Dienstag, 01. November 2016

Grabredner Benedetto über die Trauer und das „gute Leben“

Der Naturnser Hannes Benedetto Pircher ist seit 13 Jahren in Wien als Grabredner tätig. Welche Erkenntnisse er dadurch über die Natur des Menschen, die Lebendigkeit und den Tod gewonnen hat, erzählt er im Interview mit Südtirol Online.

Hannes Benedetto Pircher aus Naturns ist seit 13 Jahren freiberuflicher Grabredner in Wien. - Foto: Michael Schindegger
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Hannes Benedetto Pircher aus Naturns ist seit 13 Jahren freiberuflicher Grabredner in Wien. - Foto: Michael Schindegger

Südtirol Online: Herr Pircher, haben Sie es als professioneller Grabredner zu Allerheiligen besonders hektisch?
Hannes Benedetto Pircher: Nicht wegen der Toten. Denn gestorben wird ja bekanntlich immer. Aber zu Allerheiligen nicht mehr als sonst. Das ist wie mit dem Zeugen von Kindern. Eine gewisse Hektik entsteht eher dadurch, dass zu Allerheiligen die Medien dem Thema Tod besondere Aufmerksamkeit schenken, die sonst, etwa im August, auf Promi-Skandale am Strand in Teneriffa gerichtet ist. Verständlicherweise. Rund um den 1. November stehen also etliche Lesungen und Medienauftritte in meinem Terminkalender.

STOL: Wie lange arbeiten Sie schon als Grabredner in Wien, wie viele Reden haben Sie bisher gehalten, hauptsächlich am Zentralfriedhof?
Pircher: Gestern habe ich meine 4.677ste Rede gehalten. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich die Namen der Toten, die ich begrabrede, in ein Totenbuch hineinkalligraphiere. Ein wöchentliches Ritual. Der letzte Name in diesem Buch wird meiner sein. Seit 2003 bin ich als freiberuflicher Grabredner in Wien im Einsatz, auf allen 46 bewirtschafteten Friedhöfen Wiens.

STOL: Welchen Aspekten widmen Sie sich in Ihrem 2015 veröffentlichten Buch „Sorella Morte: Über den Tod und das gute Leben“?
Pircher: Die Grundfrage meines Buches ist: Worin könnte ein gutes Leben bestehen? Die Antworten auf diese Frage haben mir die unzähligen Menschen gegeben, die ich als Grabredner bisher begleitet habe. Ich bin nur die Hebamme, die diese kostbaren „Weisheiten“ entbinden hilft. Weil es sich um Antworten handelt, die uns als Menschen immer und überall angehen, so oder so, habe ich daraus ein Buch gemacht. Gerade auf dem Friedhof tauchen ja sehr zuverlässig die wirklich wichtigen Lebensfragen auf.

STOL: Sie sagen, Ihr Buch hat „der Friedhof“ geschrieben. Inwiefern?
Pircher: Ich lausche ja immer sehr aufmerksam den vielen Er- und Bekenntnissen auf dem Friedhof, auf dem zwar keine grundsätzlich anderen Wertewelten geboren und ausverhandelt werden als im Friseursalon oder beim Flirten. Einzig das Siegel der Dringlichkeit drückt sich beim Haarelassen oder Flirten nicht so machtvoll aufs Gemüt wie beim Grabgang, wo jeder, so oder so, zur Hauptperson wird: „Ab jetzt lebe ich mein Leben! Es reicht! Endlich hab ich den Mut, mein eigenes Leben zu führen, nicht das Leben, das andere von mir erwarten!“ „Wozu so viel arbeiten? Ich werde mich doch nicht abstrampeln, bis ich tot umfalle.“ Wie im Friseursalon. Nur halt um einen Deut existentieller geht es auf dem Friedhof zu.

