Mittwoch, 04. Oktober 2017

Der Wolf in Südtirol: Daten, Fakten und Gesetze

Über ein Jahrhundert nachdem der Wolf in Südtirol ausgerottet wurde, sorgen gerissene Schafe und Rinder für einen Aufschrei, Bauern gehen auf die Barrikaden, veranstalten Protestmärsche. Doch was ist Sache und was gilt es zu tun? In einem kurzen Dossier gibt der Geograf und Wildtierexperte Filippo Favilli, Forscher von Eurac Research, einen Überblick über Daten, Fakten und Gesetze.

Reaktionen auf den Wolf in Südtirol: gesichtet auf der Seiser Alm. - Foto. Tobias Baumgartner
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Reaktionen auf den Wolf in Südtirol: gesichtet auf der Seiser Alm. - Foto. Tobias Baumgartner

Der letzte Wolf in Südtirol wurde 1896 in Villnöß getötet. Heute wäre das strafbar - und nicht zu knapp. Die italienische Regelungen über den Schutz warmblütiger wildlebender Tiere und die Jagd sieht für Personen, die einen Wolf töten, bis zu 3000 Euro Geldstrafe und eine Haftstrafe von bis zu sechs Monaten vor.

In Südtirol noch keine sesshaften Tiere

Doch was tun? Schließlich sind die Wölfe wieder zurück. Anfang Februar 2017 hat eine Kamera im Gadertal zwei Exemplare abgelichtet. Spuren wurden auch in Toblach gefunden. Das Amt für Jagd und Fischerei der Autonomen Provinz Bozen hat diese Meldungen in seinem Jahresbericht über die Wildfauna aufgenommen.

Aufgrund des sporadischen Auftretens ist es derzeit nicht möglich, die Zahl der Wölfe, die sich in Südtirol aufhalten, zu schätzen. Man vermutet, dass die Wölfe das Südtiroler Territorium durchwandern und dann weiterziehen. 

Das Trentino hat genaue Zahlen: 15 Exemplare

Für das benachbarte Trentino hingegen liegen Daten vor: Dort führt die Landesbehörde seit 2010 eine gezielte Überwachung durch, die auch genetische Untersuchungen vorsieht. Ein jährlich erscheinender, detaillierter Bericht gibt an, dass im Jahr 2016 im Trentino insgesamt 15 Exemplare gezählt wurden.

Die Wölfe, die in Südtirol gesichtet wurden, kommen aus dem Süden (Trentino und Venetien) und aus dem Osten (Slowenien). 

Kein Angriff auf Menschen - Schäden bis 3000 Euro

Wölfe sind für den Menschen im Wesentlichen ungefährlich. In den letzten 150 Jahren konnte in Italien kein Angriff auf Menschen vermeldet werden. Dennoch hat die spontane Rückkehr des Wolfes und seine ökologischen Bedürfnisse zu Konflikten geführt.
Die von Wölfen verursachten Schäden im Land sind im Vergleich zu den Schäden, die von anderen Tiere verursacht werden, sowohl zahlen- als auch wertmäßig gering. 2016 wurden für 17 getötete Schafe und 1 getötete Ziege 3000 Euro ausgezahlt. 

Dennoch: Bauern fürchten um ihre Tiere, stellen die Bewirtschaftung der Almen in Frage, organisieren Mahnfeuer (STOL hat berichtet) und Protestmärsche (STOL hat berichtet), fordern die Politik zum Handeln auf, um nicht selbst Hand anlegen zu müssen - was ja strafbar ist. 

Was geschieht in anderen Ländern?

Doch was tun? Mit den Wölfen zusammenzuleben und sie – wenn auch selektiv – töten?

Dies ist die Vorgehensweise in der Schweiz, wo die Kantone für den Fall, dass einzelne Wölfe beträchtliche Schäden anrichten, eine außerordentliche Genehmigung für die Tötung erteilen können. Österreich verhandelt derzeit mit der Europäischen Union über eine Ausnahmeregelung für die Jagd. In Rumänien gestaltet sich die Situation ein wenig anders. Dort sind die Zoologen der Karpaten bereit, einige Exemplare zu opfern, ohne jedoch die zahlreiche Population einem Risiko auszusetzen.

Wieder anders hat hingegen Deutschland entschieden: Nachdem die Daten über die von Wölfen verursachten Schäden veröffentlich wurden – in fast 20 Jahren weniger als 500.000 Euro im Vergleich zu den über 60 Millionen, die allein 2015 für die Beseitigung von Schäden durch Marder aufgewendet wurden – hat der Umweltminister die Strategien für die Verbreitung von Präventionsmaßnahmen intensiviert. In erster Linie handelt es sich um Elektrozäune für Herden, Hütehunde, Tonfrequenzabwehrgeräte und Köder für die chemische Kastration von Wölfen.

Welche Alternativen gibt es in Südtirol?

Auch wenn die Wölfe in Südtirol derzeit nur „auf Durchreise sind“, stufen Fachleute ihren Vormarsch als unaufhaltsam ein. Angesichts einer in Zukunft möglichen höheren Präsenz der Wölfe sind verschiedene Optionen denkbar:

Option 1: Selektive Tötungen bis zum Erreichen einer jährlich festgelegten Zahl
Option 2: Keine Maßnahmen
Option 3: Keine Tötung. Statt dessen Eindämmungen und nicht tödliche Präventionsmaßnahmen sowie Entschädigungen. Beispielsweise Elektrozäune, Hütehunde, Unterführungen oder Grünbrücken, Abwehrmittel und Sterilisierung der Wölfe durch Köder

Die Provinz hat angekündigt, beim Umweltministerium eine Ermächtigung beantragen zu wollen, um im Bedarfsfall mit gezielten Entnahmen – sprich Einfangen oder Töten – vorgehen zu dürfen. Allerdings obliegt die Zuständigkeit betreffend Wildfauna jedoch dem Staat. Der Handlungsspielraum der Provinz ist daher gegenwärtig äußerst klein. 

stol/ker

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Anlage: Das Dossier in deutscher Sprache:

Wolf-Dossier.pdf 146,68 kB

stol