Donnerstag, 10. Dezember 2020

Das Buch zum Winterhaus – „Wohnen ist ein Menschenrecht“

Das Blau des Buchdeckels erinnert an die Kälte, der obdach- und wohnungslose Menschen vor allem im Winter ausgesetzt sind, ein illustrierter Rucksack an ihre Lebensgeschichten. Im Inneren des 84 Seiten umfassenden Buches zum Winterhaus sind die Zeichnungen rötlich gehalten und sollen Wärme symbolisieren. Die Zeichnungen und 21 Geschichten erzählen von einem warmen Haus im kalten Winter.

Das Buch zum Winterhaus beinhaltet einen geschichtlichen Abriss, 21 persönliche Geschichten von Freiwilligen und 24 Illustrationen von Iman Joy El Shami aus Meran.
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Das Buch zum Winterhaus beinhaltet einen geschichtlichen Abriss, 21 persönliche Geschichten von Freiwilligen und 24 Illustrationen von Iman Joy El Shami aus Meran.
Genau vor einem Jahr, am 10. Dezember 2019, hat das Bozner Winterhaus seine Tür geöffnet: ein Haus für 53 Menschen ohne Dach über dem Kopf, ein Haus für Männer, Frauen und Kinder. Der Unternehmer Heiner Oberrauch hat das 4-stöckige Gebäude im Bozner Stadtzentrum 5 Monate lang kostenlos zur Verfügung gestellt und die Betriebskosten getragen. 96 Freiwillige haben das Obdachlosenhaus in Eigenregie und ohne Unterstützung von öffentlicher Seite geführt.

7000 Nächtigungen wurden gezählt. 4 Freiwillige haben die Erfahrungen aus dem Winterhaus jetzt gesammelt und in einem Buch gebündelt, Sponsoren haben die Grafik- und Druckkosten übernommen. Der Gesamterlös aus dem Vertrieb geht an das Projekt Dorea, einem Projekt für obdachlose Frauen in Bozen. Das Buch ist ab sofort in den Südtiroler Weltläden und per Post, ab Jänner bei den zebra.Verkäufern erhältlich.




Obwohl die Corona-Pandemie die Menschheit weiterhin fest im Griff hält, die Temperaturen seit Wochen unter Null gehen und in den vergangenen Tagen viel Regen und teilweise Schnee gefallen ist, müssen derzeit in Bozen zwischen 100 und 120 Menschen im Freien schlafen und frieren: nicht vorstellbar für Menschen, die in ihren Wohnungen nach Bedarf Öfen und Heizkörper anmachen und jederzeit duschen können.

Das Bozner Winterhaus sollte im vergangenen Jahr als Beispiel dienen und aufzeigen, was möglich ist, wenn Menschen über ihre Schatten springen und Vorurteile überwinden, wenn Solidarität über Egoismus gestellt wird. Das Engagement der Südtiroler Zivilgesellschaft sollte ein Weckruf für die politischen Verantwortungsträger sein und aufzeigen, dass die Situation von wohnungs- und obdachlosen Menschen nicht einfach stillschweigend hingenommen wird, dass in Südtirol niemand frieren oder gar erfrieren darf.

Zugespitzte Situation in Bozen

Das Comini-Gebäude in Bozen Süd für rund 90 obdachlose Menschen reicht bei Weitem nicht aus, um den Bedarf wohnungs- und obdachloser Menschen in Bozen zu decken. Nach den regen- und schneereichen vergangenen Tagen hat die Landesregierung am Montag entschieden, in der Messe Bozen eine Winternotschlafstelle zu eröffnen. Die Messe Bozen war nach Schließung des Winterhauses Ende April als Folge-Notunterkunft bereits 3 Monate lang für obdachlose Menschen geöffnet gewesen. Aufgrund mangelnder Container verzögert sich jetzt die erneute Öffnung der Messe Bozen als Notunterkunft allerdings wieder. Das Alimarket-Gebäude soll übergangsweise aufgemacht werden. Wann das genau sein wird, ist unklar.

Es braucht endlich ein nachhaltiges Konzept für die Gemeinde Bozen und darüber hinaus, um das Problem der Wohnungs- und Obdachlosigkeit langfristig in den Griff zu bekommen, fordern die Herausgeber des Buches zum Winterhaus Caroline von Hohenbühel, Maria Lobis, Marion Maier und Rudolf Nocker. Vor allem kleinstrukturierte Wohneinheiten seien notwendig und „Housing First“ ein nachahmenswertes Konzept. Die Macher des Winterbuches haben nicht nur 21 Erzählungen gesammelt und die 5-monatige Tätigkeit im Winterhaus erzählt. Sie haben auch ein Interview mit der aus Tisens stammenden Daniela Unterholzner geführt. Diese ist seit 2017 Geschäftsführerin der Wiener Sozialorganisation neunerhaus.