Auch Kriminelle und Verbrecher verdienen sich eine würdige Bestattung, ist Hannes Benedetto Pircher überzeugt. - Foto: Shutterstock

 

STOL: Von Ihnen stammt das Zitat: „Auf dem Friedhof geht es nicht um den Tod, sondern um das Leben.“ Ist es so, dass wir uns ausgerechnet dort oft lebendiger fühlen als im Alltag?
Pircher: Natürlich gehen wir auch manchmal auf den Friedhof, um uns unserer Lebendigkeit zu versichern. Er liegt! Ich stehe noch! (lacht) Eine subtile Form der Selbstaffirmation, über die Elias Canetti viel nachgedacht hat. Warum aber der Tod auf dem Friedhof nichts zu suchen hat, hat seinen tiefsten Grund darin, dass Abschiednehmen-Müssen ein Akt des Lebens und nicht des Todes ist. Mascha Kaléko bringt das Los der Trauernden auf den Punkt, wenn sie sagt: „Den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben.“ Muss man leben! Also: Gerade in diesem Sinne ist der Tod kein Ereignis des Lebens. Was sich auf dem Friedhof ereignet, sind lauter Ereignisse des Lebens. Der Mensch zappelt sozusagen auf höchstem Lebendigkeits-Niveau.

STOL: Sie schreiben: „Es gibt kein größeres Abstraktum als den Tod. Man kann den Tod nicht denken, nicht imaginieren.“
Pircher: Genauso wenig wie die unendliche Zahl. Weshalb auch noch nie eine Theorie des Todes geschrieben wurde, die nicht eine Theorie des Lebens wäre. Das heißt: Sooft wir über den Tod nachzudenken versuchen, denken wir sofort über unser eigenes Leben nach. Etwas anderes gelingt uns gar nicht. Fragen Sie jemanden in der Fußgängerzone, was er über den Tod zu sagen habe, und er wird Ihnen sofort eine ganze Menge über sein eigenes Leben erzählen. Aber nichts vom Tod. Mit dem Tod der anderen Bekanntschaft zu machen heißt also immer, mit dem Leben Bekanntschaft zu machen. Der Tod zeigt sich den Menschen nur wie ein Spiegel, in dem sie sich selber als „Gott und die Welt“ betrachten. Der Friedhof erzählt Geschichten vom Leben, wie es anklopft, wenn das eigene Leben auf existentielle Weise fraglich und im Horizont solcher Fraglichkeit „das gute Leben“ zur Frage wird.

STOL: Worin besteht für Sie „das gute Leben“?
Pircher: Ein gutes, ein gelungenes Leben ist eines, in dem man in tiefen persönlichen Beziehungen lebt. Unser Leben „glückt“, wenn wir erfahren dürfen, geliebt zu werden, und wenn wir fähig sind, jemand anderen zu lieben. Und, zweitens, sind wir dann mit unserem Leben zufrieden, wenn wir etwas tun können, was unseren Eignungen und Neigungen entspricht, und etwas, was für andere Menschen wichtig ist und in deren Leben zählt. Mein verehrter Lehrer Umberto Eco, der am 19. Februar dieses Jahres gestorben ist, hat einmal gesagt: „Ich kann meinem Leben und meinem Tod einen Sinn nur geben durch die Liebe zu anderen, durch den Versuch, jemand anderem ein lebenswertes Leben zu garantieren, auch wenn ich selber nicht mehr da bin.“ Damit ist grosso modo umrissen, was Aristoteles unter „Glückseligkeit“ verstanden hat.

STOL: Die Antworten auf die Frage, worin ein gutes Leben besteht, sind also wohl so zahlreich und unterschiedlich wie Menschen?
Pircher: Im Detail ja, aber nicht im Grundlegenden. Wenn man der Frage nachgeht, wofür sich Menschen selber hassen, was sie sich selber nicht verzeihen können, kommt man auch auf durchaus verallgemeinerbare Antworten. „Ich hasse mich für meine Feigheit!“ „Ich hasse mich dafür, dass ich nie auch nur bereit war, das, was mein Bruder für mich getan hat, für wichtiger zu halten als meinen verletzten Stolz!“ „Ich hasse mich dafür, dass ich nie den Mut hatte, mein Leben zu leben, sondern immer nur das getan habe, was andere von mir erwartet haben!“ Tausende solcher Sätze höre ich auf dem Friedhof. Hier gehts dann ums Eingemachte. Nicht anders als das, was Sterbende, die wissen, dass sie bald gehen müssen, im Blick auf ihre Leben bereuen. Eine wichtige Erkenntnis, die meine Erfahrungen als Grabredner gezeitigt hat, ist: Menschen, die wissen, dass sie bald sterben müssen, bereuen vornehmlich dasselbe, was Menschen bereuen, denen bewußt wird, dass das, was sie in der gelebten Beziehung zum Verstorbenen versäumt haben, nicht nachgeholt werden kann. Ich habe Tausende Trauergespräche geführt. Die vielen Versäumnisse, die dabei beklagt werden, deute ich als Indiz dafür, dass das gute Leben vor allem mit einer Kultur der Dankbarkeit, der Versöhnung, der Freundschaft, des Mutes, der Ehrlichkeit und mit einer Kultur der liebenden Aufmerksamkeit zu tun haben muss. Und natürlich geht es beim guten Leben auch darum, schöne Frauen kennenzulernen. In meinem Buch gehe ich allen Aspekten nach.

