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Artikel vom Samstag, 8. September 2018

Rom: Ubi mortuae linguae vivunt – wo tote Sprachen leben

Nun haben alle Kinder wieder Schule. Für viele steht dabei das „Qualfach“ Latein an. Warum eine Sprache lernen, die keiner mehr spricht? Ein Beispiel aus Rom zeigt, dass Latein durchaus lustig und lebendig sein kann. Auch der 29-jährige Benjamin Stolz aus Südtirol wollte diese Erfahrung machen und verbrachte den Sommer in der Akademie in Rom.

Aus der ganzen Welt kommen Menschen jedes Jahr in die Accademia, um Latein und Altgriechisch zu lernen. - Foto: Homepage Accademia

Aus der ganzen Welt kommen Menschen jedes Jahr in die Accademia, um Latein und Altgriechisch zu lernen. - Foto: Homepage Accademia

Der Lehrer steht vor der Klasse, reißt die Arme nach oben, gestikuliert. Er scheint einen Witz gemacht zu haben, die Klasse lacht. Wer in der Accademia Vivarium Novum nur zu Besuch ist, kann das höchstens vermuten. Er bleibt außen vor, fühlt sich wie in einem kleinen, unentdeckten Teil der Welt. Dazu trägt auch die versteckte, malerische Lage bei: eine herrschaftliche Villa auf einem Hügel in Frascati bei Rom. Aber es ist noch ein anderes Detail: Hier sprechen alle fließend eine Sprache, von der es oft heißt, sie sei tot: Latein.

Enorme Bewerberzahl

Aus der ganzen Welt kommen Menschen jedes Jahr in die Accademia, um Latein und Altgriechisch zu lernen. Von Oktober bis Juni leben bis zu 40 Stipendiaten zwischen 16 und 25 Jahren hier, nur Männer sind erlaubt. In den Sommermonaten hingegen steht die Akademie allen Altersklassen und Geschlechtern offen, der jüngste Schüler ist dieses Jahr gerade 12, der älteste über 60 Jahre alt. Anders als die Stipendiaten zahlen sie dafür bis zu 5200 Euro. Trotzdem war die Bewerberzahl dieses Jahr so groß, dass manche abgelehnt wurden.

„Das hier ist kein Bildungsurlaub“, betont der Schulleiter und Gründer der Akademie, Luigi Miraglia. Er gilt als einer der besten Lateinkenner der Welt. Seine Schüler nennen ihn Aloisius. Alle Lehrer und Schüler geben sich lateinische Namen. Zwölf Stunden täglich paukten sie Latein und auch Griechisch, sagt Miraglia. Und das heißt in der Akademie nicht, die antike Sprache wie in der Schule in ihre Einzelteile aufzudröseln und zu übersetzen, sondern sie zu lesen, zu sprechen, zu singen, vor allem aber: sie wirklich zu verstehen. „Wir müssen Latein so lernen, dass es keine fremde, sonderbare Sprache mehr ist“, findet Miraglia. „In zwei Monaten lernt man hier mehr als in fünf Schuljahren.“

Drei Schuljahre Vokabeln und Grammatik, dann das Übersetzen von Klassikern, Caesars „De bello gallico“, Ovids Metamorphosen. So funktioniert der Lateinunterricht normalerweise. Würde das aktive Sprechen der Sprache das Lernen nicht einfacher machen? „Das ist wünschenswert und sicher zielführend, aber utopisch“, sagen Experten. Die Unterrichtsstunden würden dafür nicht ausreichen, Lehrer seien nicht entsprechend ausgebildet.

Hier haucht man der Sprache Leben ein

„Mit anderen Methoden könnte man die Schüler weniger verschrecken“, meint dagegen Miraglia. An der Accademia gehen die Lehrer anders mit der antiken Sprache um – sie hauchen ihr Leben ein. Durch Schauspiel, Chorgesang und auch durch alltägliche Konversation. Die Schüler kommen aus der ganzen Welt, aus China, Brasilien, Frankreich, Korea, Deutschland. Aber Englisch ist in der Akademie strengstens verboten. Und tatsächlich grüßen sie sich auf den Gängen mit „Salve“, sagen „Gratias“, Danke. Auf Mülleimern steht „Materies euplastica“ und „Charta cuiuslibet generis“ – Plastik und Papier.

Südtiroler verbrachte den Sommer in der Akademie

„Viele sagen, das sei eine tote Sprache, deswegen kann man sie nicht sprechen – totaler Blödsinn!“, sagt Benjamin Stolz aus Südtirol, der Latein auf Lehramt studiert und den Sommer an der Akademie verbracht hat. „Wenn du nur noch Latein sprichst, passiert es automatisch, dass du irgendwann auf Latein denkst, auf Latein träumst.“ Beim Mittagessen fragt der 29-Jährige seine Mitschüler nach Käse, „Da mihi caseum“ und wünscht „Bene sapiat“, guten Appetit.

Miraglia aber geht es um mehr. Er will seinen Schützlingen eine humanistische Sicht auf die Welt nahebringen. Die Schüler sollen den Geist der Sprache verstehen, den Geist der Wissenschaftler von früher, der Philosophen und Gelehrten. Derer, die die Sprache, so Miralgia, unsterblich machten. „Auf Latein ist es manchmal schwieriger, nach einem Kaffee zu fragen, als die Ideen von Platon zu verstehen“, sagt er.

dpa