<BR /><BR /><b>Herr Müllner, Italien will der Atomkraft wieder den Weg ebnen. Was ist der ehrlichste Satz dazu?</b><BR />Nikolaus Müllner: Der ehrlichste Hinweis ist: Atomkraft löst sicher nicht die Probleme der unmittelbaren Zukunft. Im Grunde trifft man eine Entscheidung für die nächsten 100 Jahre.<BR /><BR /><b>In der Politik klingt das oft anders. Da wird „Atomkraft der neuesten Generation“ oft als Antwort auf hohe Strompreise, Versorgungssicherheit und den Energiehunger der Datenzentren verkauft.</b><BR />Müllner: Das sind politische Wünsche, die man gerne erfüllen würde. Aber man muss sehr genau hinschauen: Wer schlägt welchen Reaktor vor? Mit welchem Zeitplan? Und mit welchem industriellen Hintergrund? Bei solchen Projekten wurden in der Vergangenheit immer wieder sehr sportliche Zeitpläne versprochen. In der Realität dauerte es dann meist deutlich länger.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1335960_image" /></div> <BR /><BR /><b>Im Werben für Atomkraft geht es häufig um so genannte Small Modular Reactors, kurz SMR. Was steckt eigentlich hinter dem Begriff?<BR /></b>Müllner: Im engeren Sinn meint man damit kleine modulare Reaktoren. In der öffentlichen Debatte landet aber vieles im selben Topf: kleinere Leichtwasserreaktoren, mittelgroße Anlagen, Mikroreaktoren und sehr futuristische Konzepte. Genau deshalb muss man sauber unterscheiden.<BR /><BR /><b>Welche dieser Konzepte sind am nächsten an der Realität?</b><BR />Müllner: Am ehesten jene, die auf bekannten Reaktortypen beruhen: Druckwasser- oder Siedewasserreaktoren, nur kleiner und stärker standardisiert. Beispiele sind der BWRX-300 von GE Hitachi oder das NuScale-Konzept. Dazu gibt es technische Vorarbeiten und Genehmigungsschritte. Das heißt aber noch nicht, dass diese Reaktoren schon bewiesen hätten, dass sie schnell, günstig und in Serie gebaut werden können.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-75600123_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Das klingt weniger revolutionär, als es oft dargestellt wird.<BR /></b>Müllner: Die realistischeren Konzepte sind in der Tat nicht völlig neu. Die Hoffnung lautet: Wenn der Reaktor kleiner ist, kann man mehr vorfertigen, Bauzeiten verkürzen, Genehmigungen vereinfachen und Kosten senken. Das klingt plausibel. Aber bisher ist es vor allem eine Hoffnung.<BR /><BR /><b>Wie „klein“ sind diese kleineren Reaktoren eigentlich?<BR /></b>Müllner: Klein ist hier relativ. Ein BWRX-300 liegt bei rund 300 Megawatt. Rolls-Royce spricht bei seinem Konzept von 470 Megawatt. Das ist kleiner als ein klassisches großes Atomkraftwerk mit oft 1000 Megawatt oder mehr, aber es ist kein Mini-Reaktor. Zum Vergleich: Die beiden Blöcke des Schweizer Kernkraftwerks Beznau haben jeweils rund 365 Megawatt Nettoleistung. Vieles, was heute als klein und modular diskutiert wird, ist also immer noch eine große Industrieanlage.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-75600140_listbox" /><BR /><BR /><BR /><b>Und Mikroreaktoren, also wirklich kleine Anlagen von fünf bis zehn Megawatt?<BR /></b>Müllner: Die gibt es als Konzepte – etwa für abgelegene Standorte, militärische Anwendungen oder einzelne Industrieanlagen. Aber daraus wird nicht plötzlich die breite Stromversorgung eines Landes. Für ein nationales Energiesystem wie jenes Italiens sind solche Mikroreaktoren derzeit nicht der entscheidende Punkt.<BR /><BR /><b>Daneben ist oft auch von AMR die Rede, also von Advanced Modular Reactors. Was ist der Unterschied?