Am Friedhof werden sich die Lebenden ihrer Versäumnisse schlagartig bewusst. - Foto: Shutterstock

 

STOL: Wie sehr es auf dem Friedhof ums Leben geht, spiegelt sich auch in manchen Überschriften der Glossen und Geschichten in Ihrem Buch wider: „Striptease zur letzten Ehre“; „Das falsche Grab“; „Explosive Tote und der Witz des Fegefeuers“ und weitere mehr. In etlichen dieser Geschichten steckt eine ordentliche Portion existentieller Komik. – Es scheint, dass man Ihren Beruf nur ausüben kann, wenn man mit viel Humor ausgestattet ist?
Pircher: Wahrlich! Dieser Beruf erfordert große Menschenkenntnis, die Kunst der Klugheit, vor allem aber die Fähigkeit, über sich selber gründlich lachen zu können. Wer nicht zur Selbstironie fähig ist, muss als Funeralrhetoriker kläglich scheitern. Vor allem wird ihm dieser Dienst keine Freude machen. Und was man freudlos macht, macht man selten gut.

STOL: Sie haben ständig mit trauernden Menschen zu tun? Ist das nicht auch belastend? Woher nehmen Sie die Kraft?
Pircher: Ich hatte eine wunderbare Kindheit, am Fuße des Naturnser Sonnenbergs. Das ist das Kapital meines Lebens. Die Kraft für meinen Dienst schöpfe ich also ausschließlich aus dem „Naturnser Sonnenberg“, wenn man so sagen will. Der Sonnenberg steht hier natürlich für meine wunderbaren Eltern und meine Familie. Für die bedingungslose Liebe, die ich als Kind erfahren durfte. Wer diese Liebe erfahren hat, holt den Mars vom Himmel herunter!

STOL: Worauf kommt es, Ihrer Meinung nach, bei einer Grabrede ganz besonders an?
Pircher: Ich verstehe das funeralrhetorische Handwerk als Dienst am Menschen. Dieser besteht vor allem darin, Menschen aufmerksam zuzuhören, ebenso unaufdringlich wie genau, und durch die Art und Weise, die mir anvertraute Aufgabe wahrzunehmen, die unantastbare Würde jedes Menschen zu affirmieren, ja, zu feiern. Die allesentscheidende Frage ist: Wie kann diese Affirmation gelingen?

STOL: Ein wichtiger „Erfolgsfaktor“ besteht wohl auch in der rhetorischen Kompetenz und in der Persönlichkeit des Grabredners. Man muss als Mensch etwas zu sagen haben.
Pircher: Und ein guter Babysitter, ein guter Diplomat und ein guter Wirt sein. Mit anderen Worten: Der Grabredner sollte alle jene Eigenschaften auf sich vereinen, welche die Lehrbücher dem Staatsoberhaupt ins Stammbuch schreiben. Und das Staatsoberhaupt soll vor allem den Bedarf nach einer Person befriedigen, „auf die sich in guten wie in schlechten Zeiten die Blicke richten können“. So heißt es im „Handbuch des Staatsrechts der Bundesrepublik Deutschland“. Wer nichts als Babysitter oder Kindergärtner taugt, taugt auch nichts als Staatspräsident.

