„Die Menschen leben in einer unglaublichen Angst“, erzählt Alidad Shiri über die Situation in seiner Heimat.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Sie haben noch Verwandte und Freunde in Afghanistan: Was können Sie von ihnen zur aktuellen Situation erfahren?</b><BR />Alidad Shiri*: Die Menschen leben in einer unglaublichen Angst. Zuletzt hat mich eine Cousine kontaktiert, die im Ministerium für die Ordnungskräfte arbeitete. Sie steht auf der schwarzen Liste der Taliban, ist also in akuter Lebensgefahr. Sie hat mir Bilder ihrer Dokumente geschickt, die Originale hat sie verbrannt und hofft, dass sie aus dem Land fliehen kann. Auch andere junge Menschen, die etwa für die italienischen Streitkräfte in Afghanistan gearbeitet haben, bitten mich um ihre Hilfe. Aber am Flughafen von Kabul herrscht völliges Chaos, die Grenzen zum Iran und Pakistan sind geschlossen. So gibt es schlichtweg keine Möglichkeit, das Land zu verlassen. <BR /><BR /><b>Sie sprechen von einer schwarzen Liste der Taliban.</b><BR />Shiri: Ja, aus meiner Heimatstadt weiß ich, dass sie von Haus zu Haus gehen und nach jenen suchen, die in Schulen, in der öffentlichen Verwaltung oder mit den im Land stationierten Streitkräften aus dem Ausland gearbeitet haben. Diese Menschen stehen auf der schwarzen Liste. Viele werden getötet, anderen werden zum Beispiel die Hände abgehackt, damit sie nicht mehr arbeiten können. Vor allem Frauen sind die Opfer, sehr oft werden sie zu Sexsklavinnen der Taliban-Führer gemacht. Sie dürfen nicht mehr Schule oder Universität besuchen, werden daheim eingesperrt, dürfen keine Arbeitsstelle mehr haben. <BR /><BR /><b>Sie sind selbst vor den Taliban geflohen. Werden da schlimme Erinnerungen wach?</b><BR />Shiri: Ja, vor allem kann ich diese unglaubliche Angst der Menschen nachvollziehen. Inzwischen sind die Taliban noch gewalttätiger geworden. <BR /><BR /><b>Nach der Machtübernahme sagte aber der Sprecher, dass der Krieg vorbei sei und man ein friedliches Land aufbauen wolle.</b><BR />Shiri: Das sind schlichtweg Lügen! Sie gehen ja jetzt schon von Haus zu Haus und töten Menschen. Sie werden einen Staat nach den brutalen Gesetzen der Sharia errichten. In Lebensgefahr sind damit übrigens auch die Christen im Land. In den vergangenen Jahren haben sich viele vom Islam abgewandt und sind Christen geworden. Sie gelten als Ungläubige und Verräter der Religion, darauf steht die Todesstrafe. <BR /><BR /><b>In den vergangenen 20 Jahren waren Truppen aus vielen Ländern in Afghanistan, um die Taliban zurückzudrängen, Streitkräfte gegen diese Bedrohung auszubilden und ein demokratisches Land abzusichern. Mehr als 3600 Soldatinnen und Soldaten starben, Milliarden wurden ausgegeben. Was machte „der Westen“ falsch?</b><BR />Shiri: Er setzte vor allem auf korrupte Präsidenten. Von 2001 bis 2014 war dies Hamid Karzai, der die Taliban sogar als „Brüder“ bezeichnete. Wie auch sein Nachfolger Aschraf Ghani ging es diesen Leuten vor allem darum, seine Gruppe mit gut bezahlten Posten zu versorgen. Daher wurden alle fähigen Leute zum Beispiel in den vom Westen finanzierten Sicherheitskräften abgesetzt. Die einfachen Soldaten und Ordnungskräfte erhielten nicht einmal regelmäßig ihr Gehalt, auf der anderen Seite wurden unfähige Leute in Führungspositionen fürstlich entlohnt. Warum sollten diese einfachen Soldaten und Polizisten ihr Leben aufs Spiel setzen und gegen die Taliban kämpfen? So ist zu verstehen, dass das Land zwar 340.000 Soldaten und Ordnungskräfte hat, aber den Taliban kampflos überlassen wurde. <BR /><BR /><b>Die Korruption im Land ist also eines der Hauptprobleme.</b><BR />Shiri: Ja, aber in Kombination mit der erschreckenden Armut vieler Menschen! Auch da hat der Westen Fehler gemacht. Beispielsweise hat Italien in den vergangenen 20 Jahren in Afghanistan rund 8 Milliarden Euro ausgegeben. Für die Zivilbevölkerung fielen davon etwas mehr als 700 Millionen Euro ab, der ganze Rest ging ans Militär. Hätte man mit diesem vielen Geld nicht auch die Armut bekämpfen können? So bleiben von diesen 8 Milliarden Euro vor allem Waffen, die jetzt in den Händen der Taliban sind: Helikopter, Panzer, Gewehre. <BR /><BR /><b>Wie kann Ihrer Heimat jetzt geholfen werden?</b><BR />Shiri: Zuerst sollte es jetzt darum gehen, jene Menschen zu retten, die in Lebensgefahr sind. Kanada hat zum Beispiel bereits erklärt, dass es 20.000 Flüchtlinge aufnehmen wird. Es gilt also, humanitäre Korridore für die Ausreise zu schaffen. Auch auf lokaler Ebene ist so etwas möglich. Das Land Südtirol könnte in dieser Hinsicht auch seinen Beitrag leisten. <BR /><BR /><BR />ZUR PERSON<BR /><BR />* Alidad Shiri (30) verliert im Alter von 10 Jahren im Krieg in Afghanistan seine Eltern; der Bub wagt eine jahrelange und lebensgefährliche Odyssee über Pakistan, den Irak und die Türkei; in Griechenland hängt er sich an die Unterseite eines Güterzuges und gelangt so über den Balkan. Ausgehungert, aber unversehrt erreicht er vor 20 Jahren Südtirol. Von seinen Erlebnissen erzählt er im 2010 erschienenen Buch „Komak! Komak! Die Flucht eines Jungen aus Afghanistan“, das Shiri auch bei Begegnungen in vielen Südtiroler Schulen vorstellte. Shiri lebt in Bozen und steht vor dem Abschluss seines Studiums der Politik und Philosophie in Trient – mit einer Arbeit über seine Heimat Afghanistan. Er ist journalistisch tätig, überarbeitet und aktualisiert derzeit sein Buch und ist Mitarbeiter bei der Agentur für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR).<BR />