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Artikel vom Donnerstag, 16. Mai 2019

Neue Krankheiten: Zwanghaftes Sexualverhalten und Videospielsucht

Zwanghaftes Sexualverhalten und Video- oder Online-Spielsucht gehören künftig zum weltweit gültigen Katalog der Gesundheitsstörungen. Die Diagnosen sind in der „Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11)“ aufgeführt, die die Mitglieder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf ihrer Jahresversammlung in Genf (20. bis 28. Mai) formell verabschieden.

Dass zwanghaftes Sexualverhalten und Video- oder Online-Spielsucht neu in den Katalog aufgenommen wird, ist umstritten.

Dass zwanghaftes Sexualverhalten und Video- oder Online-Spielsucht neu in den Katalog aufgenommen wird, ist umstritten. - Foto: shutterstock

Der erstmals seit 30 Jahren neu gefasste Katalog listet rund 55.000 Krankheiten, Symptome und Verletzungsursachen auf.

Ärzte registrieren ihre Diagnosen künftig mit den neuen Codes. Für krankhaftes Video- oder Online-Spielen ist es „6C51“, für zwanghaftes Sexualverhalten „6C72“. Damit können präzisere Statistiken erstellt und Gesundheitstrends besser dokumentiert werden, wie Robert Jakob, Gruppenleiter Klassifikationen (ICD) bei der WHO, im Vorfeld sagte.

Schwierige Diagnosen bei zwanghaftem Sexualverhalten 

Dass zwanghaftes Sexualverhalten und Video- oder Online-Spielsucht neu in den Katalog aufgenommen wird, ist jedoch umstritten, weil die Diagnosen schwierig sind. Was genau darunter zu verstehen ist, wird in einem Zusatzhandbuch erklärt. Unter zwanghaftem Sexualverhalten könne unter anderem übermäßiger Pornokonsum oder Telefonsex zählen, sagte Jakob. Die Diagnose ist nach Definition von Fachleuten dann angebracht, wenn Betroffene intensive, wiederkehrende Sexualimpulse über längere Zeiträume nicht kontrollieren können und dies ihr Familien- oder Arbeitsleben oder das Sozialverhalten beeinflusst.

Ein Betroffener erzählt

Immer mal wieder morgens ist Max Schmidt froh, ein „normaler Mann“ zu sein. So nennt er es, wenn er mit einer Erektion aufwacht. „Seit Ewigkeiten habe ich wieder eine Morgenlatte“, sagt Schmidt. „Ich werde geil, wenn ich neben meiner Frau liege.“ Für den Münchner Mitte 40 ist das ein Erfolg. Denn jahrelang hat Schmidt seine Lust vor allem mit Pornos gestillt, sich beim Zuschauen befriedigt. Die Filme waren einfach zu haben, unkompliziert und reizvoll. Mit der Zeit wurden sie zur Sucht. Sie (zer)störten sein Sexualleben und seine Beziehung.

Heute muss er seine Ehe retten. In Wahrheit heißt Schmidt anders. 
„Das ist für mich das gleiche, wie wenn man Alkohol oder Nikotin verfällt“, sagt Schmidt. „Aber ich habe die Folgen nicht erkannt.“ Heute sind er und seine Frau zur Paar- und Sexualtherapie bei der ärztlichen Psychotherapeutin Heike Melzer. „Es gibt Schätzungen von einer halben Million Sex- und Pornosüchtigen in Deutschland“, sagt sie. 9 von 10 seien Männer. 

„Welche Frau macht das mit, wenn man sie für Jahre nicht anfasst“

Angefangen hat es bei Schmidt früh: Immer schon habe er Probleme beim Sex gehabt, erzählt er. Doch eine Vorhautverengung sei erst recht spät erkannt worden, da war er schon erwachsen. In seiner ersten Ehe habe er immer öfter Pornos geschaut, je länger die Beziehung dauerte. Nachdem diese in die Brüche gegangen war und er wieder geheiratet hatte, sprach er das Thema mit seiner zweiten Frau offen an. „Es hat sie anfangs nicht gestört, dass ich Pornos gucke“, sagt Schmidt. „Aber sie wusste nicht, wie sich das auswirkt.“

Die Folgen beschreibt er mit drastischen Worten: „Ich habe Pornos geguckt und meine Frau links liegengelassen“, sagt er. Und: „Nach 15 Jahren kann ich mich nun wieder selbstbefriedigen ohne Pornos.“ Er brauchte Pornos, um erregt zu werden. „Statt neue Sachen mit meiner Frau auszuprobieren, habe ich im Netz geschaut.“ Das führte auch zu unguten Vergleichen, weiß Schmidt heute: „Männer in Pornos sind besser bestückt, Frauen haben geilere Figuren.“

Wachgerüttelt habe ihn seine Frau Anfang des Jahres, als sie ihm sagte: „Ich liebe dich nur noch als Freund, aber nicht mehr als Mann.“ Dass habe ihn so geschockt, dass er mit den Pornos aufhörte. Heute sagt Schmidt: „Ich habe eigentlich ein Schweineglück gehabt. Welche Frau macht das mit, wenn man sie für Jahre nicht anfasst.“

Gaming-Industrie protestiert gegen Aufnahme in Register

Gegen die Aufnahme von Video- und Onlinespielsucht hatte vor allem die Gaming-Industrie protestiert. Sie fürchtet, dass Menschen, die viel spielen, plötzlich als therapiebedürftig eingestuft werden. Die Problematik beginnt für die WHO, wenn ein Mensch über mehr als 12 Monate alle anderen Aspekte des Lebens dem Spielen unterordnet, oder wenn er seine Freunde verliert oder seine Körperhygiene vernachlässigt.

Fachlich sei die Diagnose klar definiert, sagt Jakob. „Es gibt keinen Grund, solches pathologisches Spielen aus dem Katalog zu nehmen. Andererseits darf auch niemand, der einfach viel auf dem Computer oder Handy spielt, als krank bezeichnet werden.“

dpa

 

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