STOL: Haben sich alle Menschen unter der Sonne – also auch Halunken, Kriminelle und Verbrecher – eine einfühlsame Grabrede verdient?
Pircher: Natürlich! Alle die Verbrecher erst recht! Warum? Am besten kann ich es an einem Beispiel erklären. Ich hatte einmal einen Mörder zu begraben. Aus einem Mörder mache ich natürlich nicht einen Nicht-Mörder. Aber das, was „Mördersein“ an diesem Menschen war, interessiert den Grabredner gar nicht, sondern allein die Würde, die diesem Menschen aufgrund seines Menschseins zukommt. Und die Würde, die diesem Menschen zukommt, ist die gleiche, die mir zukommt, und zwar aufgrund unser aller Menschseins. Zu dieser unantastbaren Würde führt mich allein die Mutter des Verstorbenen. Denn sie trauert um ihren Sohn und nicht um einen Mörder. Das ist der springende Punkt! Der Grabredner kennt keine guten oder schlechten Menschen, weder unter den Lebenden noch unter den Toten, er kennt nur das Gute oder Schlechte, in dem Menschen drin- oder feststecken. Der Grabredner „lügt“ nicht, sondern bringt in allem, was er sagt und tut, die Botschaft über die Rampe: Ich Mensch – Du Mensch! Ausnahmslos!

STOL: Und wenn man diese Botschaft glaubwürdig rüberbringen will, geht es „nur“ noch ums Menschsein?
Pircher: In meinen Reden reduziere ich das Menschsein eines bestimmten Menschen nicht auf dessen Eigenschaften, Fähigkeiten, Merkmale oder Funktionen, sondern ich „lösche“ diesen bestimmten Menschen gewissermaßen aus, und affirmiere sein Menschsein. Und das Menschsein eines Mörders ist dasselbe Menschsein wie mein Menschsein. Da sind alle Unterschiede aufgehoben. Der Grabredner ist im Idealfall eine Verkörperung des „Idioten“ von Dostojewski. Der Zyniker sagt: Aber wie soll ich diesem Menschen jemals vergeben? Der Idiot antwortet: Vergeben – das ist mein Geschäft! Der Idiot weiß, daß wir alle einer Liebe bedürftig sind, die an keine Bedingungen gebunden ist.

STOL: Das heißt: Sie bewerten Menschen nicht, sondern versuchen, Menschen zu verstehen.
Pircher: Genau! Ich versuche zu verstehen, warum bestimmte Menschen so denken, wie sie denken, warum sie das tun, was sie tun. Alles, was der Grabredner allen Menschen schuldet, ist dieses Verstehen. Und dieses Verstehen holt Menschen heraus aus der Hölle, von der Sartre sagt: Die Hölle, das sind die anderen. Ich befreie sozusagen den Menschen aus den Gefängnissen, in die gesellschaftliche Restriktionen und soziale Klassifizierungen ihn eingesperrt haben. Der Grabredner wirft alle Status- und Standesdünkel in den Orkus. Der Grabredner ist die personifizierte Scheu, über andere Menschen zu urteilen, und die personifizierte Taubheit jenen gegenüber, die darauf lauern, dass sie das, was andere sagen, für falsch, dumm, politisch inkorrekt usw. halten dürfen.

STOL: Gehen Ihnen manche Schicksale oder Tragödien noch unter die Haut? Wenn ja, welche denn?
Pircher: Wenn ich zum Beispiel die Mutter zweier kleiner Kinder begraben muss. Wenn Kinder zu begraben sind. Usw. Aber auch die Lebensgeschichten der Verstorbenen oder der Hinterbliebenen machen mich manchmal sehr betroffen. Da gibt es ja wirkliche Tragödien, wie sie kein Drehbuchautor erfinden kann. Unter die Haut gehen mir weniger die Tragödien alla Shakespeare, wo am Ende des Theaterabends die Bühne mit Leichen übersät ist und über allem der Geist der Gerechtigkeit schwebt, sondern die Tragödien alla Tschechow. Gerechtigkeit gibt es keine, alle müssen Kompromisse machen, alle sind todunglücklich, aber alle sind noch am Leben. Und die Menschen, die sich selber erschießen wollten, waren nicht einmal in der Lage, den Revolver so zu halten, dass der Schuss sie hätte treffen können. (Lacht) Das Leben mancher Menschen ist von einer solchen schwindelerregenden, tragischen „Komik“ durchzogen. Das geht mir unter die Haut.

