Immer weniger Respekt, immer laschere Gesetze: Als Ordnungshüter tätig zu sein, ist nicht einfach. An jungen Kräften – besonders an Deutschsprachigen – fehlt es. Warum es sich trotzdem lohnen kann, im Dienste des Bürgers zu stehen, erzählt Ex-Kommandant Sergio Ronchetti im Interview mit s+.<BR /><BR /><b>Herr Ronchetti, erzählen Sie uns kurz Ihren Werdegang als Stadtpolizist.</b><BR />Sergio Ronchetti: Nun, ich bin gebürtiger Bozner, Jahrgang 1959, und habe nach den Pflichtschulen das Klassische Lyzeum besucht. Anschließend war ich in der Offiziersschule der Alpini in Aosta und wollte eigentlich weiterstudieren, meinen Eltern aber nicht auf der Tasche liegen. Aber wie das Leben so spielt, begann ich als Stadtpolizist in meiner Heimatstadt, und zwar von 1984 bis 1986, bevor ich dann 10 Jahre lang als Handelsinspektor tätig war. Im Jahr 1996 habe ich dann einen Wettbewerb gewonnen und wurde unter Bürgermeister Giovanni Salghetti Drioli zum Vizekommandanten ernannt. Und seit 1999 bin ich Kommandant der Bozner Stadtpolizei. Außerdem habe ich noch ein Studium der Zeitgeschichte erfolgreich abgeschlossen.<BR /><BR /><b>Kommen wir gleich zu den Höhepunkten in Ihrer beruflichen Laufbahn. An was erinnern Sie sich gerne zurück?</b><BR />Ronchetti: Da fällt mir vor allem das im Jahr 2012 stattgefundene Alpinitreffen ein, wo bekanntlich Bozen der Austragungsort war. Es war zwar eine ungemein große Herausforderung, mit einer riesigen organisatorisch-logistischen Vorbereitungsarbeit verbunden, aber rückblickend gesehen ein wunderschönes und auch unterhaltsames Abenteuer, an dem ja Hunderttausende Alpini mit deren Anhängern und Freunden teilgenommen haben. Bei einer anderen Gelegenheit konnte ich sogar vom Helikopter aus den Verkehrsfluss beobachten und diesen auch von dort aus regeln, das war ein beeindruckendes Erlebnis für mich.<BR /><BR /><b>Was hat sich in der Stadt in den vergangenen Jahrzehnten besonders verändert? </b><BR />Ronchetti: Früher, in den 80er und 90er Jahren wurden beispielsweise die Geschäfte in der Altstadt und in der Peripherie um 7 Uhr abends geschlossen, dann war es völlig ruhig, fast totenstill. Heute hingegen geht erst abends so richtig die Post ab und wir haben die Schwierigkeit, zu vermitteln, denn die Bürger haben ja ihr gutes Recht auf Nachtruhe, und das ist dann kein leichtes Unterfangen. Aber auch die Menschen selbst haben sich sehr verändert, sie sind stressbehafteter, anspruchsvoller geworden, es mangelt oft am nötigen Respekt den Behörden und Sicherheitskräften gegenüber. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass es bei Missachtung von Gesetzen oft gar keine Strafen mehr folgen. Wir bemühen uns zwar sehr, Straftäter dingfest zu machen, sehen aber, dass uns kein Erfolg beschieden ist – kaum verhört, kommen sie schon wieder frei. Wirksame und abschreckende Gesetze fehlen leider.<BR /><BR /><b>In diesem Zusammenhang, wie viele Stadtpolizisten sind in Bozen tätig?</b><BR />Ronchetti: Unser Stellenplan sieht 130 Personen vor, derzeit sind wir an die 110 Aktive. Kürzlich wurde ein Stellenwettbewerb ausgeschrieben, aber nur 6 haben die Prüfung bestanden. Insgesamt zeigen jedoch, vor allem bei den Deutschsprachigen, viel zu wenige Interesse an diesem Beruf, obwohl die Entlohnung attraktiv wäre. <BR /><BR /><b>Wo hapert es in der Landeshauptstadt? Was würden Sie vorschlagen, wo ist Abhilfe nötig?</b><BR />Ronchetti: Eines der großen Probleme ist und wird wohl der Verkehr bleiben. Es fehlen einfach großräumige Umfahrungsstraßen, beispielsweise die Verlängerung der Straße von Leifers Richtung Kampill wäre höchst an der Zeit, aber auch eine Tunnellösung im Hörten- oder Guntschnaberg könnte die Verkehrssituation verbessern.<BR /><BR /><b>Wo sind Ihre Leute derzeit am meisten eingesetzt?</b><BR />Ronchetti: Keine Frage, das sind die Kontrollen im Bereich Corona-Maßnahmen, die wir tagtäglich durchführen müssen. Diese Arbeit bindet etwa die Hälfte unserer Stammmannschaft. So haben wir beispielsweise in der vergangenen Woche an die 1500 Personen überprüft, wobei ich unterstreiche, dass wir nicht primär Strafen ausstellen, sondern versuchen, Aufklärung, Hilfe und Unterstützung anzubieten. Die Strafe stellt für mich immer die ultima ratio dar. <BR /><BR /><b>Abschließend, Herr Ronchetti, was machen Sie jetzt nach dem 31. Dezember 2021?</b><BR />Ronchetti (schmunzelt): Wenn ich auch bisher nur für meine Arbeit gelebt habe, so werde ich es nicht langweilig haben. Ich bin ein leidenschaftlicher Radfahrer, sei es mit dem Renn- wie mit dem Bergrad. Zudem fahre ich gerne Ski. Weiters habe ich noch das Glück, eine 90-Jährige Mutter zu haben, um die werde ich mich auch mehr kümmern. Ich möchte noch die Gelegenheit wahrnehmen und mich herzlich bei Ihrer Redaktion bedanken, die unsere Arbeit stets wohlwollend begleitet und darüber objektiv berichtet hat. Denn wir Stadtpolizisten sehen uns nach wie vor als Helfer der Bevölkerung gegenüber, weit weniger als Gesetzeshüter, die nur Strafmandate ausstellen wollen.