Donnerstag, 31. Januar 2019

Italien mit Masern-Epidemie konfrontiert: Streit um Impfpolitik

Von den 12.279 Masern-Erkrankungen, die man in der EU zwischen Dezember 2017 und November 2018 registrierte, wurden 2548 in Italien gemeldet, geht aus Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hervor. Dabei kam es in Italien zu 7 Todesfällen.

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30 Prozent der Masern-Fälle in Italien betrafen Kinder unter 5 Jahren. Und: 91 Prozent der von dem Virus betroffenen Personen war nicht geimpft.

In Italien ist das Risiko, an Masern zu erkranken, das zweitgrößte in Europa. Nur in Frankreich und in Griechenland sind Masern noch weiter verbreitet.

„Impfpflicht funktioniert“

Gegenüber 2017, als noch 5402 Masern-Fälle gemeldet wurden, halbierte sich jedoch die Zahl der Erkrankungen in Italien. Dies führen die Ärzte auf die zunehmende Zahl von Impfungen infolge der im Juli 2017 beschlossenen Impfungspflicht zurück. Diese sieht 10 Pflichtimpfungen für Kinder vor, darunter Masern, Hirnhautentzündung, Tetanus, Kinderlähmung, Mumps, Keuchhusten und Feuchtblattern.

„Die neuveröffentlichten Angaben, laut denen sich die Masern-Fälle in Italien 2018 gegenüber dem Vorjahr halbiert haben, bezeugen, dass die Impfpflicht für Kinder im Schulalter funktioniert“, kommentierte Walter Ricciardi, italienischer Präsident des World Federation of Public Health Associations (WFPHA). Der Rückgang der Masern-Fälle sei beachtenswert, man müsse in Italien jedoch weiterhin für eine stärkere Impfdeckung arbeiten. Nur so könne man die Masern-Epidemie eindämmen.

Regierung hat versprochen, Impfpflicht abzuschaffen

Die beiden in Rom regierenden Kräfte – die Fünf Sterne-Bewegung und die Lega – hatten im Wahlkampf für die Parlamentswahlen im März 2018 aber versprochen, die Impfpflicht abzuschaffen.

Vom Gründer der Fünf-Sterne-Bewegung, Beppe Grillo, wurde die Einschätzung überliefert, dass Schutzimpfungen zwar eine wichtige Rolle bei der Ausrottung gefährlicher Krankheiten gespielt hätten. Impfungen hätten jedoch auch beträchtliche Nebenwirkungen, die unter anderem angeblich Krebserkrankungen, Allergien und Autismus verursachen könnten. Außerdem seien verpflichtende Schutzimpfungen ein Geschenk des Staates an die Pharmaindustrie, kritisierte Grillo.

Auch Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini erklärte sich gegen die Impfpflicht. Zwar hat Salvini nach eigenen Angaben seine beiden Kinder impfen lassen, ist aber der Meinung, dass die Entscheidung den Eltern überlassen werden solle, ob und wogegen sie ihre Kinder impfen lassen.

Seit dem Amtsantritt der Regierung von Premier Giuseppe Conte im vergangenen Juni müssen Eltern für ihre Kinder keine Bestätigung mehr von der Gesundheitsbehörde über die erfolgten Impfungen vorlegen, damit die Kinder Kindergarten und Schule besuchen dürfen, sondern können selbst darüber Auskunft geben. Die Regierung spricht von „flexibler Impfpflicht“, Schutzimpfungen werden empfohlen, aber nicht befohlen.

Eltern wird geraten, ihre Kinder zu impfen, diese sollen jedoch nicht aus der Schule ausgeschlossen werden, wenn sie nicht geimpft sind, wie das Gesetz derzeit vorsieht. 

PD protestiert gegen flexible Impfpflicht

Die „flexible Impfpflicht“ löste den Protest des oppositionellen Partito Democratico (PD) aus, die am bestehenden Gesetz festhalten. „Man scherzt nicht mit der Gesundheit der Kinder“, lautet der Slogan der PD-Kampagne.

Zusätzlich kompliziert wird die Lage durch den Umstand, dass die Regierungen von 9 der 20 Regionen angekündigt haben, Verfassungsklage gegen die neuen Impfbestimmungen einzulegen. Damit ist die Impfpflicht zum Gegenstand eines Rechtsstreits vor der höchsten Instanz geworden.

Mit der Einführung der Impfpflicht gewann in Italien die schon zuvor verbreitete Anti-Impf-Bewegung „No Vax“ an Schwung. Ihre Anhänger sind gegen Impfspezialisten und medizinische Fachleute misstrauisch. Sie fordern die sofortige Abschaffung der Impfpflicht.

Auch in Österreich haben die Ansteckungen zugenommen.

apa

stol