STOL: Was kommt Ihrer Auffassung zufolge nach dem Tod? Worauf dürfen, sollen die Menschen hoffen?
Pircher: Ich weiß nicht, was nach dem Tod kommt. Aber das kümmert mich auch nicht im geringsten. Dennoch frage ich mich immer wieder, warum ich fest daran glaube, dass mein Tod nichts anderes im Sinn haben kann, als gut zu mir zu sein. Warum glaube ich das? Warum lässt mich dieses Glauben Kostbares wissen? Ich habe nur eine Antwort auf diese Frage gefunden: Ich liebe mich selber. Wahrscheinlich ist das auch der tiefste Grund dafür, dass es mir nicht gelingen will, jenseits der zeitlichen und weniger zeitlichen Tode etwas anderes als Liebe zu erwarten. Eine Liebe, aus der ich nicht herausfallen kann. Mein persönlicher Glaube an Gott ist der Glaube an diese Liebe. Wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, dass es mir nicht gelingen will, ein Jenseits des Lebens anders als Diesseits des Todes zu denken. Für das Jenseits meines Lebens erwarte ich also dasselbe wie für das Diesseits meines Todes: dass mich die Liebe erwartet, in der ich empfangen wurde. Im Schoß meiner Mutter. Das heißt: Wenn ich sterbe, fahre ich in den Himmel hinauf! Zu den Engeln! Und zur Madonna von Caravaggio. Die mit dem wunderschönsten Hals der Welt!

STOL: Welche Beziehung pflegen Sie noch zu Südtirol, auch zu Ihrer Schwester Angelika Pircher – Frau des ehemaligen Landeshauptmannes Luis Durnwalder?
Pircher:  Ich bin überglücklich, wenn ich ein paar schöne Stunden mit meiner geliebten Schwester Angelika und ihrer Familie verbringen darf. Ich bin unendlich dankbar, wenn ich mit meinen Nichten spielen und singen darf. Mit neugieriger Offenheit nehme ich vor allem auch teil am Leben meiner Nichten. Mich interessieren die Menschen, die nach mir kommen. Und dann: Je länger ich von Südtirol weg bin, und es sind inzwischen 25 Jahre, umso leidenschaftlicher nehme ich meine Heimat wahr, und umso bewusster und dankbarer verbringe ich drei-, viermal im Jahr einige Tage in Südtirol. Ich wandere gern auf die Flatschberg Alm im Ultental, trinke gern einen guten Vernatsch, flaniere durch Bozen und Neumarkt – und muß erkennen: Welcher Reichtum! Welche Schönheit! Wie viele schöne Menschen! Aber ich kann auch sehr ungehalten werden, wenn ich erkennen muss, dass einige dieser schönen Menschen ein bißchen zu saturiert sind, um über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Die selbstgefällige Nabelschau mancher Landsleute ist mir unangenehm. Nicht zuletzt deshalb rate ich meinen Nichten, Südtirol auch einmal zu verlassen, in Litauen oder Spanien oder Rußland zu studieren oder zu arbeiten. Oder ein soziales Jahr in Bulgarien zu machen. Damit man aus dem eigenen Sell-woll-sell-Schwumpf auch einmal gehörig rausfliegt. Das fördert die affektive, menschliche Reifung und macht sensibel für die vielen Farben und Gesichter dieser Welt. Denken lernen heißt unterscheiden lernen. Unterscheiden lernen heißt, sich dem auszusetzen, wo man sich nicht immer schwimmfest fühlt.

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Zur Person:
Hannes Benedetto Pircher, 1971 in Meran geboren, lebt als freier Grabredner, Schauspieler und freier Autor in Wien. Von 1994 bis 2001 war er Mitglied des Jesuitenordens, als Schauspieler stand er unter anderem auf der Bühne des Tiroler Landestheaters und an der Wiener Volksoper. 2015 erschien sein Werk „Sorella Morte: Über den Tod und das gute Leben“.

 

stol