Karriere

Elmar entwickelt das Auto der Zukunft

von Alexander Zingerle

10. März 2016

Der Brunecker Elmar Mair ist für das Start-Up Atieva mit dem Systemdesign und der Architektur des automatisierten Autos betraut - Foto: privat

Moderne Antriebstechnologien, neue Mobilitätskonzepte und die Möglichkeit des vollautomatisierten Fahrens wirbeln die Autobranche plötzlich gehörig durcheinander. Federführend an den neuesten Entwicklungen beteiligt ist der im Silicon Valley tätige Elmar Mair aus Bruneck.

„Oha!": Auf welche Themen werden Sie als Referent beim Südtiroler Wirtschaftsforum am 11. März im Forum Brixen das Augenmerk lenken?
Elmar Mair: Hauptsächlich darauf, was Europa und speziell Südtirol von der Unternehmenskultur des Silicon Valley lernen kann. Ich denke dabei vor allem an die beinharte, kompromisslose Selektion der Mitarbeiter und an das optimale Arbeitsumfeld, um innovative Produkte entwickeln zu können.

Was kennzeichnet üblicherweise das Arbeitsumfeld der in Silicon Valley angesiedelten Firmen?
Wenn man die Auswahl der Mitarbeiter getroffen hat, die hundertprozentig zum Unternehmen passen, dann befreit man sie von lästigen Dingen, nimmt ihnen beispielsweise Alltagslasten wie das Wäschewaschen ab. Gerade weil den Leuten oft beim Laufen oder während der Fitnesseinheiten die besten Ideen kommen, animiert man sie dazu und stellt entsprechende Geräte zur Verfügung. Die Arbeit ist fordernd, bereitet aber sehr viel Freude und Genugtuung, sodass man hier automatisch mehr arbeitet. Der Drang nach Innovation ist allgegenwärtig, das ganze Umfeld ist hochgradig dynamisch, man merkt, an etwas Großem beteiligt zu sein.

Der hohe Erwartungsdruck oder mögliches Scheitern fällt dabei weniger ins Gewicht?
Natürlich ist ein gewisser Druck vorhanden, man misst sich ja schließlich mit den Besten, doch ich hätte ihn hier nie als unmenschlich erlebt. Scheitern wird im Silicon Valley auch nicht als negativ empfunden – im Gegenteil, wahrscheinlich lernt man mehr, wenn man scheitert als wenn man gleich zum Ziel kommt.

"Wir bewegen uns im absoluten Neuland, hier gibt es noch keine gesetzlichen Regelungen."

Sie selbst sind seit einem halben Jahr bei Atieva beschäftigt, einem Start-Up, das sich mit der Entwicklung eines elektrischen Autos mit autonomen Funktionen beschäftigt. Womit befassen Sie sich dabei genau?
Mit der Entwicklung von Funktionen für das automatisierte Fahren. Dabei wird das Konzept Auto völlig neu erdacht – von der Stromzufuhr über die Sicherheitsstandards, die eingebaute Software bis hin zum Design. Ich selbst befasse mich aktuell vorwiegend mit dem Systemdesign und der Architektur des automatisierten Autos. Wir arbeiten mit vielen anderen Teams zusammen, müssen die Entwicklungen nach potentiellen Standards und mit bestem Wissen und Gewissen vorantreiben, um beispielsweise bei künftigen Rechtsstreitigkeiten von Unfällen mit automatisierten Autos gewappnet zu sein. Wir bewegen uns in einem absoluten Neuland, hier gibt es auch noch keine gesetzlichen Bestimmungen.

Wagen Sie eine Prognose: Wann wird das vollautomatisierte Auto marktreif sein?
Das wird schrittweise erfolgen. Ich beobachte derzeit zwei Trends: Zum einen arbeiten bereits alle namhaften Hersteller an Assistenzfunktionen und bauen diese nach und nach ein, um Hilfestellungen für den Fahrer vor allem im nicht urbanen Bereich, bei niedriger Geschwindigkeit oder bei Staus zu leisten. Zum anderen arbeiten Firmen daran, autonome Taxis für urbane Umgebungen zu entwickeln. Erste Produkte müssten in den nächsten Jahren auf den Markt kommen. Was nun das vollautomatisierte, uneingeschränkte Fahren anbelangt, so wird das meiner Meinung nach noch mindestens 15 Jahre dauern. Derzeit vermag das aber noch niemand abzuschätzen. 

 

Selbstfahrende Autos wie jenes im Bild von Google werden in Kalifornien bereits ausgiebig getestet - Bild: google

Doch im Silicon Valley kurven bereits die ersten vollautomatisierten Modelle herum?
Google schickt seine Entwicklungen hier in Mountain View jeden Tag Tausende von Meilen herum. Als letzthin meine Familie hier zu Besuch war, haben wir einen Bosch Prototypen getestet. Als Passagier ist es unheimlich spannend, wenn das Auto von selbst die Spur wechselt oder überholt, als Sicherheitspilot ist es freilich anstrengend, weil man immer auf alles gefasst sein muss.

