Dienstag, 20. Oktober 2020

Der neue Herr über Wälder und Almen

Der studierte Forstwirt Günther Unterthiner ist seit gut einem Monat neuer Direktor der Abteilung Forstwirtschaft.

Günther Unterthiner ist „Herr über Wälder und Almen“.
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Günther Unterthiner ist „Herr über Wälder und Almen“.
Er ist der neue Herr des Waldes und der Almen im Land. Seit gut einem Monat ist Günther Unterthiner Direktor der Abteilung Forstwirtschaft. Im Interview erklärt der studierte Forstwirt, wie er Südtirols Forstwirtschaft auf Touren, Wolf, Bär und Almwirtschaft auf einen Nenner bringen will und warum er sich keine Sorgen um Südtirols letzthin arg gebeutelte Wälder macht.

„Dolomiten“: Wie steht es um den Wald in Südtirol?

Günther Unterthiner: Aufgrund der Ereignisse der letzten beiden Jahre mit „Vaia“ und Schneedruck ist er etwas gebeutelt. Wir sind dabei, die Folgen aufzuarbeiten. Dabei gilt es vor allem, die Entwicklung des Borkenkäfers zu beobachten, der uns Sorgen bereitet. Aber auch zu schauen, wo die Schutzwirkung des Waldes betroffen ist, Maßnahmen zu setzen.

„D“: Der Wald ist ja auch immer mehr Naherholungsort...

Unterthiner: Ja, die Forstbehörde hat beide Seiten zu berücksichtigen – Besitzer und Nutzer. Es ist erfreulich, dass der Mensch den Wald als Ort der Erholung aufsucht. Allerdings verschieben sich immer mehr Spaßevents und Sportarten in den ländlichen Raum. Hier brauchen wir unbedingt Lenkungsmaßnahmen, um beides in Einklang zu bringen. Der Wald wird vielfach als öffentliches Gut gesehen. Aber jeder Wald hat auch einen Eigentümer. In Südtirol sind 3 Viertel des Waldes in Privatbesitz.

„D“: Und die Besitzer wollen den Wald wirtschaftlich nutzen?

Unterthiner: Die Waldwirtschaft in Südtirol ist eine Riesenherausforderung. Kleinstrukturiertheit und die Steilheit des Geländes sind eindeutig Standortnachteile. Forstwirtschaftlich sind wir da sicher nicht so gut aufgestellt, um das ganze Potenzial auszuschöpfen.

„D“: Steilheit und Besitzverhältnisse lassen sich nicht ändern. Wie sieht Ihre Lösung dafür aus?

Unterthiner: Wir müssen bei der Organisation nachbessern, für jene Waldbesitzer, die mit der Forstwirtschaft nichts am Hut haben, ein Angebot schaffen. Beim Südtiroler Maschinenring gab es dafür eine Grundidee. Aber die Forstwirtschaft spielt in Südtirol meist nur die 3., 4. oder gar keine Rolle. Ziel muss sein, zu vermitteln, dass auch der Wald wirtschaftlich genutzt werden kann.

„D“: Stichwort Klimawandel: Wie fit sind Südtirols Wälder?

Unterthiner: Die Waldpflege ist eine der wichtigsten Maßnahmen, um einen klimafitten Wald zu bekommen. Wenn ich nichts tue, überaltert er, wird zu dicht. Das alles führt zur Verminderung der Resilienz. Über Pflegemaßnahmen kann der Prozess beschleunigt werden, dass neue Baumarten einwandern.

„D“: Zurück zu Wald und Almen als Freizeitraum …

Unterthiner: Dafür müssen wir sicher Lösungen finden. Es gibt bereits jetzt die Möglichkeit, etwa Wanderwege für Radfahrer zu sperren. Unbedingt geschaffen werden müssen Ruhezonen für das Wild, und zwar durch die Lenkung der Besucher. Für Tourengeher haben wir einzelne solcher Projekte, aber im Vergleich zu Nordtirol stehen wir da erst am Anfang. Durch die in den allermeisten Orten gestresste Situation richtet das Wild Schäden am Wald an.

„D“: Will heißen, die Abschüsse von Rot- und Rehwild allein reichen nicht aus?

Unterthiner: Den Wildbestand nicht zu hoch zu halten, ist nur eine der Voraussetzungen. Ruhezonen ist die andere, um die Schäden am Wald etwa durch Verbiss in Grenzen zu halten.

„D“: Wenn wir von Abschuss reden: Wie steht es beim Großraubwild?


Unterthiner: Bei Wolf und Bär sind Verwaltung und Politik gefordert, ein Management zu schaffen. Gleichzeitig müssen aber auch bei der Almbewirtschaftung Maßnahmen gesetzt werden. Wir brauchen sicher beides, denn raubtierfrei bekommen wir das Land sicher nicht.

„D“: Herdenschutz wird aber nach wie vor mehrheitlich abgelehnt.


Unterthiner: Die Rahmenbedingungen auf unseren Almen sind nicht mehr wie vor 10 oder 15 Jahren. An manchen Orten wurde das Vieh sich selbst überlassen. Diese Methode ist nicht mehr zeitgemäß. Künftig kommt dem Hirten eine wesentliche Rolle zu. Da kann der Hirte nicht gleichzeitig auf der Alm Wirt sein. Fairerweise muss man sagen, dass Herdenschutz sicher nicht überall möglich sein wird. Und auch die kleinen Almen mit wenigen Stück Vieh werden ein Knackpunkt.

„D“: Die Rückkehr des Wolfes war doch absehbar. Hat Südtirol hier die Entwicklung verschlafen?

Unterthiner: Rückblickend kann man sagen, man hätte früher reagieren sollen. Aber die Bereitschaft, etwas zu ändern, ist meist schwierig. Und dann kommt oft ein Punkt, an dem man von Ereignissen überrollt wird. Sicher ist, dass die nächsten 10 Jahre für die Almwirtschaft entscheidend sein werden. Wenn es nicht gelingt, bei Großraubwild-Management und Almbewirtschaftung die nötigen Änderungen in die Wege zu leiten, schaut die Zukunft düster aus. Aber ich bin zuversichtlich, dass das gelingt.

„D“: Und wo sehen Sie Ihre Abteilung im Jahr 2030?

Unterthiner: Wir spielen eine wichtige Rolle im ländlichen Raum, sind sozusagen die peripherste Einrichtung von Landesverwaltung und Politik. Wir müssen die Rahmenbedingungen schaffen, dass die Entwicklung weitergeht, müssen Entwicklung zulassen, aber immer im Rahmen, den die Politik vorgibt.

„D“: Dabei werden die Forstbeamten bereits jetzt als reines Kontrollorgan wahrgenommen.

Unterthiner: Mag sein, dass wir oft rein auf die Pilzkontrollen reduziert werden. Klar sind Aufsicht und Kontrolle Aufgaben der Forstbehörde. Strafen ausstellen ist natürlich nicht angenehm, und es ist auch nicht die ureigenste Aufgabe eines Försters, etwa während des Lockdowns, Wanderer nach Hause zu schicken. Aber gerade in Sachen Bauen im alpinen Grün obliegt uns da eine wichtige Kontrollfunktion im öffentlichen Interesse. Aber noch einmal: Ich sehe unsere Aufgabe als Vermittler zwischen den Interessensgruppen.

„D“: Und wie sehen Sie die Zukunft des Südtiroler Waldes?


Unterthiner: Von der habe ich eine sehr positive Vorstellung. Der Wald hat nämlich eine hohe Selbstregulierung. Wie und was immer der Mensch auch tut, der Wald meistert jede Situation.

Interview: Michael Eschgfäller

em

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