Vater Grigori ist kein typischer Priester im Russland dieser Tage. Während der russisch-orthodoxen Kirche Kremlnähe und Kriegstreiberei vorgeworfen werden, verurteilt Grigori Michnow-Wajtenko beides: die politische Führung Russlands im Allgemeinen und den Angriff auf das Nachbarland Ukraine im Speziellen. <BR /><BR />Und er hilft denen, die unter den seit mehr als 5 Monaten andauernden Kämpfen besonders leiden: ukrainischen Geflüchteten, die gegen ihren Willen in Russland gelandet sind.<BR />Als Kremlchef Wladimir Putin Ende Februar den Einmarsch in die Ukraine befahl, sei ihm klar gewesen, dass in Russland lebende Ukrainer Probleme bekommen könnten, sagt Vater Grigori. Da habe er beschlossen zu helfen. Der 55-Jährige sitzt im Außenbereich eines Cafés in St. Petersburg, es ist Sonntagmittag, er kommt gerade aus dem Gottesdienst. Grigori stellte nach Kriegsbeginn ein Team von Freiwilligen zusammen. Mitte März kontaktierten ihn die ersten Flüchtlinge.<h3> Geflüchtete in Russland</h3>Das UN-Büro für Migration zählt Ende Juni gut 5,2 Millionen Ukrainer, die sich im Ausland aufhalten, und weitere 6,2 Millionen, die innerhalb ihres Landes vertrieben wurden. Viele wollen Richtung Westen – doch oft ist das nicht möglich. Immer wieder beklagt Kiew, dass Zivilisten nach Russland deportiert würden – ausgerechnet in das Land, das sie angegriffen hat.<BR /><BR />Die Geflüchteten, die seit März bei Vater Grigori in Petersburg eintreffen, haben existenzielle Probleme: Ihre ukrainischen Bankkarten funktionieren in Russland nicht, ihre Landeswährung Hrywnja bekommen sie nicht in Rubel umgetauscht. Viele wurden im Krieg verwundet. Grigori will allen helfen. <BR /><BR />Sein Freiwilligenteam wächst immer weiter. Es werden Spenden gesammelt, Schlafplätze und Begleitungen zu Behördengängen und Arztbesuchen organisiert. Außerdem kaufen er und sein Team den Menschen, die Russland verlassen wollen, Tickets für die Reise nach Europa.<BR /><BR />Grigori ist enttäuscht von der russisch-orthodoxen Kirche und deren Vorsteher, Patriarch Kirill. „Anstatt der Staatsmacht zu sagen, was sie falsch macht, nicken sie einfach und sagen: Ja, das ist alles richtig so, hurra, Ruhm den russischen Waffen“, kritisiert er. Bereits 2014 trat er aus der russisch-orthodoxen Kirche aus und in die apostolisch-orthodoxe ein.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="798974_image" /></div> <BR />In einem St. Petersburger Hostel, das die Freiwilligen angemietet haben, sitzen zwei Frauen, denen Grigori hilft. Sie haben fast alles verloren. Die 42 Jahre alte Maria und ihre 16-jährige Tochter Katja kommen aus der südukrainischen Hafenstadt Mariupol. Sie sind seit knapp einer Woche in St. Petersburg. <BR /> Der Mutter sind die Grauen der vergangenen Monate anzumerken, sie wirkt in sich gekehrt, antwortet freundlich, aber einsilbig. Katja hingegen ist die Erleichterung förmlich ins Gesicht geschrieben. „Endlich wieder Zivilisation“, sagt sie über St. Petersburg mit seinen Cafés und Touristenattraktionen.<h3> Gefährliche Hilfsaktionen</h3>In der Zeit der schlimmsten Kämpfe in Mariupol trauen sich Mutter und Tochter wegen der vielen Scharfschützen fast gar nicht aus ihrer Wohnung. Dann, Mitte Mai, wird Mariupol von Russlands Truppen erobert. Nun sind zwar die Straßenkämpfe weitgehend vorbei – aber auch die Möglichkeit, in Richtung Westen zu fliehen. Maria, Katja und Katjas Opa steigen in einen russischen Evakuierungsbus und nach Rostow am Don gebracht. Dort haben sie Glück: Freiwillige werden auf die Familie aufmerksam, kaufen ihr Zugtickets nach St. Petersburg und kontaktieren Grigoris Hostel.<BR /><BR />Nun wollen Mutter und Tochter weiter nach Finnland, Maria hat dort eine Freundin. „Ohne die Hilfe der Freiwilligen hätten wir das alles nicht geschafft“, sagt sie. Dabei schaut sie zu einer Frau mit kurzen Haaren, die auf dem Bett links von ihr sitzt: Swetlana Kwaschina.<BR />Swetlana Kwaschina ist pensionierte Ingenieurin, sitzt für die Oppositionspartei Jabloko in einem St. Petersburger Stadtbezirksparlament und seit einigen Monaten koordiniert sie das Hostel. Ihr Mann Sergej Swetunkow ist Hochschulprofessor und unterstützt die Flüchtlingshilfe in seiner Freizeit. <BR /><BR />Beide müssen los, rund 6 Kilometer entfernt wartet ein weiterer geflüchteter Mann auf sie, dem sie über Bekannte eine Wohnung organisiert haben. Swetlana steuert das Auto, Sergej sitzt auf der Rückbank. Er freue sich, dass deutschsprachige Zeitungsleser nun von ihm und seiner Frau erführen, sagt er: „Sie sollen wissen, dass es auch Russen wie uns gibt.“<BR /><BR />Vater Grigori weiß, dass er sich mit seinem Handeln und seinen Äußerungen zur Zielscheibe der Behörden machen könnte. „Doch für mich wäre es viel schlimmer zu schweigen und so zu tun, als ob nichts wäre“, sagt Vater Grigori. Auf die Frage, was ihn antreibt, hat der Priester eine Antwort parat: „Ich bin kategorisch nicht einverstanden mit den Handlungen der russischen Regierung“, sagt er. „Und zweitens: Christus war auch ein Flüchtling.“<BR />