„Es ist an der Zeit, einen sachlichen politischen Diskurs zu führen“

Dabei handelt es sich um eine Einrichtung, die obdachlosen und armutsgefährdeten Menschen ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben ermöglicht. Die Menschen bekommen dort zuerst eine Wohnung, danach kommt der Rest. Die Wiener Sozialorganisation verfügt unter anderem über 3 Wohnhäuser, 300 Wohnungen, ein Gesundheitszentrum, über tierärztliche Versorgung und ein Café. Das Winterhaus, schreibt Daniela Unterholzner im Buch, erinnere sie sehr an die Anfänge des wiener neunerhaus.

„Das Engagement der vielen Freiwilligen in Bozen war großartig und bewundernswert“, erklärt sie. Es habe aber auch die systemischen Lücken aufgezeigt. In Südtirol sei es dringend an der Zeit, einen sachlichen und differenzierten politischen Diskurs zu führen, wie dieses Engagement weitergeführt und professionalisiert werden könne. „Es ist ein Irrglaube, dass Menschen in Krisen sich in Luft auflösen, wenn man ihnen keine Hilfe anbietet“, sagt Daniela Unterholzner und betont, dass Wohnen ein Menschenrecht sei.

Menschen haben ein Recht auf Wohnen

Dieses Menschenrecht kommt in Bozen zu kurz. Es braucht dringend Wohnraum und Schlafplätze, um die Situation auf öffentlichen Plätzen und im Bahnhofspark zu entschärfen, sagen die knapp 100 Freiwilligen des Winterhauses: Wer friert, nutze alle Mittel, um warm zu bekommen. Dazu gehörten häufig auch Alkohol und andere Drogen, was wiederum zu Beschaffungskleinkriminalität führe. Wenn die Menschen nachts einen warmen Schlafplatz haben, wird sich auch die Situation im Bahnhofspark in Bozen beruhigen, sind die Freiwilligen überzeugt. Obwohl den Betreibern des Winterhauses im vergangenen Jahr viel Negatives prophezeit wurde, gab es keine Fälle von Gewalt oder Diebstahl in der Einrichtung in der Bozner Carducci-Straße mit den mehr als 50 wohnungslosen Menschen.

Nicht nur die Wohnsituation hat sich seit dem Herbst verschärft, auch die „Tankstelle der menschlichen Wärme“ am Bozner Verdiplatz darf nicht mehr geöffnet werden. Freiwillige des VinziBus und Mitarbeitende des Vereins Volontarius haben dort bis zum Lockdown im März jeden Abend eine warme Suppe, Brot, Joghurt, Äpfel und Getränke an wohnungs- und obdachlose Menschen verteilt. Die bedürftigen Menschen konnten sich hinsetzen, der Raum war warm, die Freiwilligen waren für sie da.

Seit der corona-bedingten Schließung und Entscheidung der Gemeinde Bozen, die Räumlichkeit nicht mehr zu öffnen, bekommen wohnungs- und obdachlose Menschen mittags an 3 mobilen Standorten in der Landeshauptstadt ein Essenssäckchen verteilt. Dieses beinhaltet eine Aluminiumbox mit einer warmen Vorspeise, Brot, Joghurt, dazu einen Apfel oder eine Süßspeise. Die Menschen können sich jetzt nirgends mehr hinsetzen, um zu essen oder sich zu wärmen und mit jemandem zu reden. Das frühere abendliche Angebot mit heißer Suppe und warmem Sitzplatz ist gänzlich weggefallen.

Prekäre Schlafplätze

Bis die Bozner Messe öffnet, schlafen die rund 120 wohnungs- und obdachlosen Menschen in Bozen weiterhin unter Brücken, im weitläufigen Bahnhofsgelände, haben Zelte am Ufer von Eisack und Talfer befestigt, suchen Schutz unter der Autobahnüberfahrt und in verlassenen Gebäuden. Sie nutzen Karton und Matten als Unterlagen und können im besseren Fall in einen dichten Schlafsack schlüpfen. Feuchtigkeit in Verbindung mit Kälte macht die Situation gefährlich und die Menschen krank. 95 Prozent der wohnungs- und obdachlosen Menschen in Bozen sind Männer.

Ein großer Teil der wohnungslosen Menschen sind Einwanderer und Flüchtlinge, die coronabedingt ihre Arbeit verloren haben oder im Asylverfahren sind. Sie bräuchten bezahlbaren Wohnraum und könnten mit einer Arbeit die nach unten führende Spirale bald wieder verlassen. Die meisten von ihnen sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Der größte Teil der langfristig obdachlosen Menschen hingegen sind männliche Südtiroler, die aufgrund von Krankheit, Trennung, Scheidung, Sucht und anderen Lebenseinschnitten den Boden unter den Füßen und das Dach über dem Kopf verloren haben.

