Donnerstag, 27. Mai 2021

Gesundheit und Geschlecht: Deutliche Unterschiede zwischen Mann und Frau

Warum Männer bzw. Frauen anfälliger für eine bestimmte Krankheit sind, welches Geschlecht mehr raucht oder Alkohol trinkt, wer sich bewusster ernährt, damit und mit vielen anderen Aspekten beschäftigt sich die Gendermedizin. Das ASTAT untersuchte einige Aspekte davon: Covid-19, den Lebensstil der Südtiroler Bevölkerung, die Todesursachen, die Krankheiten oder den Medikamentenverbrauch, aufgeschlüsselt nach Geschlecht.

Die Gendermedizin untersucht seit den 1980er Jahrendes 20. Jahrhunderts die genetischen, anatomischen, physiologischen, funktionellen und psychologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau.
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Die Gendermedizin untersucht seit den 1980er Jahrendes 20. Jahrhunderts die genetischen, anatomischen, physiologischen, funktionellen und psychologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau. - Foto: © shutterstock
Die Studie bezieht sich teils auf das Jahr 2020 (Covid-19) und teils auf das Jahr 2019.

Es starben im Jahr 2020 exakt gleich viele Männer wie Frauen an Covid-19

2020 starben in Südtirol 770 Personen an Covid-19, davon mit jeweils 385 exakt gleich viele Männer wie Frauen. Untersucht man die einzelnen Altersklassen, treten geschlechtsspezifische Unterschiede auf: Zwischen 60 und 90 Jahren starben 306 Männer und 206 Frauen an diesem Virus.

Ab 90 Jahren ändert sich das Verhältnis zwischen den Geschlechtern grundlegend: In dieser Altersklasse sind 171 Frauen und 72 Männer an Covid-19 verstorben; dies hängt möglicherweise damit zusammen, dass es mehr hochbetagte Frauen als Männer gibt.




Krankmeldungen wegen Corona


Am Arbeitsplatz hingegen melden Frauen häufiger als Männer, dass sie an Covid-19 erkrankt sind. Laut Daten des INAIL, des gesamtstaatlichen Versicherungsinstituts für Arbeitsunfälle, wurden in Südtirol im Zeitraum von Jänner 2020 bis Jänner 2021 dem Arbeitgeber Covid-19-Ansteckungen zu 76,6 Prozent von Frauen (1633) und zu 23,4 Prozent von Männern (498) gemeldet.


Derzeit laufen weltweit Studien über die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Covid-19. Diese Untersuchungen fallen in das Forschungsgebiet der Gendermedizin.

Frauen sterben anteilsmäßig häufiger als Männer an psychischen Störungen und Verhaltensstörungen

Die Gendermedizin untersucht seit den 1980er Jahren des 20. Jahrhunderts die genetischen, anatomischen, physiologischen, funktionellen und psychologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Damit sollen gezieltere Methoden zur Diagnose und Behandlung
von Krankheiten je nach Geschlecht der erkrankten Person entwickelt werden.

Todesursachen aus der Genderperspektive

Es ist interessant zu beobachten, in welch unterschiedlichem Ausmaß bestimmte Krankheiten im Laufe der Zeit für Männer und Frauen tödlich verliefen.

1958 waren 63 Prozent der an Krankheiten der Verdauungsorgane verstorbenen Personen Männer und 37 Prozent Frauen. 2004 waren die Anteile für beide Geschlechter fast gleich hoch: 48,2 Prozent für die Männer bzw. 51,8 Prozent für die Frauen. Umgekehrt sieht es bei den Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems aus: Daran starben 1958 etwa gleich viele Männer (49,7 Prozent) wie Frauen (50,3 Prozent); 2004 sank der Anteil der Männer auf 43,2 Prozent und jener der Frauen stieg auf 56,8 Prozent.

2006 waren die aufgrund von Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems verstorbenen Personen zu 56,9 Prozent Frauen und zu 43,1 Prozent Männer, 2019 beliefen sich die Prozentwerte auf 53,1 Prozent für die weibliche Bevölkerung und auf 46,9 Prozent für die männliche.

Frauen sterben seltener an Tumorneubildungen als Männer: 2006 waren 44 Prozent der an diesen Erkrankungen verstorbenen Personen Frauen und 56 Prozent Männer, 2019 waren es 45,6 Prozent bzw. 54,4 Prozent.

