Freitag, 08. April 2016

Für mehr Mumm in der Behindertenpolitik

Es zählt der Mensch und nicht die Beeinträchtigung. Es zählt der konkrete Arbeitsplatz und nicht das In-Aussicht-Stellen. Es zählt die Finanzierung und nicht das bloße Ansinnen. Damit das neue Gesetz für Menschen mit Beeinträchtigung mehr wird, als ein gut gemeinter Schrieb, braucht es mehr Mut zu innovativen Konzepten und das Geld, sie auch umzusetzen. Darauf pocht der Arbeitskreis Eltern Behinderter, der am Freitag seine Jahresvollversammlung abhält.

Hansjörg Elsler, Präsident vom Arbeitskreis Eltern Behinderter (AEB) weiß, wie schwer es ist, mit der Diagnose „behindertes Kind“ umzugehen und den Alltag zu bewältigen.
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Hansjörg Elsler, Präsident vom Arbeitskreis Eltern Behinderter (AEB) weiß, wie schwer es ist, mit der Diagnose „behindertes Kind“ umzugehen und den Alltag zu bewältigen.

Prinzipiell steht es nicht schlecht um Südtirols Behintertenpolitik, doch besser geht immer. Und jetzt ist die Gelegenheit so günstig, wie noch nie. Ein Gespräch: 

Südtirol Online: Immer wieder hört man im Zusammenhang mit Menschen mit Beeinträchtigung den Satz: Behindert ist man nicht, man wird es. Was ist dran an der Aussage?
Hansjörg Elsler, Präsident vom Arbeitskreis Eltern Behinderter (AEB): Menschen mit Beeinträchtigung werden behindert, wenn sie in Familien nicht so angenommen werden, wie sie sind; nicht im Kindes- und Schulalter entsprechend ihren Fähigkeiten gefördert werden; nicht die nötige Unterstützung erhalten auf einem, womöglich integrierten Arbeitsplatz tätig zu sein und am gesellschaftlichen Leben in der Freizeit, beim Sport usw. teilnehmen können ...

STOL: Wie aufmerksam/sensibel geht die Öffentlichkeit mittlerweile mit dem Thema „Behinderung“ um?
Elsler: Es gibt zurzeit viel Sensibilität bzgl. Behinderung, es bedarf jedoch immer weiterer Aufklärung. Eltern dürfen nie müde werden zu sensibilisieren und aufzuklären. 
Man hört viel seltener die Aussage, die „Behinderten“, sondern häufiger "Menschen mit Behinderung" bzw. noch differenzierter Menschen mit Down-Syndrom, Menschen mit Autismus usw. Der Mensch wird zunehmend in den Mittelpunkt gestellt und nicht so sehr die Beeinträchtigung.

STOL: Auch in der Politik ist das Thema „Leben mit Handicap“ längst angekommen. Welchen Stellenwert wird den Problemen von Menschen mit Beeinträchtigung dort wirklich eingeräumt?
Elsler: Durch die staatliche Gesetzgebung haben wir die Inklusion von Menschen mit Behinderung in der Schule bereits seit über 35 Jahren. Dadurch musste sich die lokale Politik - auch auf massives Drängen des Arbeitskreises Eltern Behinderter - bereits sehr lange mit entsprechenden Maßnahmen auf Landesebene beschäftigen. Daher hat die Behindertenpolitik in Südtirol einen doch hohen Stellenwert.

STOL: Derzeit ist in Südtirol das Landesgesetz zur Inklusion und Teilhabe groß in den Schlagzeilen - was steckt dahinter und wie wichtig sind diese politischen Schritte?
Elsler: Natürlich ist das neue Inklusionsgesetz ein neuer und wichtiger Meilenstein in der Südtiroler Behindertenpolitik. Mit diesem Gesetz werden die Rechte von Menschen mit Beeinträchtigung auf die Grundlage der UN-Konvention gestellt, was ein völlig neuer Ansatz der Teilhabe und des selbstbestimmten Lebens ist.
Nun müssen aber die Südtiroler Politiker, die einstimmig dieses Landesgesetz im letzten Juli verabschiedet haben, auch beweisen, dass sie es erst meinen und auch zügig und rasch die  Durchführungsbestimmungen zu diesem Gesetz erlassen und das Gesetz mit entsprechenden Finanzmitteln ausstatten.

