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Artikel vom Montag, 6. August 2018

Salzburger Festspiele: „Pique Dame“ als pechschwarze Opern-Gala

Die 1. Festspiel-Neuinszenierung der Oper „Pique Dame“ von Peter I. Tschaikowski durch Regiegroßmeister und mit dem grandiosen Dirigenten Mariss Janssons zeigt uns neue Operndimensionen, die das Publikum mit letztgültiger Zustimmung aufnimmt. Mit durchwegs sehr guten Sängern, dem vorzüglichen Wiener Staatsopernchor, dem Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor, so wie mit den wieder überragenden Wiener Philharmonikern wird diese pechschwarze Todesspirale zur Ereignisdichte.

Foto: SF Ruth Walz

Foto: SF Ruth Walz

Foto: SF Ruth Walz

Foto: SF Ruth Walz

Die  Handlung spielt in St. Peterburg, wo bei einem Kartenspiel von einer mysteriösen Gräfin berichtet wird, die in ihrer Jugend umschwärmt wurde, weil sie mit drei magischen Karten Spiel um Spiel gewonnen hatte. Hermann, der Sohn deutscher Einwanderer, gerät bald in den Sog des Geheimnisses der drei Karten, denn als Außenseiter will er durch Reichtum frei sein. Er verliebt sich in Enkelin der Gräfin, Lisa, die bereits standesgemäß an den Fürsten Jelezki vergeben ist. Doch Lisa geht mit Hermann eine Beziehung ein. Das Spiel mit den Karten wird aber zum tödlichen Einsatz, sodass Lisa sich in den Fluss Newa stürzt, während sich Hermann erschießt.

Eine finstere Welt in der Zeit der Aufklärung

Regisseur Hans Neuenfels hat diese finstere Welt in der Zeit der Aufklärung angesiedelt. Mit dem Spielen und seinem Ritual wird versucht, eine Zeit zu vertreiben, die nicht mehr aufzuhalten ist: „Dagegen aber steht der Anspruch von zwei Menschen, die sich ein anderes Leben vorstellen; wirklicher, echter, erfüllter, als dieses gesteuerte banale Leben der Endzeitaristokratie“, so Neuenfels. Der sieht im Libretto von Modest Tschaikowski (Bruder des Komponisten) eine sehr geschickte und kluge Geschichte, wenn in der großen (Chor)Gesellschaft Hermann der Gewinner über alles sein will. Aber da er von ihr verführt und zerstört wird, lässt er sich als Befremdlicher selbst zerstören.

Foto: SF Ruth Walz

Dunkel der Bühne zeichnet Charaktere des Untergangs

Im Dunkel der großen Bühne, die Christian Schmidt für die zeitbezogene Untergangsgesellschaft ästhetisch sehr schön gestaltet hat, treten alle Charaktere in schönster und tänzerisch skurriler Form auf. In den wundervollen, surrealen Kostümen von Reinhard von der Thannen werden sie zu absurden Darstellern, wenn diese „schwarze“ Welt statt einer pulsierenden Freiheit  eine unrealistische Leidenschaft des Spielens dekuvriert. Neuenfels inszeniert leidenschaftlich eine musikalische Liebesgeschichte, wenn er bei jeder Note punktgenau die Szene, die Handelnden in Bewegung bringt.

Sänger setzen Oper mit größter Intensität musikalisch um

Kein Zweifel, auch wenn für Dirigent Mariss Janssons die „Pique Dame“ zu den 10 besten Opern zählt, so ist sie auch sehr schwierig zunächst für die Solisten. Brandon Jovanovich ist ein großartiger Hermann, wenn er die mörderische oft rezitativisch angelegte Partie mit Noblesse darstellt. Sonderjubel gibt es Igor Golovatenko als großartiger Fürst Jelezki und für Hanna Schwarz, die die betagte Gräfin einfach toll musikszenisch umsetzt.

Jedoch auch die anderen Rollen überzeugen mit dem Glanz des russischen Idioms. Besonders lasziv und frech ist dabei die sehr gute Altistin Oksana Volkova als Polina, jedoch mit Rührung, Verzweiflung von intimer Leidenschaft ist Evgenia Muraveva eine herrliche unschuldige vornehmlich in Weiß gekleidete Lisa. Ihr Tod hinter einer hellen Tür ist zudem ein bedrückend schönes und immens trauriges Bild. 

Brandon Jovanovich ist Hermann, Hanna Schwarz spielt die betagte Gräfin. - Foto: SF Ruth Walz

Wiener Staatsopernchor und Kinder außergewöhnlich

Außergewöhnliches zeigen uns der Wiener Staatsopernchor und die Kinder. Zum Ersten setzt der Wiener Staatsopernchor das Russische als musikalische Fabel um und dann tanzen und springen die Damen und Herren, wohlgemerkt singend, mit einer Wollust, die es so auf der Bühne kaum  gegeben hat. Hier wird mit Masken und surrealen schwarzen Kostümen oder in einfacher Dienstkleidung eine bösartig witzige Welt vorgeführt, die mit ihrer Wildheit den letzten bürgerlichen Genuss ausreizt.

Der Chor der Kinder, der in Gitterkäfigen auf die Bühne kommt, zeigt uns im besten Bewegungsablauf, wie zukünftige Soldaten gedrillt werden. Mich verwundert, dass der Staatsopernchor, der beste Opernchor den es gibt, hier nicht den unbedingten gebührenden Applaus bekommt.

Mariss Janssons und die Wiener Philharmoniker sind „die“ Extraklasse

Nun es wird ja schon zur schönen Gewohnheit, wie bei Marcel Proust in den Arm genommen zu werden, wenn die Wiener Phliharmoniker spielen, aber so wie sie mit Mariss Janssons die „Pique Dame“ zelebrieren, ist unüberbietbare Extraklasse. Ganze neun Orchesterproben immer in der gleichen Besetzung hatten sie mit Janssons. Was hier aus dem Graben zu hören ist, geht auf subtilste Art hinauf zur Bühne, wenn jede Bläserstimme, die hohen und tiefen Streicher oder die Schlagzeuger mit der Aura des totalen Mithörens die Singstimmen zu einer subtilen Gesamteinheit machen.

Das ist Oper, große Oper, sublim und von Feinsten. Klar, dass der Jubel lautestens aufflackert, wenn Janssons auf die Bühne kommt, aber auch Neuenfels bekommt Zustimmung, von denen die seine hervorstechende Ästhetik lieben, nicht von jenen allerdings, die ihm seine Provokation von einst in Salzburg nie verzeihen werden.

C. F. Pichler aus Salzburg