Im Interview erzählt der Kapuzinerpater unter anderem, wie er die Sterbenden erlebt, was er von ihnen gelernt hat und wie er mit dem Gedanken an den eigenen Tod umgeht.<BR /><BR /><b>Pater Peter, ist man dem Tod geweiht, wenn Sie in ein Krankenzimmer kommen?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter Gruber: Das ist das Pferd von hinten aufgezäumt. Es ist eine gängige Ansicht, die Menschen haben. Es ist nicht meine Aufgabe, den Tod zu verkünden oder dessen Bote zu sein. Ich bin der einzige im Haus, der den Tod akzeptiert. Ich gehe immer noch zur Schule, denn der Mensch, der sein Lebe Leben abschließt, ist mein Professor und ich bin immer noch als Lernender unterwegs.<BR /><BR /><b>Und was haben Sie bisher von den Menschen, die ihr Leben beenden, gelernt?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: Erstens, dass der Mensch der Dirigent seines Ablebens ist und zweitens, dass er die Liebe braucht. Man hört oft, man müsse einen Menschen gehen lassen. Das ist der falsche Weg. Die Liebe kennt kein Gehen-lassen. Menschen, die wir lieben, wollen wir nicht verlieren. Mit einem ,Ich will Dich nicht verlieren‘ spürt ein Sterbender, dass er geliebt ist. Nur in der Liebe gibt es ein gutes Auseinandergehen. Ich bin der Meinung, dass ein gutes Abschiednehmen schmerzhaft ist, weil es die Liebe gibt. Schmerz und Liebe sind Zwillinge. Der Schmerz zeigt mir, wie sehr ich jemanden liebe. Wenn ein Sterbender geliebt wird, spürt er den Freiraum, die Freiheit, seine Entscheidung zu treffen.<BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Sie sind seit 45 Jahren Krankenhaus-Seelsorger. Ist das nicht ein einseitig trauriger Job immer mit Menschen zu tun zu haben, die Schmerzen haben und wahrscheinlich sterben?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: Das ist kein Job, das ist ein Dasein. Ein Job hat einen gewissen Stundenplan, aber ich gehe nicht nach der Uhr, ich stehe, wenn ich hier im Krankenhaus bin, 24 Stunden zur Verfügung. Wenn man mich antrifft, darf ich nicht Nein sagen. Und dass ich Sterbende begleiten darf, dass ich am Leben von Menschen teilhaben darf, ist etwas sehr Schönes, für mich eine Gnade. Ich darf mitgehen, ich muss nicht leisten. Gerade heute in einer Zeit, in der es heißt: Time is money. Ich lasse mich auf den sterbenden Menschen ein, ich begegne ihm, indem ich seinen Atemrhythmus übernehme. Er wird zum Dirigenten. Er bestimmt den Rhythmus und die Melodie. Vergelt’s Gott den Sterbenden für diese Einsicht. Sie haben mir geholfen, den Sinn meines Lebens immer wieder neu zu entdecken.<BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Wie viele Sterbende haben Sie begleitet?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: 11.000 bis 12.000 dürften es gewesen sein.<BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Sterben wird von den meisten Menschen ausgeblendet. Warum ist das so?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: Der Mensch sieht im Tod einen Feind. Mit Franziskus dürfen wir den leiblichen Tod Bruder nennen. Der Tod tanzt mit mir durchs Leben, der Totentanz anders betrachtet. Dabei lernen wir: Solange ich sterbe, lebe ich. Das ganze Leben ist ein ständiges Sterben, ist ein Erleben, Genießen und ein Loslassen. Diese Botschaft schenkt mir der leibliche Tod. Und der Tod ist nicht der einzige, der mich begleitet. Ich bin zu fünft unterwegs.<BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Wie zu fünft?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: Das bin ich, Peter, mein Bruder Esel, damit meine ich meinen Körper, der mit den Jahren immer störrischer wird. Während Bruder Esel in jungen Jahren alles mitmachen musste, was ich wollte, muss ich jetzt jeden Tag zu ihm gehen und ihn von meinem Programm überzeugen. Wenn der Tod meinen Bruder Esel verlässt, bin ich tot. Der Dritte im Bunde ist der Schutzengel. Er begleitet mich ein ganzes Leben lang. Der Vierte ist der Schutzheilige – für mich der Hl. Petrus – und der Fünfte ist Bruder oder Schwester Tod. Auch er begleitet mich ein Leben lang. So ist das Leben ein ständiges Sterben.<BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Sterben ist wohl einer der intimsten Augenblicke im Leben. Und da kommt mit Ihnen ein fremder Mensch daher. Lassen diese sich leicht so tief in Ihre Seele schauen?