Dienstag, 22. September 2020

Die Sorgen der Frauenhäuser

Häusliche Gewalt gibt es in jeder sozialen Schicht, doch besonders schwer mit dem Ausstieg aus der Gewalt und dem Leben danach tun sich Migrantinnen, wie das Tagblatt „Dolomiten“ am Dienstag berichtet,

Migrantinnen tun sich besonders schwer, wenn es um den Ausstieg aus häuslicher Gewalt geht.
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Migrantinnen tun sich besonders schwer, wenn es um den Ausstieg aus häuslicher Gewalt geht. - Foto: © shutterstock
as Martyrium, das Frauen in Gewaltsituationen durchmachen, ist kaum vorstellbar. Körperliche, psychische und ökonomische Gewalt, dazu die Angst vor jedem neuen Ausbruch, die Sorge um die Kinder... Dennoch braucht es oft lange, bis die Frauen sich entschließen, die Gewaltsituation zu verlassen. Das muss meist schnell und gesichert ablaufen, die Frauenhäuser bieten Hilfe und Zuflucht.

Doch das eine ist der akute Notfall, das andere das Leben danach. „6 Monate sollte ein Aufenthalt in einem Frauenhaus maximal dauern. In dieser Zeit arbeiten die Frauen daran, ihre Selbstsicherheit und Autonomie wiederzuerlangen. Danach sollten die Frauen durchstarten können mit ihrem neuen Leben“, meint Manfrini. Zumal ein Scheitern stets das Risiko birgt, dass die Frauen aus Verzweiflung in ihre Gewaltsituation zurückkehren, ist es doppelt wichtig, dass die Frauen auf eigenen Füßen stehen können.

Doch die Praxis sieht leider nur allzu oft ganz anders aus, denn die Wohnungssuche gestaltet sich mehr als schwierig. „Oftmals haben die Frauen Kinder, und als Alleinerziehende können sie oft nicht in Vollzeit arbeiten bzw. sind viele Jobs mit den Kinderbetreuungszeiten nicht vereinbar. Etwa Putzstellen im Morgengrauen vor Bürobeginn. Das geht mit kleinen Kindern nicht“, weiß Manfrini.

Frauen mit Migrationshintergrund haben es besonders schwer

Ganz schwer haben es Frauen mit Migrationshintergrund – vielfach ohne ausreichende Sprachkenntnisse. Hier blocken Vermieter sofort ab, weiß Manfrini. „Es reicht, dass der Vermieter am Telefon hört, dass die Frau Ausländerin ist. Dann ist die Wohnung schon ,vergeben‘. Wenn sie alleine anrufen, haben sie keine Chance, nicht einmal mit einem guten Job. Wenn wir uns einschalten, geht es ein wenig besser. Aber nicht viel.“

Ihr Appell geht daher sowohl an die privaten Vermieter als auch an die öffentliche Hand, hier eine Lösung zu finden. „Wir arbeiten daran“, heißt es zumindest aus der Meraner Gemeindestube. Denn dort würde man der Bezirksgemeinschaft das alte Schulgebäude in Gratsch für genau solche Übergangswohnungen zur Verfügung stellen.

„Das Projekt ist schon ausgearbeitet und auch eine weitere Betreuung der Frauen durch die Bezirksgemeinschaft mit angedacht. Das Gebäude muss allerdings noch renoviert werden, dazu braucht es das notwendige Geld“, sagt Bürgermeister Paul Rösch.
Eine Arbeitsgruppe gibt es auch in der Gemeinde Bozen, doch mit schnellen Ergebnissen ist auch dort nicht zu rechnen.
Deeg: Lösungen über Bezirksgemeinschaften
Den Weg über die Bezirksgemeinschaften schlägt auch Soziallandesrätin Waltraud Deeg zur Lösung des Problems vor. Da könnte man sich auch Projekte in Zusammenarbeit mit dem Wobi vorstellen, meint sie. „Wenn es in einem Bezirk Notfälle gibt, dann werden wir uns die anschauen und nach Lösungen suchen“, verspricht sie den Frauenhäusern ihre Unterstützung.

Die können sie brauchen, denn „das Problem brennt uns unter den Nägeln“, mahnt auch die Präsidentin der Kontaktstelle gegen Gewalt GEA, Christine Clignon. Und unterstreicht, dass mit dem Corona-Lockdown die häusliche Gewalt und damit auch die Notfälle in den Frauenhäusern zugenommen haben. In ganz Italien haben die Frauenhäuser bereits während des Lockdowns vermehrt Anfragen und Notfälle verzeichnen müssen, „etwa ein Drittel mehr, auch bei uns in Südtirol“, weiß Clignon.

Doch das Problem ist in Nach-Lockdown-Zeiten nicht besser, sondern eher noch schlechter geworden. Diese zugespitzten Gewaltsituationen haben bei einigen Frauen die Entscheidung reifen lassen, aus der Situation zu fliehen. „Und die melden sich nun verstärkt bei den Frauenhäusern und Beratungsstellen“, weiß Manfrini.

ih