Freitag, 20. Juli 2018

Ärztenotstand: „Für 3300 Euro komme ich nicht mehr zurück“

„Ich würde auf einen Schlag 10 Oberärzte finden, mit mindestens 10 Jahren Berufserfahrung, die bei angemessener Entlohnung nach Südtirol zurückkommen würden“, weiß Dr. Kurt Hohenstein. Der 39-Jährige aus Neumarkt hat in Göttingen in Deutschland Medizin studiert und arbeitet als Anästhesist in Tübingen. Vor 3 Monaten hat er versucht, sich am Krankenhaus Meran zu bewerben: „Aber die Kohle stimmt einfach nicht“, hat er STOL im Telefongespräch erklärt.

Dr. Kurt Hohenstein hat Medizin an der Universität Göttingen studiert und Biologie an der Universität Innsbruck. Er lebt und arbeitet in Tübingen. - Foto: Dr. Martin Leu
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Dr. Kurt Hohenstein hat Medizin an der Universität Göttingen studiert und Biologie an der Universität Innsbruck. Er lebt und arbeitet in Tübingen. - Foto: Dr. Martin Leu

„Vor 3 Monaten habe ich versucht, mich am Krankenhaus Meran zu bewerben. Aber in Südtirol verdient man als Arzt 3300 Euro netto. Das verdient bei uns hier in Tübingen eine Krankenschwester. Außer Primariat-Stellen, die sind auch in Südtirol lukrativ.“ Ein Bekannter, der auch in Tübingen war, sei zurückgekehrt und sei nun selbst seit Kurzem Primar in Bruneck.

Dr. Hohenstein ist mit einer Deutschen verheiratet: „Meine Frau lehrt an der Uni Volkswirtschaft – um eine Stelle für sie hätten wir uns komplett selbst kümmern müssen, und da sie die Zweisprachigkeit nicht besitzt, wäre das ohnehin schwer geworden. In dieser Sicht hätte man uns auch nicht geholfen.“

130.000 Euro für Kampagnen

Der Neumarktner, der in 4 Monaten die Facharztprüfung ablegen wird, kritisiert, dass das Problem Ärztenotstand am falschen Ende angegangen würde: „Mit 130.000 Euro schweren Kampagnen werden Ärzte wieder nach Südtirol gelockt – sie zeigen Südtiroler auf dem Fahrrad fahrend und schwärmen von Idylle und Lebensqualität. Dabei ist nicht das das Problem: Ich würde auf einen Schlag 10 Oberärzte finden, die bei angemessener Bezahlung sofort nach Südtirol kämen“, klagt Dr. Hohenstein im Gespräch.

Auch an der Transparenz und kategorischer Einteilung fehle es. „In Deutschland gibt es Assistenzärzte, Fachärzte und Oberärzte – jeder mit einem bestimmten Gehalt, der in öffentlichen Tabellen festgehalten ist und im Internet für jeden sichtbar ist. In Südtirol gibt es solche Tabellen nicht, genauso wie es nur Primare gibt und die darunter stehenden Abteilungsärzte.“

Der Mangel an Ärztekategorien führe dazu, dass der Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin in der Notaufnahme landen könnte, wo er an Arbeit überhäuft würde. „Ich hätte Angst davor, dort zu arbeiten, immer wieder kommt es zu Eskalationen, Angriffen und Auseinandersetzungen. So etwas gibt es in Deutschland nicht.“

Ärzte aus Verona – die nun das gleiche Problem haben

Aufgrund des Ärztemangels würden immer häufiger Ärzte angestellt, die in Verona studiert haben und im Vergleich zu dort in Südtirol mehr verdienen würden. „Verona hat nun aber dasselbe Problem, dass ihnen die Ärzte abhauen – und daher wird diese Quelle auch bald versiegen.“

Dabei seien die Betreuungen in Südtirols Krankenhäusern qualitativ gut, das Personal freundlich. Auch an der Ausstattung fehle es nicht. „Dennoch – in den Notaufnahmen sind Zustände wie in Afrika. Sie sind überfüllt mit ewigen Wartezeiten, bei den Blutabnahmen zum Beispiel. In Bozen habe ich mal 5 Stunden dort gewartet – meine Frau war in einem sehr angeschlagenem Zustand.“

„Ich liebe Südtirol und würde gerne zurückkehren, aber wenn ich in Deutschland als Facharzt mindestens 5000 Euro netto verdiene, warum sollte ich für ein Drittel weniger Gehalt zurückkehren, wo ich total bei null starten müsste? Das sehe ich nicht ein.“

stol/ape

stol