Um die Sterblichkeit von Männern und Frauen nach Todesursache zu vergleichen, ist es allerdings sinnvoller, die entsprechenden Prozentwerte in Bezug auf die insgesamt gestorbenen Männer bzw. Frauen zu betrachten, um die unterschiedliche Geschlechterverteilung in den einzelnen Altersklassen auszugleichen.

Aus obigen Beschreibungen geht hervor, dass 38,2 Prozent der 2019 gestorbenen Frauen und 34,2 Prozent der 2019 gestorbenen Männer an Krankheiten des Kreislaufsystems starben. 2006 fielen die entsprechenden Prozentsätze für die Frauen (45,1 Prozent) etwas höher und für die Männer (33,9 Prozent) etwas niedriger aus.




Diese Beobachtungen werden auch von den Quoten je 100.000 Einwohner bestätigt, die die Sterblichkeitsrate nach Ursache und Geschlecht wiedergeben: Bei den Krankheiten des Kreislaufsystems betrug 2019 die männliche Quote 292,1 und die weibliche 323,8. Die Männerquote war im gesamten herangezogenen Zeitraum zwischen 2014 und 2019 niedriger als jene der Frauen.

Die Sterblichkeitsraten nach Ursache zeigen weitere Aspekte der Gender-Medizin auf: Frauen sterben anteilsmäßig viel häufiger als Männer an psychischen und Verhaltensstörungen: 2019 war die männliche
Quote 28,5 gegenüber 48,7 der weiblichen. 2014 war der Unterschied noch deutlicher: Der Anteil der Männer belief sich auf 19,2 und jener der Frauen auf 41,2.

Umgekehrt sterben Männer anteilsmäßig viel häufiger als Frauen an Verletzungen und Vergiftungen. 2019 erlagen daran 68,0 Männer und 27,9 Frauen je 100.000 Einwohner. 2014 war der Unterschied ein bisschen geringer mit einer Quote von 63,5 für die Männer und von 32,8 für die Frauen.

Sowohl bei Männern als auch bei Frauen sind die häufigsten Todesursachen Tumorneubildungen und Krankheiten des Kreislaufsystems.




Frauen verzeichnen höhere Werte für Autoimmun- und endokrine
Krankheiten


Im folgenden Abschnitt werden die unterschiedlichen Pathologien und Krankheiten bei Frauen und Männern untersucht.

Auf den ersten Blick scheint, dass geschlechtsspezifische Unterschiede bei Krankheiten, die Frauen und Männer betreffen, nicht besonders ausgeprägt seien, ähnlich wie bei den geschlechtsspezifischen Unterschieden der Haupttodesursachen.

Ein Blick auf die detailliertere Auflistung der chronischen Krankheiten jedoch deutet sehr wohl auf „typisch weibliche“ und „typisch männliche“ Pathologien.

Frauen verzeichnen höhere Werte für Autoimmun- und endokrine Krankheiten.

Frauen scheinen eine empfindlichere Schilddrüse zu haben: Sie erkranken häufiger als Männer an Hashimoto-Thyreoiditis (2767,9 Frauen je 100.000 Einwohner und 370,2 Männer), an Hyper-Hypoparathyreoidismus (70,4 Frauen je 100.000 Einwohner und 18,0 Männer) und an Hypothyreose (5230,8 Frauen je 100.000 Einwohner und 1205,5 Männer).




Weiters erkranken Frauen häufiger als Männer an autoimmunen Krankheiten wie SLE (Systemischer Lupus erythematodes) mit einem weiblichen Anteil von 118,3 gegenüber einem männlichen von 19,2 und Sjögren Syndrom mit einer Quote von 87,9 für die weibliche Bevölkerung und von 7,6 für die männliche. Dies ist auf die im Vergleich zu den Männern stärkere Immunreaktion der Frauen zurückzuführen.

Gesundheitliche Check-ups bei Männern seltener als bei Frauen


Im folgenden Abschnitt wird die Bereitschaft bei Männern und Frauen untersucht, den eigenen Gesundheitszustand überwachen zu lassen und Vorbeugungsmaßnahmen zu treffen.

Das Nationalinstitut für Statistik (ISTAT) führt in Zusammenarbeit mit dem Landesinstitut für Statistik (ASTAT) jährlich eine Erhebung zum Gesundheitszustand der Bevölkerung und zu ihrem Zugang zu den Gesundheitsdiensten durch: Diese gibt ein umfassendes Bild über den Gesundheitszustand der Südtiroler, die Vorbeugung und den Zugang zu den Südtiroler Gesundheitsdiensten. Insbesondere werden erhoben: chronische Krankheiten, funktionelle Beeinträchtigungen, Risikofaktoren für die Gesundheit wie Rauchen, Übergewicht oder Bewegungsmangel,
Medikamentenverbrauch, fachärztliche Visiten und Analysen usw.

