<b>Von Doris Ebner</b><BR /><BR /><b>STOL: Die Lebenshaltungskosten steigen ständig, immer mehr Menschen müssen ihre Ausgaben auf den Cent genau berechnen. Wie schlägt sich dies auf die Anfragen um Hilfestellungen in der Vinzenzgemeinschaft nieder?</b><BR />Josef Haspinger: Die Anfragen nehmen laufend zu. Manche Menschen sitzen noch auf den Restschulden der Covid-Zeit, aber auch die täglich anfallenden Kosten sind für viele nicht mehr zu stemmen. Die Löhne bleiben schon seit Jahren konstant, während alles andere teurer wird. Dadurch schlittern immer mehr Bürger in die Armut – und hierbei handelt es sich zu einem großen Teil auch um Einheimische, die dann nach Hilfestellungen suchen. <BR /><BR /><b>STOL: Wie versuchen Sie diese konkret zu unterstützen? <BR /></b>Haspinger: Im ersten Moment suchen wir das Gespräch mit den Betroffenen. Die Zuständigen in den einzelnen Konferenzen machen sich ein Bild von den Lebensumständen der Menschen und ermitteln, wo Bedarf besteht. Anschließend wird darüber entschieden, in welcher Form wir einen Beitrag leisten können. Die Spannbreite reicht dabei von Beiträgen auf finanzieller Ebene über die regelmäßige Ausgabe von Lebensmitteln bis hin zur Bereitstellung von Kleidern, Duschen oder Waschmaschinen. Oftmals ist dies aber auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, denn unsere Ressourcen sind begrenzt. <BR /><BR /><embed id="dtext86-59022117_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Inwiefern?<BR /></b>Haspinger: Um helfen zu können, sind wir auf Spenden angewiesen, sowohl was das Geld als auch was die Waren betrifft. Deshalb sind wir froh um alles, was uns zur Verfügung gestellt wird. In einigen Fällen sind es hohe Summen an Geld, manchmal sind es jedoch auch ganz kleine Beträge, die Menschen extra sparen, um einen Beitrag leisten zu können. Andererseits sehen wir aber immer wieder, dass das, was wir bekommen, nicht ausreicht. Die Regale in den Lebensmittelausgaben sind keineswegs voll, sodass für die Einzelnen oft nur wenig übrig bleibt. Die Menschen in Not damit dann wieder nach Hause schicken zu müssen, ist nicht einfach. <BR /><BR /><b>STOL: In diesem Zusammenhang kommt es sicherlich manchmal zu Konflikten...<BR /></b>Haspinger: Ja, unsere freiwilligen Helfer werden mit unterschiedlichen Situationen und Reaktionen konfrontiert. Das Leid der Hilfesuchenden mit ansehen zu müssen und nicht in ausreichendem Maße Unterstützung gewähren zu können, ist frustrierend. Gleichzeitig gibt es aber auch Menschen, die unsere Bereitschaft und unseren Dienst ausnutzen, den größtmöglichen Vorteil für sich herauspicken wollen und sehr unzufrieden und undankbar sind. Auch solche, die beispielsweise das ausgegebene Essen einfach wieder wegwerfen, sind keine Ausnahme. <BR /><BR /><embed id="dtext86-59025631_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Wie gelingt es, die freiwilligen Helfer angesichts solcher Vorkommnisse doch noch zu motivieren und zu halten?<BR /></b>Haspinger: Das ist in der Tat nicht immer ganz einfach. Viele unserer Leute sind zwar schon seit vielen Jahren dabei, die Freude und die Begeisterung gehen mit der Zeit aber oftmals verloren. In regelmäßigen Abständen finden Treffen statt, bei denen sich die Mitarbeiter austauschen und ihren Frust auch einmal aussprechen können. Bei einigen führt es so weit, dass sie ihren Dienst beenden und die Gemeinschaft verlassen. In den meisten Fällen unterstützt man sich aber gegenseitig. Die Helfer wissen, dass es im Leben immer wieder Situationen gibt, in denen wir an unsere Grenzen stoßen, und der Wille und die Bereitschaft, etwas Gutes zu tun, sind stärker als die Hürden. <BR /><BR /><b>STOL: Und Sie persönlich? Was treibt Sie an, jeden Tag wieder weiterzumachen?<BR /></b>Haspinger: Ich weiß, dass es vielen Menschen wirklich schlecht geht, und dass sie ohne Hilfe von außen nicht weiterkommen. Und für diese möchte ich mich einsetzen. Dass die Reaktionen darauf teils positiv, teils aber auch sehr negativ ausfallen, damit müssen wir alle, die wir in diesem Bereich tätig sind, leben. Auch das gehört zum Leben dazu. <BR /><BR /><embed id="dtext86-59025636_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Abgesehen von den bereits angesprochenen begrenzten Ressourcen: Was sind die größten Herausforderungen, denen Sie sich gemeinsam mit Ihren Mitarbeitern tagtäglich stellen müssen?<BR /></b>Haspinger: Eine davon ist zweifelsohne der Umgang mit Menschen, die im Laufe der Zeit und aufgrund diverser Umstände immer weiter in die Einsamkeit gerutscht sind und keinen Ausweg mehr sehen. Es sind solche, die niemanden zum Reden haben und manchmal auch gar nicht reden wollen. Sie zu erreichen ist schwierig – und das, obwohl sie offensichtlich Hilfe bräuchten. <BR /><BR /><b>STOL: Wie gehen Sie in solchen Fällen vor?<BR /></b>Haspinger: Die erste Voraussetzung ist, dass wir überhaupt erst auf die Probleme aufmerksam gemacht werden. Dies geschieht meist aufgrund einer entsprechenden Meldung vonseiten der Nachbarn, die bemerken, dass mit jemandem etwas nicht stimmt. Erst danach können unsere Freiwilligen versuchen, ein Gespräch zu initiieren , sofern die Betroffenen einlenken. Doch auch das ist nicht immer einfach. Wenn jemand sich nicht helfen lassen will, sind auch uns die Hände gebunden.<BR /><BR /><b>STOL: Zum Abschluss noch in kleiner Blick nach vorne. Wo kann angesetzt werden, um die Tätigkeit von Hilfsorganisationen zu erleichtern?<BR /></b>Haspinger: Die Herausforderungen nehmen ständig zu und werden größer. Die Armut wächst und wird zunehmend zu einem Fass ohne Boden. Es gibt Menschen, die es sich nicht einmal mehr leisten können, zum Arzt zu gehen, und die sich dann an jeden Strohhalm klammern, den sie finden können. Sie wenden sich gleichzeitig an mehrere Anlaufstellen, sodass auch wir irgendwann den Überblick verlieren. Hier wäre es auf jeden Fall notwendig, die Wege zu vereinfachen und transparenter zu machen, sodass schlussendlich auch effizienter geholfen werden kann.