<BR /><BR /><b>Frau Kompatscher, Coaching ist mittlerweile vielen Menschen ein Begriff, Counselling wohl eher nicht. Was macht ein Counsellor anders als ein Coach?</b><BR />Monika Kompatscher: Coaching und Counselling haben tatsächlich viel gemeinsam, was die Methoden angeht, wie etwa das aktive Zuhören und das Nah-am-Menschen-sein. Während wir aber das Coaching häufig eher im wirtschaftlichen Kontext treffen, versteht sich das Counselling als Begleitung in herausfordernden Situationen in unterschiedlichsten Lebensbereichen: in der Familie, der Partnerschaft, wenn man sich im Leben neu orientieren möchte oder auch wenn man merkt, dass man immer in dieselbe Situation gerät, bei der man dann nicht weiterkommt – privat aber auch beruflich. Der Counsellor hilft den Menschen dabei, ihre eigene Lösung für ihr Problem zu finden. Darin sehe ich auch den großen Mehrwert des Counselling, dass die Menschen wieder zurückkommen in die Eigenverantwortung. Gerade im betrieblichen Kontext.<BR /><BR /><embed id="dtext86-61683389_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Die Akademie für psychosoziale Lebensberatung (ApL) möchte das Counselling nun in der Wirtschaft stärker etablieren. Wie kann Counselling im Arbeitsumfeld nützlich sein?</b><BR />Kompatscher: Betriebe investieren bereits vielfach in die Gesundheitsförderung: in gesundes Essen in der Mensa, bezahlte Fitnesskurse für die Mitarbeiter usw. Counselling versteht sich als Prävention für seelische Gesundheit, die einen positiven Einfluss auf das gesamte Betriebsklima und somit auf den Erfolg des Unternehmens hat.<BR /><BR /><b>Können Sie ein Beispiel nennen?</b><BR />Kompatscher: Eine Mitarbeiterin ist überlastet, weil sie nicht Nein sagen kann und der Vorgesetzte und die Kollegen immer wieder Arbeit bei ihr abladen. Diese Mitarbeiterin kann über das Counselling erkennen, was sie selbst konkret tun kann, um an der Situation etwas zu ändern. Denn das Problem ist, dass Menschen sehr oft die Lösungen für das Problem nur außerhalb von sich selbst sehen, indem sie zum Beispiel sagen „Mein Chef sieht einfach nicht, dass er mir zu viel Arbeit aufbürdet“ oder „Es ist halt so viel zu tun, jemand muss sich ja drum kümmern“. <BR /><BR /><embed id="dtext86-61686536_quote" /><BR /><BR /><b>Viele versuchen solche Situationen zu bewältigen, indem sie sich in ihrer Freizeit zum Beispiel mit Sport „abreagieren“ oder zumindest einen Ausgleich suchen.</b><BR />Kompatscher: Ja, diese Strategie wenden nach meiner Beobachtung zum Teil Männer gern an, dass sie lieber Radfahren oder Joggen gehen, weil das eine Strategie ist, die ihnen guttut. Nichts gegen Sport – Bewegung ist ausschlaggebend für das seelische Wohlbefinden. Wenn es sich dabei aber rein um Ablenkungsmanöver handelt, und die eigentliche Ursache für problematische Situation nicht angeschaut wird, dann stößt das an Grenzen. Über das Counselling hingegen kann man erkennen, wieso man zum Beispiel nie Nein sagen kann und man kann im Beratungsgespräch lernen, leichter Grenzen zu setzen. Zum Beispiel kann man in einer Art Rollenspiel mit dem Counsellor schrittweise erproben, wie es sich anfühlt, eine Grenze zu setzen. Es geht also nicht darum, der überlasteten Mitarbeiterin zu sagen, sie soll sich besser organisieren und einen Zeitplan erstellen, wo sie ihre Arbeiten in dringlich und wichtig einteilt. Das ist ein Teil, aber nicht alles. Vielmehr geht es darum, die Mitarbeiterin einzuladen, sich zu fragen, ob sie wirklich in jeder Situation Ja sagen muss oder wie es auch anders ginge. <BR /><BR /><embed id="dtext86-61686533_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>In der Theorie klingt das ja immer leicht…</b><BR />Kompatscher: Wir trauen uns oft nicht Grenzen zu setzen, zum Beispiel dem Vorgesetzten Nein zu sagen, weil wir uns gedanklich in die andere Person hineinversetzen und uns schon überlegen, was der wohl dann über mich denken wird. Doch das ist nicht mein Thema: Was bei der anderen Person passiert, dafür ist sie verantwortlich. Und wenn die andere Person dann in Stress kommt, weil sie wiederum einen Vorgesetzten hat, der Druck macht, dann darf sie sich darum kümmern. Es ist ganz wichtig zu verstehen: Man ist selbst verantwortlich für die eigenen Grenzen. <BR /><BR /><b>Um den „Erfolgsfaktor Counselling für Unternehmen und Mitarbeitende“ geht es bei einer Tagung der ApL am 20. Oktober. Warum ist Counselling ein Erfolgsfaktor?</b><BR />Kompatscher: Weil ich als Mitarbeitende dadurch die Möglichkeit habe, selber wieder einen Handlungsspielraum zu erreichen. Das heißt, durch das Counselling kann ich in meine Eigenverantwortung, in meine Kraft zurückkommen und für mich – durch die Begleitung – Wege finden, die mich beweglich machen und mir helfen, meine mentale Gesundheit zu erhalten und zu stärken. Und für Unternehmen ist es ein Erfolgsfaktor, wenn sie erkennen, dass es wichtig ist, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch in der Hinsicht zu stärken. <BR /><BR /><embed id="dtext86-61686535_listbox" /><BR /><BR /><b>Wie lange dauert so ein Begleitprozess?</b><BR />Kompatscher: Meistens haben wir eher kürzere Interventionseinheiten, weil wir Menschen dahin führen wollen, wieder in die Eigenverantwortung zu gehen. Das geht manchmal auch in 4 bis 5 Sitzungen. <BR /><BR /><b>Wie viele haben danach das Problem wirklich gelöst?</b><BR />Kompatscher: Wichtig ist, dass man sein Problem erst einmal erkennt – und dann kommt es auf einen selbst an. Denn es wird einem auch nach einer Counselling-Einheit immer wieder passieren, dass man in der Realität herausgefordert wird oder wieder feststeckt. Aber man kann Strategien entwickeln, wie man damit umgeht – und man kann sich ja bei Bedarf immer wieder an einen Counsellor wenden. <BR /><BR /><BR /><BR />