STOL: Was muss sich nach dem Gesetz dann auch im Alltag ändern?
Elsler: Die Inklusion muss in erster Linie auch von unseren Familien tagtäglich gelebt und eingefordert werden, das ist bereits ein längerer und oft auch beschwerlicher Weg. Es muss möglich werden, dass Menschen mit einer Behinderung nach ihren Möglichkeiten auch frei mitentscheiden können, wie sie ihr Leben gestalten wollen und können.

STOL: Teilhabe ist Thema - am Inhalt zu den Durchführungsbestimmungen/der Umsetzung des Gesetzes wird auch vonseiten der Betroffenen fleißig mitgeschrieben: Wie sieht diese Partizipation konkret aus?
Elsler: Natürlich wurden und werden wir Betroffenenverbände miteingebunden, wenn man aber auch dazu sagen muss, dass zur Zeit ein Textvorschlag vorliegt, der aus unserer Sicht zum Beispiel viel zu wenig innovative, neue Modelle der Arbeitsintegration vorsieht und zu viel bestehende Verwaltungsabläufe im Detail niedergeschrieben hat. Es braucht mehr Mut zu Neuem, denn nur so kommen wir auch wirklich weiter!

STOL: Wo wünschen Sie sich in erster Linie noch Verbesserungen?
Elsler: Bei neuen und innovativen Modellen der Arbeitsintegration; es müssen genügend Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung geschaffen werden. Diese bedürfen einer Arbeitsplatzbegleitung; in den Betrieben eines Mentors. 
Den Betrieben muss ein finanzieller Ausgleich für den verursachten Arbeitsausfall durch die beeinträchtigte Person von Seiten des Landes bereitgestellt werden. Übertritte von Schule zur Arbeitswelt usw. für Menschen mit Behinderung müssen begleitet werden und nicht den Familien alleine überlassen werden. 
Die Plätze in den Strukturen für Menschen mit großem Unterstützungsbedarf sind rar; hier müssen neue geschaffen werden und zuletzt müssen neue Modelle des betreuten Wohnens verwirklicht werden.

STOL: Was bedeutet es für junge Familien, mit dem Thema Behinderung direkt konfrontiert zu werden? 
Elsler: Es ist für Familien schwer mit der Diagnose „behindertes Kind“ umzugehen und es zu akzeptieren. Das Leben muss neu geordnet, neu aufgestellt werden. Familien und Lebensplanungen müssen neu geordnet werden.
Alle Familien gehen einen „Leidensweg“, beziehungsweise Trauerweg, der einzelnen Phasen beinhaltet durch (siehe Schmerzscala nach Schuchard). Die einen länger, die anderen kürzer. Aus diesem Grund dauert es unterschiedlich lang, das Kind mit Behinderung anzunehmen und die darauf folgenden Schritte und Maßnahmen zu setzen.
Wir haben zusammen mit der Landesverwaltung die Familienbegleitung und Pädagogische Frühförderung von Kindern mit Beeinträchtigung aufgebaut, die durch den Sozialbetrieb Bozen geführt wird. Dieser Dienst soll unbedingt von jungen Familie in Anspruch genommen werden.

STOL: Warum fällt es vor allem jungen Familien mit behinderten Kindern und Jugendlichen so schwer, Hilfe zu suchen und vielleicht auch anzunehmen?
Elsler: Junge Familien finden heute sehr viel Angebote bereits vor, die in Jahrzehnte-langen Bemühungen und Anstrengungen aufgebaut wurden. Man muss nicht mehr um Grundsätzliches kämpfen und zudem ist der Weg zu einem Behindertenverband auch immer das Eingeständnis, zu der Behinderung offen zu stehen!
Nichtsdestotrotz ist es sehr wichtig, dass auch junge Familien sich bereits mit kleinen Kindern unserem Verband anschließen, denn so können wir gemeinsam ihre Bedürfnisse einfordern und sich unter ebenso Betroffenen austauschen. Viel Kraft und Unterstützung sich gegenseitig geben.

STOL: Formulieren Sie einen Wunsch an die Fee…
Elsler: Der Wunsch ist, dass genügend finanzielle Ressourcen frei geschaufelt werden, um die Möglichkeit zu schaffen, die Inklusion und Teilhabe für Menschen mit Behinderung in der Schule, bei der Arbeit und beim Wohnen ordentlich umzusetzen sowie, dass für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf genügend Plätze im Tages -und Wohnbereich im geschützten Rahmen geschaffen werden.

Interview: Petra Kerschbaumer

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Für weiterführende Infos und direkte Hilfestellung wenden Sie sich an den Arbeitskreis Eltern Behinderter (AEB)

stol