Die Erhebung für das Jahr 2019 zeigt, dass Männer bei Vorsorgenuntersuchungen nachlässiger sind als Frauen. 35,6 Prozent der Männer gegenüber 44,4 Prozent der Frauen haben sich in den letzten 12 Monaten vor der Befragung fachärztlichen Untersuchungen unterzogen, 36,9 Prozent gegenüber 41,7 Prozent haben eine Blutprobe gemacht und 25,4 Prozent gegenüber 38,8 Prozent haben sich fachärztlichen Analysen unterzogen.

Dennoch geben 69,7 Prozent der Männer gegenüber 60,1 Prozent
der Frauen an, in den letzten 2 Tagen vor der Befragung Medikamente eingenommen zu haben.




Im Jahr 2019 begingen 40 Männer und 14 Frauen Suizid

Im folgenden Abschnitt werden die Suizide aus der Genderperspektive untersucht.

Männer, die sich das Leben nehmen, sind zahlreicher als Frauen. Das bestätigen die seit 1958 erhobenen Daten. Allein im Jahr 2019 begingen 40 Männer und 14 Frauen Suizid.




Männer und Frauen werden anteilsmäßig gleich oft wegen akuter Krankheiten ins Krankenhaus eingeliefert


Ein weiterer Indikator in der Gender-Medizin ist die Zahl der Männer und Frauen, die in einem Krankenhaus oder einer Klinik medizinisch behandelt werden. Kennzahlen diesbezüglich werden im folgenden Abschnitt vorgestellt.

Die ordentlichen und Tagesklinik-Aufenthalte von akut kranken Männern und Frauen halten sich in etwa die Waage. Wie aus Tabelle 8 ersichtlich ist, unterscheidet sich die Zahl der Frauen (40.981 bzw. 51,3 Prozent), die im Jahr 2019 wegen akuter Erkrankungen ins Krankenhaus eingeliefert wurden, nicht viel von jener der Männer (38.877 bzw. 48,7 Prozent).

In den einzelnen Altersklassen fallen die Unterschiede viel mehr ins Gewicht: Unter 14 Jahren machen die wegen akuter Erkrankungen eingelieferten Buben 58,3 Prozent und die Mädchen 41,7 Prozent aus. Für die Patienten zwischen 15 und 29 Jahren ist die Situation genau umgekehrt: Die jungen Männer machen 40,2 Prozent aus und die jungen Frauen 59,8 Prozent.

Zwischen 30 und 64 Jahren werden Frauen öfter ins Krankenhaus eingeliefert als Männer: 54,6 Prozent gegenüber 45,4 Prozent. In der darauffolgenden Altersklasse zwischen 65 und 74 Jahren polt sich die Situation wieder um; da überwiegen die Männer (57,2 Prozent gegenüber 42,8 Prozent). Ab 75 Jahren gleicht sich die Situation aus
(48,9 Prozent Männer und 51,1 Prozent Frauen). Das ist teilweise
darauf zurückzuführen, dass Frauen eine höhere Lebenserwartung als Männer haben.



Die Hospitalisierungsraten für das Jahr 2019, das sind die Krankenhausaufenthalte je 1000 Einwohner, sind sehr unterschiedlich: In den fruchtbaren Jahren der Frauen zwischen 20 und 50 fallen sie bei den Frauen höher aus als bei den Männern.

Insgesamt belaufen sich diese Raten auf 135,3 bei den Männern und 143,3 bei den Frauen.




Die hohe Hospitalisierungsrate in der Altersklasse unter 4 Jahren ist teilweise auf die Geburt zurückzuführen und entsprechend für die Frauen zwischen 25 und 44 Jahren auf die Entbindung.



Mehr als die Hälfte der Frauen und weniger als die Hälfte
der Männer nahm 2019 mindestens ein Medikament ein


Im folgenden Abschnitt wird auf die pharmakologische Behandlung bei Frauen und Männern näher eingegangen.

