Susanne Peter ist die Leiterin der Streetworker für das Kältetelefon der Caritas in Wien. „Wenn Sie den Schlafplatz eines obdachlosen Menschen bemerken und rasch und unkompliziert helfen möchten, rufen Sie uns bitte auf dem Kältetelefon an“, heißt es auf der Webseite zum Projekt. Und die Menschen nutzen diese Möglichkeit: „Wir hatten im November knapp 2000 Anfragen. Im Dezember waren es bisher 1200“, berichtet Susanne Peter.<BR /><BR />In Südtirol gibt es noch kein solches Angebot. <a href="https://www.stol.it/artikel/politik/eine-nummer-fuer-den-kaeltenotfall-wien-zeigt-wie-es-geht" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">(STOL hat berichtet.)</a><BR /><BR />Das Kältetelefon ist eine niederschwellige Möglichkeit, Menschen zu benachrichtigen, die Obdachlosen helfen können. „Das Telefon ist rund um die Uhr besetzt“, erklärt Peter. Macht ein Passant eine Meldung, wird ein Netzwerk verschiedenster Organisationen aktiviert: „Wir schauen jede Anfrage an und stellen den Kontakt zu den Teams her, die unterwegs sind.“ <BR /><BR /><embed id="dtext86-57380363_quote" /><BR /><BR />Oft komme es vor, dass mehrere Meldungen zur selben Person einträfen. „Gestern etwa ist eine Dame, die sich sehr zentral aufgehalten hat, 20-mal gemeldet worden. Das ist aber ein gutes Zeichen. Wir behandeln jede Anfrage, als ob sie neu wäre: Denn es könnte der Person auch plötzlich schlechter gehen. Gehen während des Tages solche Meldungen ein, vermerkt ein Mitarbeiter die Positionen für die abendliche Runde der Sozialarbeiter: Wir differenzieren auch nach Dringlichkeit. Wenn jemand in einem Zelt wohnt, ist das nicht so dringend, wie der Fall von jemandem, der schlecht ausgerüstet auf einer Parkbank schläft“, erklärt Peter.<h3> Von 2000 Anfragen an das Kältetelefon sind 50 ein Fall für den Notruf</h3>Handelt es sich um einen akuten Notfall – „zum Beispiel, wenn der Mensch in einer unnatürlichen Position liegt, nicht ansprechbar ist und schlecht ausgerüstet“ – verweisen die Telefon-Mitarbeiter gleich an den Rettungsdienst. „Wir sind keine Blaulichtorganisation“, stellt Peter klar. Auch nicht-obdachlose Menschen würden manchmal gemeldet: „Wenn jemand betrunken in der Kälte sitzt – das sind Fälle für den Notruf.“ Von den 2000 Anfragen im November sei in 50 Fällen der Notruf zu setzen gewesen. „Wir selber haben 6-mal die Rettung geholt“, sagt Peter.<BR /><BR /><embed id="dtext86-57380362_quote" /><BR /><BR />Mit dem so genannten Kältebus machen sich die Sozialarbeiter der Caritas in einem oder 2 Teams abends auf den Weg – abgestimmt mit Sozialarbeitern anderer Organisationen: „Wir können die Personen dann in ein Notquartier mitnehmen, wenn sie wollen, oder sie auch vor Ort ausrüsten“, sagt Peter. Das Leben auf der Straße ist ein schwieriges und vielfältig sind die Gründe, die Menschen dorthin gebracht haben. „Es gibt Menschen, die Notquartiersplätze ablehnen. Diese versorgen wir mit Isomatten und Winterschlafsäcken, die bis minus 24 Grad warm halten, mit Tee, Suppe, Süßigkeiten und Winterkleidung. Wenn die Personen satt sind und ihnen wärmer ist, fahren sie manchmal doch eher mit ins Notquartier“, weiß Peter. „Wer hungert und friert, hat kein Interesse an Gesprächen mit Fremden – auch, wenn diese es gut meinen.