In einem Interview erzählt sie wie Spielfilme aus dem Westen verstümmelt werden, was für die Mullahs sittenwidrig ist und was ihr in Meran besonders fehlt.<BR /><BR /><b>Mahsa, warum sind Ihre Eltern von Deutschland zurück nach Teheran?</b><BR />Mahsa N.: Meine Schwester ist 20 und möchte in Deutschland studieren, aber dazu braucht sie noch ein paar zusätzliche Oberschulprüfungen. Die will sie bis Dezember in Teheran ablegen. Und mein Vater betreibt dort eine Import-Export-Firma.<BR /><BR /><b>Wie geht es Ihren Eltern und Schwester dort?</b><BR />Mahsa N.: Sie haben Angst wie viele andere, Angst auf die Straße zu gehen. Meine Schwester ist bei der Oma und sie lassen sie glücklicherweise nicht auf die Straße gehen. Darüber bin ich sehr erleichtert, denn wer dort auf die Straße geht, um gegen das Regime zu protestieren, riskiert sein Leben. Einer Freundin meiner Schwester wurde in den Arm geschossen. Die Menschen sind müde. Manche haben die Hoffnung auf eine Änderung im Land, auf Demokratisierung, nach den vielen Protesten in den vergangenen 43 Jahren seit der Revolution, aufgegeben. Und wissen Sie, was das Übelste ist, die Heuchelei.<BR /><BR /><embed id="dtext86-56502589_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Mahsa N.: Die Familienangehörigen, Freunde und Günstlinge der Mullahs leben ganz normal, feiern ihre Feste, singen, tanzen, trinken Alkohol, und da ist man ganz sicher davor, dass die Sittenwächter vorbeischauen. Wissen Sie, was ganz skurril ist?<BR /><BR /><b>Erzählen Sie.</b><BR />Mahsa N.: Daheim werden auch Westfilme gezeigt, natürlich sychronisiert, aber weil alle nur irgendwie heiklen Szenen wie Küsse oder wo man zu viel Haut sieht bzw. wo es Richtung Schlafzimmer geht, herausgeschnitten werden, versteht man gar nicht mehr, worum es im Film geht. Total lächerlich.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="822143_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie halten Sie Kontakt mit Ihrer Familie? Was erzählt sie?</b><BR />Mahsa N.: Über Telegram oder Facetime-Anrufe, aber das funktioniert nicht immer, weil die Internetverbindungen schlecht und langsam sind oder über eine verschlüsselte VPN-Verbindung, mit der kann man sich anonym im Netz bewegen. Denn Facebook, Twitter und Youtube wurden vom Regime blockiert. Ehrlich gesagt, kriege ich hier in Europa mehr mit als meine Familie in Teheran.<BR /><BR /><embed id="dtext86-56504020_quote" /><BR /><BR /><b>Mahsa Amini wurde von der Sittenpolizei mitgenommen, weil sie das Kopftuch nicht vorschriftsmäßig getragen hat. Erkennt man die Sittenpolizei?</b><BR />Mahsa N.: Nein, die tragen keine Uniform, man erkennt sie höchstens an der Aufschrift auf den Autos. Sie beobachten, ob die Ärmel eines Kleides, einer Jacke bis zu den Handgelenken reichen, ob ein Rock oder eine Hose lange genug sind usw. Das Regime zwingt den Frauen das Kopftuch auf.<BR /><BR /><b>Was ist „sittenwidrig“?</b><BR />Mahsa N.: Man darf nicht mit Freunden ausgehen, sich in der Öffentlichkeit küssen oder an der Hand halten, nicht umarmen. Man darf nicht im Auto mit einem Mann unterwegs sein, der nicht Vater, Mann, Bruder, Großvater oder Onkel ist. Ich habe im Iran tausendfach illegale Sachen gemacht. Ich hatte Geigenunterricht bei einem Mann. Alles illegal, Mittelalter. Erwischt wurde ich nie (lacht). Die Sittenpolizei ist in Teheran und den größeren Städten omnipräsent, vor allem an Bahnhöfen oder Bushaltestellen. Mahsa Amini wurde ja auch am Bahnhof mitgenommen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-56504021_quote" /><BR /><BR /><b>Was ist, wenn einen die Sittenwächter schnappen?</b><BR />Mahsa: Jedes „Fehlverhalten“ landet im Strafauszug, oft drohen auch Verhaftung und Gefängnis. Und oft wird bezahlt, um wieder entlassen zu werden. Es herrscht Korruption.<BR /><BR /><b>Wie patriachalisch ist der Iran?</b><BR />Mahsa N.: Die Iraner sind Perser, keine Araber. Männer und Frauen begegnen sich auf Augenhöhe. Die Männer sind nicht machohafter als hier. Nur als Beispiel: An der Uni in Teheran studieren mehr Frauen als Männer. Natürlich hätte der Mann laut Regime das Sagen über die Frau. Die Realität ist anders. Die Männer der Fußballmannschaft haben gegen den Mord an Mahsa Amini demonstriert. Es protestieren junge Männer und junge Frauen.<BR /><BR /><b>Wie schwierig ist es, den Iran zu verlassen?</b><BR />Mahsa: Gar nicht. Schwieriger ist die Einreise in andere Staaten wegen der Sanktionen gegen das Mullah-Regime. So gesehen, machen es uns die Mullahs doppelt schwer.<BR /><BR /><b>Abgesehen von Ihrer Familie, was fehlt Ihnen am meisten hier in Meran?</b><BR />Mahsa N.: Das Essen, die Düfte, die Aromen der Früchte, die riechen und schmecken ganz anders. Unsere Marille fehlt mir.<BR /><BR />