Donnerstag, 03. September 2015

Das Bild des toten Aylan: Warum wir so fühlen und handeln

„Die fortgespülte Menschlichkeit“. Unter diesem Titel verbreitet sich das Bild des toten Flüchtlingsjungen weltweit. Soll und darf so ein Bild überhaupt gezeigt werden - und warum erschüttet es die Menschen mehr, als alle bisher veröffentlichten Fotos? Die Meinungen dazu sind zweigeteilt - auch in Südtirol, wie STOL hier aufzeigt.

Was ist es, das uns dieses eine Foto des toten Aylan sagen oder nützen kann?
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Was ist es, das uns dieses eine Foto des toten Aylan sagen oder nützen kann?

"SCHÄMT EUCH FÜR DIESES TITELBILD !!!" In großen, fetten Lettern tut eine Leserin der STOL-Redaktion ihre Meinung kund, unmittelbar nachdem das Bild des toten Flüchtlingskindes und seiner Geschichte auf Südtirol Online veröffentlicht wurde

Auf Facebook heißt es aber auch "Endlich, Stol wird menschlich....kleiner Engel..ruhe sanft....dir tut nichts mehr weh...wir weinen um dich und mit deinen Eltern", schrieb etwa Christine Losso. "Wann wacht die Politik auf???!!! Die Kinder sein die, die am wenigsten dafür können.!!!!!!", fragt sich Jürgen Punter. 

Es ist ein Kind!

Dieser Meinung schließt sich auch Hugo-Daniel Stoffella an. Er ist Jurist, Berufsjournalist und weiß als Uni-Dozent in Kommunikationswissenschaften, warum dieses Bild so sehr an die Nieren geht. "Ein Kind ist der schutzloseste Mensch, daher sind die Reaktionen dementsprechend", sagt Stoffella auf Nachfrage von STOL. Bei einem Erwachsenen würden wir nicht annähernd so betroffen reagieren.

Stoffella stellt sich in der ganzen Diskussion aber auch rein rechtliche Fragen. "Ohne die Zustimmung der Eltern darf ein Foto eines Kindes nicht veröffentlicht werden." 

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"Weshalb lässt man den Kleinen liegen und macht Fotos ???", fragt sich hinsichtlich der Entstehung des Bildes ein erschütterter Wilfried Baumgartner in seinem STOL-Kommentar. 

Der Schrei seines am Boden liegenden Körpers

Ob die Antwort von Nilüfer Demir, der Fotografin, für ihn ausreichend ist? "Das einzige, was ich tun konnte, war, seinem Schrei – dem Schrei seines am Boden liegenden Körpers – Gehör zu verschaffen", sagt sie (STOL hat berichtet).

Davon wiederum hängt es für Alexander Schiebel ab, ob die Veröffentlichung eines solchen Bildes überhaupt gerechtfertigt werden kann, oder nicht. Schiebel ist österreichischer Medienkenner, lebt und arbeitet seit 2013 in Südtirol. "Wenn die Geschichte so liegt, dass es der Aufschrei eines einzelnen ist, aus der Entscheidung heraus: ,Das muss man zeigen', finde ich es nicht verwerflich, sondern sogar positiv", sagt der Meraner.  

Die Frage nach der Position der Betroffenheit

Sobald sich aber eine doppelte Motivation ergebe, etwa bei Medien, profitorientierten Unternehmen, sei die "Position der Betroffenheit" allein äußerst zweifelhaft, meint er gegenüber STOL. Die Medien würden immer hemmungsloser in ihrer Darstellung von Gewalt. Sie würden durch die Abstumpfung im Prinzip aber einen gegenteiligen Effekt erzeugen, als den des Aufrüttelns. 

Das wiederum sehen manche STOL-Leser anders. 

Augen und Herzen auf

"Soeben habe ich das Bild des toten syrischen Kindes auf Ihrer Homepage gesehen und wollte Ihnen zu dem mutigen Schritt gratulieren", schreibt etwa Barbara Seiwald via Mail.

Und weiter: "Es ist an der Zeit, den Menschen, uns (reichen) Europäern, das Leid, Elend und die Not jener vor Augen zu führen, welche sich in Lebensgefahr bringen um endlich ein lebenswertes Leben führen zu können. Leider erscheint es vielen unserer Mitbürger einfacher und bequemer die Augen zu verschließen und somit das Problem als nicht existent abzutun. 

Hinter jedem Schicksal steht ein Mensch und die Zeit ist reif, dass auch wir endlich Menschlichkeit und Brüderlichkeit an den Tag legen. Jeder von uns, denn wir können es uns leisten! Augen und Herzen auf."

Wir wollen den Tod nicht sehen!

"Ich kann über das Bild kaum etwas sagen, ohne dass mir die Tränen kommen", meldet sich Alexander Filipovic zu Wort. Er ist Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München und kommentiert, er würde das Bild nicht publizieren, "auch wenn das Foto die Flüchtlingskrise und das Versagen internationaler Politik symbolisiert, wie bisher kein anderes".

Doch stimmt das wirklich? 

Den wahren Grund, warum das Bild so erschüttert, sieht Medienkenner Alexander Schiebel etwa nicht ausschließlich im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise. "Es ist der tote, ruhende Körper. Wir wollen den Tod nicht sehen, ein Bild davon ist abstoßend und lässt und erschaudern", sagt er. Diese Phänomen trete auch unabhängig von dieser einen Geschichte auf. 

Was ist es also, das uns dieses eine Foto des toten Aylan sagen oder nützen kann?

Nicht publizieren, handeln tut Not

"Viel wichtiger als die Frage, ob das Bild in den Medien gezeigt wird, ist was (weltweit) getan wird, damit keine Kleinkinder ertrinken und solche Fotos nicht entstehen können", schließt Professor Alexander Filipovic. 

In diese Kerbe freilich schlagen viele Kommentatoren. 

"Es rührt mich zu Tränen, wohlwissend dass dies kein Einzelfall ist", schreibt Michael Wunderer der STOL-Redaktion. " Es macht mich unglaublich traurig diese Bilder zu sehen und zu erkennen, dass dies die traurige Realität der ganzen Flüchtlingsdramatik ist. Gleichzeitig macht es mich wütend, dass immer noch viel zu wenig unternommen wird um diesen armen flüchtigen Menschen zu helfen. Ich schäme mich als EU-Bürger, als Italiener/Südtiroler und als Person hier noch nichts unternommen zu haben um diesen flüchtigen Menschen zu helfen ..."

stol/ker

stol