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="843143_image" /></div> <BR /><BR />Sozialarbeiter seien auch nicht durch Rettungskräfte zu ersetzen: „Wenn jemand im Schlafsack auf der Isomatte liegt, kann die Rettung wenig tun: Die Sanitäter können ihn nur wecken und sich vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Aber wenn ich eine Person wecke, die sich zum Schlafen niedergelegt hat und nicht in Gefahr ist, wird sie nur grantig. Auch obdachlose Menschen legen Wert auf ihren privaten Raum“, erklärt Peter.<h3> Die meisten Anrufer sind Passanten: Mehr als 7000 im Vorjahr</h3>In den 10 Jahren, seitdem es das Kältetelefon gibt, hat sich viel getan. Die Anfänge seien bescheiden gewesen, erinnert sich Susanne Peter, 800 Anrufe in 6 Monaten gab es damals, und nur wenige Streetworker. „Von Jahr zu Jahr ist es mehr geworden. Wir haben mehr Mitarbeiter angestellt. 2017 ist die Zahl der Anfragen dann explodiert – auf 8000 Anrufe pro Winter“, erzählt sie. „Gestern waren 3 Mitarbeiter im Einsatz, die Telefonate entgegengenommen haben – 200 waren es allein an dem Tag.“ Aber Peter betont: „Es braucht Sozialarbeiter, die auf die Straße gehen, und es braucht Notquartiersplätze oder Ausrüstung, sodass Klienten auf der Straße überleben können.“ 90 Freiwillige machen in Wien den Telefondienst, und 12 Sozialarbeiter sind auf der Straße unterwegs – „allerdings nicht Vollzeitkräfte“, wie Peter betont.<h3> Schlafplätze in versteckten Ecken entdecken</h3>Spaziergänger, Leute, die ihren Hund ausführen – Meldungen ans Kältetelefon kommen meistens von Passanten, 7200 waren es im letzten Jahr: „Es ist immer wieder spannend, an welchen Orten die Leute Verschläge finden. Einmal etwa hat ein Mann, der mit seinem Hund in einem Waldgebiet bei Wien unterwegs war, Fußspuren im Schnee gesehen. In der Annahme, das sei ein neuer Weg, ist er den Spuren gefolgt. So hat er eine Frau gefunden, die dort campierte. Er hat uns alarmiert, sich mit uns getroffen und uns zum genauen Platz geführt.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="843146_image" /></div> <BR /><BR /> Immer wieder würden so auch sehr versteckte Orte entdeckt: „Erst kürzlich haben wir uns große Sorgen um einen dementen Klienten gemacht, der die Unterkunft verlassen hatte. Ein Passant hat ihn gefunden. Er hat jetzt einen Platz im Krankenhaus – auf der Straße wäre es zu gefährlich für ihn“, erzählt Peter.<BR /><BR />Über das Kältetelefon könnten Mitarbeiter auch Notbetten organisieren: „Die Nachfrage danach hat zugenommen. Auch die Polizei fragt manchmal für jemanden bei uns um ein solches an. Wir organisieren es dann; die Person muss allerdings selbst dorthin gehen. Voriges Jahr haben wir 400 Klienten in ein Notquartier gebracht.“<BR /><BR /> Gänzlich verhindern könne man nicht, dass Menschen auf der Straße erfrieren. „Man kann versuchen alles zu machen, um es zu verhindern. Aber wenn jemand kein Kälteempfinden hat, und er seinen winterfesten Schlafsack öffnet... Soweit wir wissen, ist im letzten Jahr in Wien jedenfalls niemand erfroren.“<BR /><BR /> <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/allein-gelassen-in-toedlicher-kaelte#:~:text=Ein%2020%2Dj%C3%A4hriger%20Obdachloser%20erfriert,aber%20nicht%20unerwartet%20gekommen%20ist.&text=Der%2020%2Dj%C3%A4hrige%20Mann%20aus%20%C3%84gypten%20war%20obdachlos." target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Der Fall des 20-jährigen Obdachlosen, der am vergangenen Freitag beim Bahnhof nahe der Messe in der Bozner Industriezone erfroren ist, hat in Südtirol eine Diskussion darüber ausgelöst, wie solche Fälle in Zukunft zu vermeiden sind.</a><BR /><BR /><BR />