So richtig „o du fröhliche“ wird diese Weihnacht nicht. Eher ist da ein mulmiges Gefühl – bei der Feier mit den Lieben, bei der Christmette. Besser darauf verzichten? Und wenn ich tatsächlich jemanden anstecke: Bin ich da schuldig? Heikle Fragen an den Moraltheologen P. Martin Lintner, der aus Aldein stammt und in Innsbruck wirkt. <BR /><BR /><i>Interview: Martin Lercher</i><BR /><BR /><b>Wie können wir Corona-gerecht Weihnachten feiern?</b><BR />P. Martin Lintner: Der Lockdown nötigt uns alle zu einer gewissen Entschleunigung, ob wir wollen oder nicht. Und zu Distanz, obwohl Weihnachten ja ein Fest der Nähe ist. Vielleicht können diese äußeren Umstände zum Anlass werden, dass wir uns bewusster auf das besinnen, was wir zu Weihnachten feiern und wer uns wichtig ist. Weil manches von dem, was wir mittlerweile äußerlich mit dem Fest verbinden, in diesem Jahr nicht möglich ist, können wir mehr nach innen gehen, auf das Wesentliche schauen. <BR /><BR /><b>Was heißt das konkret?</b><BR />P. Lintner: Mein Eindruck ist, dass viele Menschen aufgrund der Corona-Pandemie nachdenklicher geworden sind und sich bewusster mit Lebensfragen auseinandersetzen wie: Was gibt mir in dieser schwierigen Situation Hoffnung? Was hilft mir, nicht verzagt zu werden? Gerade weil die Besuchs- und Begegnungsmöglichkeiten eingeschränkt sind, ist es umso wichtiger, Beziehungen weiterhin zu pflegen. Das betrifft einmal die Menschen, mit denen wir uns derzeit nicht treffen können. Es braucht aber auch Kreativität und guten Willen, um die Beziehung mit den Menschen zu gestalten, mit denen wir jetzt in den eigenen vier Wänden vielleicht sehr viel mehr Zeit verbringen als zu normalen Zeiten, sodass es gerade in Zeiten wie Weihnachten zu Spannungen und Konflikten kommen kann.<BR /><BR /><b>Vorher Risiken abwägen</b><BR /><BR /><BR /><b>Corona betrifft auch die kirchlichen Feiern. Ist es eine Sünde, wenn ich aus Angst vor Ansteckung diesmal nicht in die Kirche gehe?</b><BR />P. Lintner: Natürlich ist gerade zu Weihnachten die Christmette für viele ein geistliches Bedürfnis. Wir feiern schließlich das wichtigste Fest nach Ostern im kirchlichen Jahreskreis. Ich glaube, es geht um eine verantwortete Abwägung der Risiken, die ich in Kauf nehme, wenn ich in die Kirche gehe. Die Kirche, die Pfarren und die Gläubigen haben bei uns bislang ja sehr verantwortungsvoll agiert, sodass Gottesdienste keine Infektionsorte geworden sind. Wenn es um Angst vor Ansteckung geht, dann halte ich eine realistische Einschätzung der Gefahr für wichtig und dass wir zugleich auch die Möglichkeiten ausschöpfen, uns und andere zu schützen. <BR /><BR /><b>Es gibt also keinen Grund, nicht hinzugehen?</b><BR />P. Lintner: Angst soll nicht uns nicht bestimmen, sondern Vorsicht und eine realistische Abwägung von Gefährdung und möglichen Schutzmaßnahmen. Wenn ich mich dann entschließe, nicht in die Kirche zu gehen, kann ich einen Gottesdienst ja zu Hause über die Medien mitfeiern, da gibt es ein großes Angebot.<BR /><BR /><b>Was in der Krise wichtig ist</b><BR /><BR /><BR /><b>Und wenn ich das auch deswegen mache, weil mich die Messe unter Corona-Bedingungen nicht mehr mag?</b><BR />P. Lintner: Bei den Gottesdiensten, die ich feiere, erlebe ich selbst, wie störend die Schutzmaßnahmen sind: Abstand halten, nicht singen dürfen, die ganze Zeit über Mund-Nasen-Schutz tragen, Händedesinfektion vor dem Kommunionausteilen usw. Das stört den Feiercharakter empfindlich. Dennoch wird auch in diesen Gottesdiensten das Wort Gottes verkündet, die Eucharistie gefeiert, die Hl. Kommunion kann empfangen werden usw. Das heißt, die innige Gemeinschaft mit Christus und mit der mitfeiernden Gemeinde geschieht trotz der Vorsichtsmaßnahmen. Der Wunsch nach schön gestalteten Messen, die wir mögen und die uns gefallen, ist berechtigt, aber in einer Krisensituation ist schon allein die Tatsache, dass eine Messe gefeiert werden kann, wichtig. Es gibt viele Orte, wo dies aufgrund von Priestermangel oder aufgrund von Christenverfolgung nicht möglich ist. <BR /><BR /><b>Aber es geht auch ohne Messe.