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: Am Ende des irdischen Lebens ist für die Lüge kein Platz mehr. Da bin ich so wie ich bin und jeder so, wie er ist. Ich begegne und erlebe den Menschen im Pyjama, im Nachthemd, ohne Schuhe, ohne Lippenstift, ohne Krawatte. Das macht den Menschen offen...offen für den Himmel.<BR /><BR /><b>Sehen Sie Angst in deren Augen?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: Ich habe viele Facetten der Emotionen erlebt: Auch die Angst in den Augen.<BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Wie bringen Sie in diese grau-schwarze Facette des Lebens Farbe in Ihr Leben?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: Das Leben ist nicht schwarz und grau, sondern lebendig und Sterben ist wahnsinnig kreativ, emotionsgeladen.<BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Inwiefern kreativ?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: Der Mensch, der den leiblichen Tod erlebt, überblickt sein Leben. Er spürt, wie es ihm und Umstehenden geht, auch wenn er im Koma ist. Das Herz, die Liebe, spürt alles. Die Kommunikationsebene, die er benützt, ist das Gefühl. Manche gehen, wenn niemand da ist, andere warten bis alle da sind oder bis jemand Bestimmter kommt. <BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Ihr Tipp für eine gute Sterbestunde?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: Das Vertrauen in Gottes Liebe und Barmherzigkeit pflegen. Keine offenen Rechnungen haben, denn alles, was ich geregelt habe, beruhigt und hilft. Wer noch ein Eisen im Feuer hat, tut sich schwer mit dem Gehen.<BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Erinnern Sie sich an einen besonders prägenden Abschied?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: Als ein Mitbruder von mir eingeliefert wurde, wollte ich beim Besuch nach einer bestimmten Zeit flüchten. Eine Krankenschwester packte mich bei der Kapuze und sagte: Bitte! Gehen sie hinein, denn wenn sie drinnen sind, ist er ruhiger. Ich habe die letzte Stunde seines irdischen Lebens ihm verbracht, wir haben zusammen geweint. Es tat gut zu weinen.<BR /><BR /><b><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Haben Sie eigentlich Angst vor dem Sterben</b>?<BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: Das weiß ich nicht. Wenn jemand sagt, dass er keine Angst vor dem Sterben hat, dann habe ich Angst für ihn. Denn würde er die Angst brauchen, würde er sie nicht finden und dann verzweifeln. Du darfst vor dem Sterben ruhig Angst haben, würde ich sagen. Ich möchte für mich alle Emotionen zur Verfügung haben, damit ich jene benützen kann, die ich in dem Augenblick brauche.<BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Als Dreieinhalb-Jähriger waren Sie dem Tod sehr nahe, als Sie in Lana einen Bach gefallen sind. Danach war der kleine Peter 3 Jahre in einem Krankenhaus in Cortina. Was hat das mit Ihnen gemacht?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: In meinem Lebenspanorama gibt es ein Vorher und ein Nachher. Am Tag, bevor ich am Tribusplatz in den Bach gefallen bin, war ich mit meinen Eltern in Riffian wallfahrten. Ich bin in den Bach gefallen, weil ich ein „Huderle“ herausziehen wollte. Der Oma hatte ich kurz vorher gesagt: Mir kann nichts geschehen, denn ich war gestern wallfahrten. Ich bin dann 10 Minuten später im Wasser getrieben. Ich hatte noch 27 Grad Körpertemperatur, als ich aus dem Wasser gezogen wurde. Meine Eltern brachten mich nach Cortina ins Krankenhaus Codivilla. Ich verbrachte dort 3 Jahre. Meine Eltern konnten mich nur 2, 3 Mal im Jahr besuchen. Als ich wieder nach Hause durfte, habe ich kein Wort Deutsch mehr gesprochen.<BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Hat dieses einschneidende Erlebnis mit Ihrer Berufswahl zu tun?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: Ich weiß nicht, ob da ein Zusammenhang besteht. <BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Wie geht es jetzt nach 45 Jahren Krankenhausseelsorge weiter?</b><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Pater Peter: Das ist keine Frage. Ein Pensionist hat keine Fragen, er hat sich auf die große Begegnung mit den Himmel vorzubereiten. Und jede Begegnung mit den Menschen im Krankenhaus ist jeweils ein kleiner Schritt in diese Richtung. Vergelt’s Gott allen, die mir dabei Hilfe sind.<Rechte_Alle_Rechte_vorbehalten></Rechte_Alle_Rechte_vorbehalten>