<BR /></b>Müllner: AMR sind fortgeschrittenere Reaktorkonzepte. Dazu zählen etwa schnelle Reaktoren, Hochtemperaturreaktoren oder Reaktoren mit Flüssigsalzen. Sie versprechen mehr Effizienz, weniger Abfall oder die Möglichkeit, bestimmte radioaktive Stoffe weiter zu nutzen. Das klingt attraktiv. Aber diese Konzepte sind noch deutlich weiter von einer breiten industriellen Umsetzung entfernt als kleinere Leichtwasserreaktoren.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1335963_image" /></div> <BR /><BR /><b>Auch Bill Gates ist über TerraPower mit einem neuen Reaktorkonzept aktiv. Was ist davon zu erwarten?</b><BR />Müllner: TerraPower entwickelt einen natriumgekühlten Reaktor mit angeschlossenem Wärmespeicher. Das ist ein fortgeschrittenes Konzept. Aber auch hier gilt: Es muss sich erst zeigen, ob das Konzept technisch, wirtschaftlich und regulatorisch in größerem Maßstab funktioniert.<BR /><BR /><b>Die großen Tech-Konzerne interessieren sich ebenfalls stark für Atomstrom. Alphabet und Amazon haben Pläne, ebenso Microsoft. Letzterer setzt etwa auf Strom aus Three Mile Island. Zeigt das nicht, dass Atomkraft für Datenzentren realistisch ist?</b><BR />Müllner: Es zeigt vor allem, wie groß der Strombedarf der Tech-Konzerne geworden ist. Microsoft hat mit Constellation eine langfristige Vereinbarung geschlossen, um Strom aus dem wiederzubelebenden Reaktor Three Mile Island 1 zu beziehen. Aber auch das ist kein einfacher Fall. Einen stillgelegten Reaktor wieder in Betrieb zu nehmen, heißt nicht, dass man ihn nur wieder einschaltet. Es geht um neue Standards, Genehmigungen, Nachrüstungen, Netzanschluss und Wirtschaftlichkeit. Selbst solche Projekte sind komplex. Besser und auch günstiger als ausgemusterte Reaktoren wieder „anzuschmeißen“ ist in der Praxis oft, Kraftwerke von Grund auf komplett neu zu bauen. Vor allem, weil sich die Standards in den letzten Jahrzehnten sehr stark verändert haben.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-75600142_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Was kann Kernenergie also in den nächsten zehn bis 15 Jahren also leisten – gerade in einem Land, das derzeit keine Atomkraftwerke betreibt?</b><BR />Müllner: Praktisch nichts. In einem Land ohne laufendes Kernenergieprogramm ist es unmöglich, innerhalb von zehn bis 15 Jahren einen neuen Reaktor ans Netz zu bringen. <BR /><BR /><b>Welche Schritte müsste Italien bei einem Wiedereinstieg setzen?</b><BR />Müllner: Italien müsste nicht einfach einen Reaktor kaufen. Es müsste ein ganzes Kernenergieprogramm wieder aufbauen: Institutionen, Fachwissen, Aufsicht, Betreiber, Standorte, Notfallplanung, Entsorgungsfragen und einen politischen Konsens, der über viele Jahre hält. <BR /><BR /><b>Aber in 30 Jahren wird Italien ja auch noch Strom brauchen – und sehr wahrscheinlich deutlich mehr als heute. Ist das nicht ein Argument für die Rückkehr zur Atomkraft?</b><BR />Müllner: Natürlich wird Italien auch in 30 Jahren Energie brauchen. Die Frage ist aber, ob Kernenergie dann der richtige Baustein sein soll. Wer heute ein Atomprogramm startet, bindet Geld, Personal, politische Aufmerksamkeit und institutionelle Kapazitäten über Jahrzehnte.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1335966_image" /></div> <BR /><BR /><b>Italien ist bekanntlich hoch verschuldet. Muss man da nicht besonders genau fragen, ob Milliarden für Atomkraft an anderer Stelle schneller wirken würden?</b><BR />Müllner: Eben. Die Mittel sind nicht unbegrenzt. Wer Milliarden in ein neues Atomprogramm steckt, bindet Geld über viele Jahre. Dieses Geld steht dann möglicherweise nicht in gleicher Weise für andere Bereiche zur Verfügung – etwa für erneuerbare Energien, Netze, Speicher, Energieeffizienz oder eine bessere Steuerung des Verbrauchs. Die Frage lautet also nicht nur, ob Kernenergie technisch möglich ist. Sondern auch, ob sie für ein Land wie Italien die sinnvollste Verwendung knapper Mittel ist.