</b><BR />P. Lintner: Wir dürfen den Fokus nicht ausschließlich auf die Eucharistie lenken. Sie ist zwar Höhepunkt und Quelle des christlichen Lebens, aber es gibt auch viele andere Formen, unseren Glauben zu leben und zu feiern. Besonders wichtig scheint mir in dieser Zeit das gemeinsame Beten in der Familie. Auch eine gemeinsame Bibelstunde, das heißt gemeinsam einen Text aus der Bibel zu lesen und darüber zu sprechen, kann sehr bereichernd sein. In unserem Alltag hat ein Gespräch über den Glauben oft wenig Platz, aber es täte uns als Gläubige gut, wenn wir öfter über unseren Glauben miteinander ins Gespräch kämen und uns auf dem Glaubensweg unterstützten. Das können wir aufwerten und bewusst pflegen. Zum Beispiel die Frage: Was machen die Erfahrungen der Corona-Pandemie mit mir? Wie wirken sie sich auf meinen Glauben und auf mein Gottesbild aus? Ich bin überzeugt, dass es für viele eine schöne und auch heilsame Erfahrung sein kann, sich auf solche Formen des geteilten Glaubens einzulassen.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-47150954_quote" /><BR /><BR /><BR /><b><BR />Eine Frage, die sich in diesem Jahr nicht wenige stellen: Wenn ich jemanden anstecke – muss ich dann ein schlechtes Gewissen haben?</b><BR />P. Lintner: Das hängt davon ab, ob dies aus Fahrlässigkeit passiert oder nicht. Wenn ich mich an die Vorsichtsmaßnahmen gehalten und mich trotzdem angesteckt habe und dann unwissentlich und unwillentlich jemand anderen anstecke, wird mir das zwar auch sehr leid tun, aber dann kann ich es mir nicht anlasten. Wenn ich mich hingegen aus Sorglosigkeit selbst angesteckt habe und dann wiederum aus Unachtsamkeit andere anstecke, zum Beispiel weil ich die Schutzmaßnahmen ablehne oder nicht einhalte oder in irgendeiner Form zu den Corona-Verharmlosern oder sogar Leugnern gehöre, dann halte ich eine selbstkritische Gewissensprüfung für angebracht. <BR /><BR /><b>Messe muss ausfallen</b><BR /><BR /><BR /><b>Was sagen sie jenen, die vielleicht jemanden infiziert haben, der dann im Krankenhaus landet oder gar gestorben ist?</b><BR />P. Lintner: Das ist natürlich tragisch und sehr belastend, besonders wenn die infizierte Person verstorben ist. In einer solchen Situation würde ich zunächst versuchen zu trösten. Und die betroffene Person reden lassen. Wenn sie dann Vorwürfe sich selbst gegenüber äußert, dass jemand ihretwegen infiziert worden oder sogar verstorben ist, würde ich versuchen zu helfen, diesen Vorwurf ein wenig zu sortieren: Welche Verantwortung trägt die Person wirklich für die Infektion des Verstorbenen? Geschah es fahrlässig oder nicht? Auch würde ich versuchen, dieser Person helfen zu verstehen, dass sie ja nicht vorsätzlich jemandem schaden oder gar jemand töten wollte, da muss man schon differenzieren. Wir sind zwar verantwortlich für die Folgen unseres Handelns, aber wir haben nicht alles in der Hand. Wenn sich jemand wirklich schuldig fühlt, weil er jemanden tatsächlich aus Leichtsinn infiziert hat, dann kann er mit einem Covid-Patienten, der überlebt hat, darüber sprechen, auch um Entschuldigung bitten. Falls der Patient verstorben ist, kann man ihn im Gebet um Vergebung bitten, vielleicht auch das Grab besuchen oder eine Kerze anzünden. <BR /><BR /><BR /><b>Wie werden sie persönlich im Lockdown Weihnachten feiern?</b><BR />P. Lintner: Den Heiligen Abend und den Christtag werde ich in der Konventgemeinschaft verbringen. Wir werden in der Kirche mit einer beschränkten Anzahl von Gläubigen die Gottesdienste feiern. Ab dem Stefanitag ist hier in Innsbruck, wo ich außerhalb der Vorlesungszeiten lebe, wieder ein harter Lockdown angesagt, das heißt, dass keine Besuche bei Freunden oder in der Familie möglich sein werden, weder hier in Tirol noch in Südtirol. Auch eine Messe während der Weihnachtszeit in einem Altenwohnheim, die ich seit einigen Jahren immer gefeiert habe und auf die sich die Bewohnerinnen und Bewohner immer sehr gefreut haben, ist leider nicht möglich. Es wird also sicher ein wenig ruhiger. Andererseits gibt es zum Glück Telefon und Internet, um miteinander in Verbindung zu bleiben und Glück- und Segenswünsche auszutauschen.<BR />