Wo bleibt der Fahrspaß, wenn das Auto völlig von selbst fährt?
Viele Menschen, vor allem im urbanen Bereich und beim täglichen Pendeln, empfinden das Fahren  weniger als Spaß und vielmehr als Stress. Anstatt auf den Verkehr aufzupassen, kann man sich im automatisierten Auto ungestört anderen Dingen zuwenden, beispielsweise arbeiten, seine Freizeit organisieren oder einfach die Landschaft betrachten. Man gibt dem Menschen etwas mehr vom knappsten aller Güter zurück: seiner Zeit.

"In der ziemlich konservativ geprägten Autobranche hat sich jahrzehntelang wenig getan, es hat wenig Mut zur Innovation gegeben."

Merken Sie, wie die bisher führenden europäischen und japanischen Autokonzerne angesichts solcher Entwicklungen nervös werden und unter Zugzwang geraten?
Definitiv ja. In der ziemlich konservativ geprägten Autobranche hat sich jahrzehntelang wenig getan, es hat wenig Mut zur Innovation gegeben. Deshalb finde ich es auch positiv, wenn junge und unvoreingenommene Start-ups mit allem Bekannten brechen und die Frage stellen: Was will und braucht der Autofahrer heute, welche Ansprüche soll ein Auto heute erfüllen. Man merkt, dass die etablierten europäischen Konzerne nun nachziehen. So hat etwa kürzlich Volvo in seiner letzten Design-Studie nicht ein komplett es Auto vorgestellt, sondern lediglich das Interieur neu definiert. Die Branche befindet sich definitiv im Umbruch und das ist spannend.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie von Ihrem Arbeitsumfeld und Ihrer Mentalität auf die lahmende Wirtschaft Europas und auch auf die großteils mangelnde Innovationsfähigkeit Südtirols blicken?
Ich muss sagen, ich schätze die Werte, die Sicherheit und das soziale Verantwortungsbewusstsein europäischer Firmen sehr. Hier, in Kalifornien, habe ich jedoch eines gelernt: Meine Komfortzone zu verlassen und Risiken einzugehen. Ich glaube, dass das System in Europa die Risikofreude und die damit verbundene Dynamik, also die Innovationskraft, entscheidend hemmen.

Ihr Tipp, wie Südtirol seine Innovationskraft steigern könnte?
Auch in diesem Punkt will ich auf das Positive verweisen: Wo ich bisher auch hingekommen bin, war man von den Südtirolern begeistert, da sie in der Regel ehrgeizig und engagiert sind. In Südtirol selbst fehlen in diesem Zusammenhang ein wenig der Glaube an sich selbst und der Mut zur Veränderung, es überwiegt die Angst vor Verlusten, man will den Status Quo bewahren, doch dabei blickt man nicht nach vorne und kann folglich auch nichts gewinnen. Ich denke, speziell im Bereich Informationstechnologien wäre viel Potential vorhanden, gerade weil diese Unternehmer nicht an die üblichen Standortfragen gebunden sind, sondern sozusagen mit einem Laptop  und der entsprechenden Infrastruktur international mitmischen können. In diesem Zusammenhang kann der Wert von Bildung und Ausbildung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Gerade dort kürzt die Politik gerne, ohne die fatalen langfristigen Auswirkungen zu erkennen oder wahrhaben zu wollen.

Im Menlo Park (Silicon Valley) entsteht die Zukunft. Hier ist auch die Zentrale von facebook angesiedelt. Foto: wikimedia / Austin McKinley

Inwieweit hat Sie Ihr Aufenthalt in Kalifornien persönlich weitergebracht?
Ich möchte einen Punkt nennen: die Offenheit. Die Grundeinstellung hier lautet: „Das kenne ich nicht – cool, also probiere ich es einfach mal“. Das war doch überraschend und aufschlussreich für mich, dieses uneingeschränkte Interesse für das Unbekannte. Natürlich gibt es auch negative Dinge, beispielsweise was die Work-Life-Balance anbelangt. Hier arbeiten viele Leute extrem viel und so ist die hohe Fluktuation nicht verwunderlich.

Sie selbst bewerkstelligen den Ausgleich zwischen Job und Freizeit?
Ja, ich handhabe das sehr strikt und lasse bis auf wenige Ausnahmen am Wochenende die Finger von der Arbeit. Man ist ohnehin viel produktiver und kreativer, wenn man sich nicht andauernd nur mit dem Job beschäftigt.

Also haben Sie die schönen Ecken Kaliforniens bereits durchforscht?
Die Sonne und das Meer waren mein Beweggrund hierherzukommen. Leider hatte mir vorher niemand gesagt, dass das Wasser hier so kalt ist, aber mit Neoprenanzug fuehlt es sich an wie die Adria. Ich spanne beim Surfen und Kitesurfen aus  und staune über die einmalige Schönheit der kalifornischen Naturparks beim campen. 

 

Elmar Mair aus Bruneck (32) leitet beim Start-Up Atieva in Menlo Park (Silicon Valley, Kalifornien) die Entwicklung autonomer Funktionen für das Auto der Zukunft. Der Pusterer hat 2012 seinen Doktor in Informatik mit Schwerpunkt Robotik in München erlangt, hat mehrere Jahre am Institut für Robotik und Mechatronik des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums geforscht und hatte in Palo Alto (Kalifornien) zunächst in der Rolle des technischen Leiters für Robert Bosch an selbstfahrenden Prototypen mitentwickelt.