Montag, 19. September 2016

Die Kripo hat ermittelt: Ötzi starb bei heimtückischer Attacke

Seit der Mann aus dem Eis am 19. September 1991 gefunden wurde, zieht er Forscher aus aller Welt in seinen Bann – keine Leiche wurde eingehender untersucht. Zu seinen Lebzeiten war Ötzi noch kein Liebling der Massen: Der Mann aus dem Eis wurde heimtückisch ermordet.

25 Jahre nach dem Auffinden der Leiche ist der "Mordfall Ötzi" noch immer nicht geklärt. Kein Wunder: Er liegt über 5000 Jahre zurück. - Foto: Paul Hanny
Badge Local
25 Jahre nach dem Auffinden der Leiche ist der "Mordfall Ötzi" noch immer nicht geklärt. Kein Wunder: Er liegt über 5000 Jahre zurück. - Foto: Paul Hanny

Diese und neue Erkenntnisse präsentieren Wissenschaftler aus aller Welt in diesen Tagen auf dem internationalen Mumienkongresses in Bozen. Zum 25. Jubiläum von Ötzis Entdeckung sind alle drei Kongresstage, vom 19.-21. September, dem Mann aus dem Eis gewidmet (STOL hingegen hat sich zum Jubiläum ein Quiz ausgedacht: Testen Sie Ihr Iceman-Wissen!). 

„Für die Forschung hat Ötzi nicht die Bedeutung eines isolierten Mumienfunds. Er ist vielmehr ein typischer Europäer aus der früheren Zeit und daher so wertvoll“, erklärt der Anthropologe Albert Zink von EURAC Research, der wissenschaftliche Leiter des Kongresses.

„Heute beschäftigt uns vor allem, wer der Mann aus dem Eis war, welche Rolle er in der Gesellschaft hatte und was in seinen letzten Lebenstagen passiert ist“, sagt Angelika Fleckinger, Direktorin des Südtiroler Archäologiemuseums, das den Kongress mitorganisiert.

Kontakte nach Mittelitalien

Eine überraschende neue Erkenntnis gibt es zu Ötzis herausragenstem Ausrüstungsgegenstand, dem wertvollen Kupferbeil. Anders als bisher vermutet, stammt das Kupfer der Klinge nicht aus dem Alpenraum – Ost- oder Nordtirol schienen Experten die wahrscheinlichsten Herkunftsorte – , sondern aus Mittelitalien: Die Forschungsgruppe Archäometallurgie um Professor Gilberto Artioli von der

Werden diese ersten Ergebnisse bestätigt, liefern sie interessante Denkanstöße: Kam Ötzi als Händler womöglich bis in die Gegend des heutigen Florenz? Wie sahen zu seiner Zeit die Handelsverbindungen und kulturellen Kontakte mit dem Süden aus? Waren mit dem Warenaustausch auch Populationswanderungen verbunden, zogen also Menschen aus dem Süden in den Alpenraum und umgekehrt?

Radiologische Untersuchung mit neuestem CT-Gerät

Eine neue Computertomografie (CT) am Mann aus dem Eis haben die Radiologen Paul Gostner und Patrizia Pernter im Jänner 2013 in der Röntgenabteilung im Krankenhaus Bozen durchgeführt. Dabei entdeckten sie drei kleine Verkalkungen nahe der Ausflussbahnen des Herzens, die ihnen bis jetzt entgangen waren. Das untermauert den früheren Befund von Molekularbiologen der EURAC, dass Ötzi eine starke genetische Veranlagung für Herzkreislauferkrankungen hatte und diese vermutlich auch der Hauptgrund für seine allgemeine Arteriosklerose war.

Mordfall Ötzi: Seit 2 Jahren wird ermittelt

Ötzi istermordet worden, darauf deutet die 2001 entdeckte Pfeilspitze in seiner linken Schulter hin. Aber wie waren die Tatumstände? Das Südtiroler Archäologiemuseum hat Hauptkommissar Alexander Horn von der Kriminalpolizei München im Jahr 2014 damit beauftragt, im „Mordfall Ötzi“ mit neuesten kriminalistischen Methoden zu ermitteln.

Horn befragte „Bekannte“ des Mordopfers, beispielsweise Archäologen des Museums, die Ötzi seit Jahren betreuen, sowie Experten aus der Rechtsmedizin, Radiologie und Anthropologie. Mitglieder des Projektteams nahmen auch einen Lokalaugenschein an der Fundstelle in Schnals vor.

Das Ergebnis der Ermittlungen: Ötzi fühlte sich kurz vor seiner Ermordung wahrscheinlich nicht bedroht, da die Situation am Auffindungsort am Tisenjoch auf eine Rast mit einer reichlichen Mahlzeit hindeutet. Tage vorher hatte er sich vermutlich bei einer körperlichen Auseinandersetzung eine Abwehrverletzung an der rechten Hand zugezogen. Es fanden sich keine weiteren Verletzungen, was ein Anzeichen dafür sein könnte, dass er in dieser Auseinandersetzung nicht unterlegen war.

Der wohl tödliche Pfeilschuss kam aus größerer Distanz und für das Opfer überraschend, demnach heimtückisch. Weitere medizinische Befunde legen nahe, dass das Opfer stürzte und der Täter keine weitere Gewalt anwandte. Offenbar wollte der Täter keine körperliche Auseinandersetzung riskieren, sondern wählte einen Angriff aus der Distanz, um den Mann aus dem Eis zu töten.

Da wertvolle Gegenstände wie die Kupferaxt am Tatort verblieben, fällt auch Diebstahl als Motiv aus: Der Grund des Delikts ist wohl in einer persönlichen Konfliktsituation zu suchen, in einer vorangegangenen Auseinandersetzung – „ein Verhaltensmuster, wie es sich auch heute noch bei der großen Masse der Tötungsdelikte zeigt“, erklärt Alexander Horn.

stol