Was den Medikamentenverbrauch im Jahr 2019 betrifft, ergeben sich relevante Unterschiede zwischen den Geschlechtern: 4,8 Rezepte pro Kopf für die Männer und 5,8 für die Frauen; 732 Tagesdosen pro
1000 ansässige Männer (entsprechend 10,7 Packungen pro Kopf im Jahr) gegenüber 903 Tagesdosen pro 1000 ansässige Frauen (entsprechend 12,2 Packungen pro Kopf im Jahr).

Frauen verbrauchen also Arzneimittel in höheren Mengen und sind folglich den Nebenwirkungen der Medikamente stärker ausgesetzt.



Für Frauen und Männer stellen Medikamente für das Herzkreislaufsystem die wichtigste therapeutische Gruppe ATC (Anatomisches, therapeutisches und chemisches Klassifikationssystem) in Bezug auf die definierte Tagesdosis (DDD) pro 1000 Einwohner und pro Tag dar (306,1 für die Frauen und 335,4 für die Männer), gefolgt von jenen für den Gastrointestinaltrakt bzw. den Stoffwechsel (258,2 für die Frauen und 118,8 für die Männer).

Mehr als die Hälfte der Frauen (57,0 Prozent) und weniger als die Hälfte der Männer (47,0 Prozent) nahmen 2019 mindestens ein Medikament ein. Dieser Prozentsatz heißt Prävalenz des Gebrauchs und misst die pharmakologische Belastung der Bevölkerung. Er ergibt sich aus dem Quotienten zwischen Frauen bzw. Männern, denen im Laufe des Jahres mindestens ein Medikament verschrieben wurde, und der weiblichen bzw. männlichen Bezugsbevölkerung.



Unter 14 Jahren ist der Verbrauch von Medikamenten unter den Mädchen und Jungen ungefähr gleich. Mit dem Jugendalter ändert sich die Situation: Frauen nehmen mehr Medikamente zu sich als Männer, insbesondere im Erwachsenenalter. Bei beiden Geschlechtern nehmen die jeweiligen Werte nach dem 65. Lebensjahr zu und gleichen sich nach dem 75. Lebensjahr wieder an.

Alkohol und Tabak

Obwohl Gesundheit für beide Geschlechter wichtig ist,verhalten sich Männer und Frauen anders, wenn es um Sport, Ernährung oder Arztbesuche geht. Der folgende Abschnitt untersucht diese Verhaltensweisen.

Die Gendermedizin beschäftigt sich auch mit den Folgewirkungen des Lebensstils (Rauchen, Alkoholkonsum, Ernährung, körperliche Betätigung, Körpergewicht, sozio-kulturelles und ökologisches Umfeld),
denn auch diese Faktoren haben einen großen Einfluss auf die Entwicklung und den Verlauf der Krankheiten.

2019 haben Frauen (56,3%) weniger alkoholische Getränke zu sich genommen als Männer (67,6%). „Komasaufen“, auch „Binge Drinking“ genannt, das bedeutet, 6 oder mehr Gläser alkoholische Getränke bei einer einzigen Gelegenheit zu sich zu nehmen, war bei Frauen (10,4%) weniger verbreitet als bei Männern (21,9%). Mehr Frauen (36,0%) als Männer (25,0%) haben 2019 überhaupt keine alkoholischen Getränke zu sich genommen.




Frauen (13,4%) rauchen weniger oft als Männer (16,3%). Und es sind mehr Frauen (67,7%) als Männer (59,3%), die 2019 nie geraucht haben.


Sport und gesunde Ernährung

Es sind mehr Männer (46,2%) als Frauen (36,7%), die 2019 in ihrer Freizeit regelmäßig Sport betrieben haben, oder zumindest gelegentlich (27,6% gegenüber 20,5%). Andererseits liegt die Quote der Männer (29,0%), die 2019 überhaupt keine körperliche Betätigung ausgeübt haben, leicht über jener der Frauen (25,0%).




Frauen ernähren sich gesünder als Männer. Mehr als die Hälfte von ihnen (53,2%) verzehrt rohes/gekochtes Blattgemüse mindestens einmal in der Woche; etwa 4 von 10 Frauen verzehren Tomaten, Auberginen, Paprika, Fenchel, Zucchini, Artischocken, Karotten, Kürbisse, Blumenkohl, Erbsen und sonstige frische Hülsenfrüchte mindestens einmal in der
Woche und knapp 7 von 10 Frauen (65,9%) essen mindestens einmal in der Woche Obst. Für die Männer fallen die entsprechenden Prozentanteile geringer aus: 42,5 Prozent, 32,9 Prozent bzw. 51,5 Prozent.








stol