<BR /><BR /><b>Ob die Bevölkerung die Rückkehr zur Atomkraft mittragen würde, dürfte zudem alles andere als sicher sein.</b><BR />Müllner: Dabei ist genau die Akzeptanz der Allgemeinheit das Um und Auf, um überhaupt an ein Atomprogramm denken zu können. Für Kernenergie braucht man die stabile Zustimmung im Land. Es reicht nicht, wenn eine Regierung dafür ist. Wenn die Stimmung kippt, kann ein Projekt gestoppt werden. Italien kennt diese Erfahrung nur allzugut. Für Betreiber und Investoren ist das ein erhebliches Risiko.<BR /><BR /><b>Könnte Atomkraft wenigstens als Backup für erneuerbare Energien dienen?<BR /></b>Müllner: Atomkraftwerke sind traditionell eher für die kontinuierliche Stromproduktion gedacht. Für ein Energiesystem mit viel Wind- und Solarstrom braucht es aber vor allem Flexibilität: Netze, Speicher, Pumpspeicherkraftwerke, flexible Kraftwerke, gegebenenfalls Gasturbinen als Reserve – und ein besseres Demand-Side-Management.<BR /><BR /><b>Viele denken bei Demand-Side-Management, also Verbrauchssteuerung, an Nachtstrom oder daran, dass ein kleinerer Stromanschluss günstiger ist.</b><BR />Müllner: Nachtstromtarife und unterschiedliche Anschlussleistungen sind einfache Vorläufer. Demand-Side-Management meint aber deutlich mehr. Es geht darum, den Verbrauch viel flexibler an die tatsächliche Lage im Stromsystem anzupassen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1335969_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was heißt das ganz praktisch?</b><BR />Müllner: Ein Beispiel ist das Laden von Elektroautos. Wenn ein Auto um 18 Uhr angesteckt wird und erst am nächsten Morgen gebraucht wird, muss es nicht sofort mit voller Leistung laden. Es könnte automatisch in jene Stunden verschoben werden, in denen das Netz weniger belastet ist oder besonders viel erneuerbarer Strom im Stromsystem verfügbar ist. Tagsüber kann das etwa Solarstrom sein, nachts – je nach Wetterlage und überregionaler Einspeisung – auch Windstrom. Ähnliches gilt für Wärmepumpen, Boiler, Kühlanlagen, Waschmaschinen oder bestimmte industrielle Prozesse. Nicht jeder Verbrauch ist flexibel. Aber ein Teil ist es – und genau dieser Teil kann dem System helfen.<BR /><BR /><b>Warum ist das so wichtig?</b><BR />Müllner: Ein Stromsystem muss nicht nur den Durchschnittsverbrauch decken, sondern vor allem die Spitzen. Wenn sehr viele Verbraucher gleichzeitig viel Strom brauchen, müssen Kraftwerke und Netze für diese Spitzen ausgelegt sein – auch wenn diese Spitzen nur selten auftreten. Wenn man sie glättet, braucht man weniger Reserveleistung und weniger überdimensionierte Infrastruktur. Das kann schneller und günstiger wirken als zusätzliche Kraftwerke, die vor allem für Extremsituationen vorgehalten werden.<BR /><BR /><b>Geht es also um dynamische Stromtarife?</b><BR />Müllner: Unter anderem. Dynamische Tarife können ein Instrument sein. Das heißt nicht, dass Menschen ständig auf Strompreise schauen und händisch Geräte ein- und ausschalten. Vieles kann automatisiert werden: Ladevorgänge, Wärmepumpen, Speicher, industrielle Anlagen. Verbraucher würden dafür belohnt, dass sie flexibel sind und das System entlasten.<BR /><BR /><b>Kann künstliche Intelligenz dabei helfen?</b><BR />Müllner: Ja, KI kann helfen, ein komplexes System besser zu steuern. Sie ersetzt aber keine energiepolitischen Grundsatzentscheidungen.