Montag, 21. August 2017

Die Trümmermenschen von Amatrice

Wenn Nando Bonanni durch das geht, was sein altes Leben war, knirscht und wackelt es unter seinen Füßen. Überall liegen Trümmer, Scherben und Überreste eines Lebens, das es seit einem Jahr nicht mehr gibt.

Die Trümmermenschen in Amatrice bauen sich ein neues Leben auf.
Die Trümmermenschen in Amatrice bauen sich ein neues Leben auf. - Foto: © LaPresse

Bonanni geht zügigen Schrittes durch den großen Raum. „Hier, wie ein Bombeneinschlag. Nein, eine Bombe hätte nicht so viel Schaden angerichtet, wie das Erdbeben, alles ist kaputt“, sagt er und deutet in den Raum, in dem Tische und Stühle noch stehen, aber alles von Staub und Trümmern bedeckt ist. In den Wänden und der Decke sind bedrohlich tiefe Risse.

Bis um 03.36 Uhr am 24. August 2016 war dies ein typisches Restaurant in der italienischen Gemeinde Amatrice. Dann kam ein Erdbeben, das 299 Menschenleben auslöschte und ganze Orte verwüstete. „Mein altes Leben gibt es nicht mehr“, sagt Bonanni.

Zehntausende Menschen obdachlos

In der Grenzregion zwischen Latium, Umbrien, den Marken und den Abruzzen wurden mit dem Beben vom 24. August Zehntausende Menschen obdachlos. Der Erdstoß der Stärke 6,0 blieb nicht der einzige in Amatrice und der Umgebung. Seit jenem Tag wackelt es in der bergigen Gegend immer wieder und lässt Häuserruinen vollends einstürzen. Die Menschen sind zermürbt. Viele wollen aber nicht weichen.

„Wo soll ich denn sonst hin? Ich bin 64...“, sagt Bonanni. Das Restaurant führe er in dritter Generation. Er wolle hier auch sterben, so wie seine Eltern. Bonanni wirkt voller Tatendrang, auch wenn das Erdbeben sein Leben zerstört hat. „Früher habe ich mich mit den Kunden unterhalten. Jetzt habe ich nichts mehr zu tun. Ich lege mich tagsüber schlafen, oft fange ich auch an zu weinen.“

Er wohnt neben seinem Restaurant zusammen mit seiner Frau in einem Wohnwagen auf 20 Quadratmetern. Daneben hausen seine zwei Kinder mit den fünf Enkeln. Eines der Kinder könne seit dem Erdbeben nachts nicht mehr schlafen. Seine Enkel gäben ihm den Mut zum Weitermachen, sagt Bonanni.

Er habe Glück gehabt, aus seiner Familie sei niemand gestorben. Anders bei den Nachbarn und Bekannten: Überall gab es Tote zu beklagen. Nun wartet er auf eine Bungalow, in den er übergangsweise wohnen kann. 40 Quadratmeter immerhin.

Die Politik versagt

Aber es zieht sich. „Die Politiker? Pah...“, Bonanni macht eine abwertende Geste. Seit einem Jahr wartet er, dass etwas geschieht. Doch die Häuserreste in seiner Umgebung stehen immer noch genau so da wie nach dem Beben. „Seit einem Jahr will ich das Restaurant wiedereröffnen. Sie hatten mir zugesichert, dass das im Juni wieder möglich ist. Ich habe gehofft, wenigstens die Sommersaison dieses Jahr mitzunehmen, ich habe gehofft, dass wenigstens irgendwer kommt.“

Bonannis Restaurant liegt eine 30 Minuten lange kurvige Autofahrt vom historischen Stadtzentrum von Amatrice entfernt. Die Bilder von dem zerstörten Zentrum mit dem Uhrenturm sind weltweit durch die Medien gegangen. Bei Bonanni waren weniger Journalisten und Politiker.

Im Zentrum von Amatrice dagegen gehört die „Zona Rossa“, also die Sperrzone, zum Pflicht-Besuchsprogramm von Politikern und Prominenten. Hier schritt Prinz Charles durch die Trümmer, Papst Franziskus betete vor zerstörten Häusern, Trümmertouristen fahren regelmäßig durch den Ort, so dass schon „No Selfie“-Schilder aufgestellt wurden. Der Oscarpreisträger Paolo Sorrentino drehte in einer Kirche für einen neuen Film.

Wiederaufbau dauert

Bauexperten erklären, dass so ein Wiederaufbau nicht von heute auf morgen passiere. Wer die meterhohen Schuttberge in Amatrice sieht, kann sich die Sisyphosaufgabe vorstellen. Vor allem wenn der Boden immer wieder bebt. Die Bürokratie, mit der die Regierung verhindern will, dass es zu Korruption und mafiösen Verstrickungen kommt, verzögert den Wiederaufbau weiter.

„Genau so wie vorher“ soll alles werden, wenn nicht noch schöner, betont Amatrices Bürgermeister Sergio Pirozzi. Der kahlköpfige, kettenrauchende Mann, der durch seine Medienpräsenz so etwas wie das Gesicht des Bebens geworden ist, spricht gerne von einer „Schlacht“, einem „Kampf“, den es zu gewinnen gilt. „Das Wegräumen der Trümmer läuft schleppend.

Die Trümmer repräsentieren den Schmerz

Die Trümmer repräsentieren für uns den Schmerz. Ich lebe jeden Tag hier mit anderen Gefühlen. Manchmal ziehe ich aus der Solidarität Kraft, und manchmal werde ich stinkwütend wegen der Verzögerungen“, sagt er. Ein Hoffnungssignal sei, dass in Amatrice mit deutscher Hilfe ein Krankenhaus aufgebaut werde. Das bedeute, dass einige weitere Leute nicht wegziehen.

Rund 3000 Einwohner waren es vor dem Beben, nun sind es einige Hundert. Einige haben bereits einfache Bungalows bezogen. Ob sie jemals wieder in ihre Häuser können, ist ungewiss.

„Es geht aufwärts“

Es gehe trotz allem vorwärts, meint der Präsident der Region Latium, Nicola Zingaretti. 100 000 Tonnen Trümmer seien fortgeschafft worden. 30 Bungalowdörfer seien errichtet, ein Einkaufszentrum und ein Supermarkt wieder eröffnet worden.

Geradezu futuristisch sieht es am Rande des Stadtkerns von Amatrice aus. Dort hat man sich für eine radikale Modernisierung entschieden. Bekannte Architekten haben einen luftigen Holz- und Glasbau hingestellt: In der „Area Food“ sind Restaurants angesiedelt, die es auch schon in der alten Stadt gab. „Das hier ist mein Anti-Depressivum“, sagt Bürgermeister Pirozzi und deutet auf die schicke Anlage, die mit Spenden von Unternehmen aufgebaut wurde.

Bonannis Anti-Depressivum sind seine Tiere. Die Region Latium habe ihm einen schönen Stall aufgebaut, wo er ein paar Hundert Schafe halte. In der Nacht wurde auch ein Lämmchen geboren. Bonanni zieht es an den Beinen hoch: „Schaut!“ Irgendwie geht das Leben doch weiter.

dpa

stol