„Es kann jede und jeden treffen“

„Es kann jede und jeden treffen“, sagen Caroline von Hohenbühel, Maria Lobis, Marion Maier und Rudolf Nocker. Das Bozner Projekt Winterhaus, schreiben die Herausgeber in ihrem Buch, habe Hoffnung gemacht und Mut geschenkt. Es sei ein Beleg dafür, dass unternehmerische Verantwortung, verbunden mit freiwilligem Engagement, und eigenverantwortliches Handeln, verbunden mit dem Vertrauen in das Gute im Menschen, Vorurteile überwinden und Unmögliches möglich machen können. Die Freiwilligen des Bozner Winterhauses fordern nachhaltige Lösungen, menschenwürdige Unterkünfte, eine Tagesstätte zum Aufwärmen, einen Aufbewahrungsort für Rucksäcke, Duschen und Toiletten, außerdem einen Ort im Stadtzentrum, wo mittags und abends warmes Essen verteilt werden kann.



Notlösungen, betonen sie, seien für die öffentliche Hand immer teurer als nachhaltige und langfristig angelegte Projekte. Die Unterbringung von Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, bringe keine Wählerstimmen, sind sie sich bewusst. Paul Tschigg hat das Bozner Winterhaus im Kernteam mit viel Einsatz begleitet: „Auf Kosten von ausgegrenzten Menschen darf es kein Ping-Pong-Spiel zwischen Gemeinde Bozen und Land Südtirol geben“, sagt er. Ein menschenwürdiger Umgang mit wohnungs- und obdachlosen Menschen gehöre zu einer modernen und reichen Stadt wie Bozen dazu, fordern er und die Macher des Buches die politisch Verantwortlichen zum Handeln auf. Es dürfe bei Ausschreibungen nicht nur um Geld gehen, sondern vor allem um Qualität, betonen sie. Letztlich gehe es um Menschen, die genauso Würde und Rechte hätten wie alle anderen.

Die fast 100 Freiwilligen des Winterhauses sind weiterhin bereit, sich einzubringen, allerdings in einem offenen und auf Augenhöhe basierenden Austausch mit der Politik und in abgestimmter Zusammenarbeit mit Fachkräften.

Die Unterstützer und der Spendenzweck

Das Buch zum Winterhaus umfasst 84 Seiten, beinhaltet einen geschichtlichen Abriss, 21 persönliche Geschichten von Freiwilligen und 24 Illustrationen von Iman Joy El Shami aus Meran. Die junge Illustratorin hat auf Anfrage der Buchgestalter sofort zugesagt und die Zeichnungen innerhalb weniger Tage angefertigt. Die Grafik stammt von Alias Idee und Form aus Vahrn. Dass der Gesamterlös aus dem Buchvertrieb zur Gänze dem Frauenprojekt Dorea zugute kommen kann, hat mit großzügigen Sponsoren zu tun.

Dazu gehört in erster Linie die Raika Ritten, die die Druckkosten des Projektes übernommen hat, außerdem die Delegation Bozen des Malteserordens, Pichler Pojects GmbH aus Bozen, die Evangelisch-Lutherische Kirche Italiens und ma.ma promotion aus Neumarkt. Das Projekt Dorea, dem der gesamte Erlös aus dem Buch zugute kommt, ist ein Folgeprojekt des Winterhauses. Caroline von Hohenbühel und Paul Tschigg, die sich beim Winterhaus federführend eingebracht haben, begleiten seit Frühjahr 2020 im Grieser Zeilerhof (des Unternehmers Hellmut Frasnelli) obdachlos gewordene Frauen in 2 Wohneinheiten.

Wo die Bücher erhältlich sind

Die neuen Bücher zum Winterhaus sind ab sofort in den Südtiroler Weltläden (Bozen, Meran, Lana, Latsch, Neumarkt, Klausen, Kastelruth, Gröden, Brixen, Sterzing, Bruneck, Sand in Taufers, Toblach) und bei der Gärtnerei Schullian gegen eine Spende von 10 Euro erhältlich. Die Weltläden und die Gärtnerei Schullian geben die eingehenden Spenden zu 100 Prozent an das Projekt Dorea weiter. Ab 11. Jänner 2021 bringen außerdem die zebra.Verkäufer der OEW das Buch zum Winterhaus auf Südtirols Straßen. Die Verkäufer können 5 Euro, also die Hälfte der Spende, für sich behalten. Die Bücher zum Winterhaus können auch per Mail an [email protected] angefordert werden. Sie werden dann zuzüglich der Postgebühren zugeschickt.

Raika Ritten ist Hauptsponsor des Buches zum Bozner Winterhaus
Peter Göller ist Obmann der Raika Ritten und beschreibt das Engagement seiner Bank wie folgt: „Das Rad der Zeit dreht sich immer schneller, dabei kommen Menschen unter Druck. Das zeigt unter anderem die Corona-Pandemie. Als Raika Ritten setzen wir uns seit nunmehr fast 130 Jahren für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung ein. Wir arbeiten transparent und geben den Menschen Rückhalt. Auch in Zeiten des Umbruchs sorgen wir für Stabilität und Werterhalt. Das Projekt des Buches zum Winterhaus haben wir gerne unterstützt. Solche Sensibilisierungsarbeit ist mit viel Einsatz und Zeit verbunden und Wohnungs- und Obdachlosigkeit auch in Südtirol ein Problem, das langfristige Lösungen braucht.“

stol