den nächsten 2 bis 3 Jahren um 3 bis 5 Prozent weniger wachsen.<BR /><BR /><BR /><b> Trump richtet sich gegen alle Handelspartner, die mehr in die USA exportieren, als von dort zu importieren; also einen Handelsbilanzüberschuss aufweisen. Ist diese Argumentation faktisch haltbar?</b><BR />Tappeiner: Auch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Wenn man sich nur die Warenbilanz anschaut, mag das stimmen. Bezieht man jedoch auch die Dienstleistungen in die Handelsbilanz mit ein, wird die Lage deutlich komplexer. Zudem gibt es meist einen Grund, warum ein Land bestimmte Waren aus dem Ausland importiert – oft, weil diese in besserer Qualität oder günstiger produziert werden.<BR /><BR /><BR /><b> Eine Folge der radikalen Trump-Politik ist außerdem, dass Europa massiv in Rüstung investieren will. Wie ist das aus Sicht der europäischen Wirtschaft zu beurteilen?</b><BR />Tappeiner: Ich war immer skeptisch gegenüber hohen Rüstungsinvestitionen – das gebe ich zu. Aber ich habe inzwischen verstanden, dass es unvermeidbar ist. Noch dazu bedeutet dies eine Sonderkonjunktur für die europäischen Rüstungsfirmen, über die wir in den kommenden Jahren vermutlich froh sein könnten. Wir werden darauf achten müssen, dass wir durch die notwendige Nachrüstung den Klimaschutz nicht aus den Augen verlieren, der genauso überlebenswichtig ist. Eine leistungsfähige Wirtschaft wie die in Europa sollte beides schaffen können.